Wiesbaden/Erfurt (ABZ) | Die bundesweite Erholung bei den Baugenehmigungen für Wohnungen zeigt sich in Hessen und Thüringen bislang kaum. Während die Zahl genehmigter Wohnungen bundesweit von Januar bis August 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 12,1 Prozent stieg, blieb sie in Hessen mit 10.711 Wohnungen nahezu unverändert. Das entspricht einem Plus von 0,4 Prozent. In Thüringen wurden im gleichen Zeitraum 1.508 Wohnungen genehmigt, 0,5 Prozent weniger als im Vorjahr.
»Die bundesweiten Zahlen sind ein positives Signal, für Hessen und Thüringen können wir aber noch keine Entwarnung geben. Entscheidend ist ohnehin nicht allein, wie viele Wohnungen genehmigt werden, sondern wie viele davon tatsächlich gebaut werden«, sagt Dr. Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Hessen-Thüringen.
Als Gründe für die weiterhin angespannte Lage nennt der Verband hohe Bau- und Finanzierungskosten, komplexe Förderbedingungen, regulatorische Anforderungen und aufwendige Genehmigungsverfahren. Zudem wirkten sich hohe Quoten für anteilig zu schaffenden sozialen Wohnraum nach Einschätzung des Verbandes kontraproduktiv aus. »Die Wohnungsnot lässt sich nicht mit einem einzelnen Förderprogramm oder einer einzelnen gesetzlichen Erleichterung lösen. Wir müssen an mehreren Stellschrauben gleichzeitig drehen und vor allem dafür sorgen, dass sich Wohnungsbau wieder rechnet«, so Siebert.
Neben dem Neubau müsse auch der vorhandene Wohnungsbestand stärker berücksichtigt werden. »Wir brauchen beides: bessere Bedingungen für den Neubau und mehr Möglichkeiten, bestehenden Wohnraum zu sanieren, umzubauen und weiterzuentwickeln. Gerade im Bestand liegt Potenzial, zusätzlichen und zeitgemäßen Wohnraum zu schaffen«, betont Siebert. Dafür seien verlässliche und überschaubare Förderbedingungen sowie Verfahren erforderlich, die Eigentümern und Investoren langfristige Planungssicherheit bieten.
Die Ansätze der hessischen Staatssekretärin Ines Fröhlich in den Baupaketen I und II gehen aus Sicht des Verbandes in die richtige Richtung. Insbesondere Erleichterungen bei der Aufstockung von Gebäuden und beim Ausbau von Dachgeschossen könnten dazu beitragen, zusätzlichen Wohnraum im Bestand zu schaffen.
Auch die Möglichkeiten des Bau-Turbos müssten nach Ansicht des Verbandes in den Kommunen konsequent genutzt werden. »Neue gesetzliche Spielräume helfen nur, wenn sie vor Ort auch tatsächlich angewendet werden.« Der Bau-Turbo ermöglicht Städten und Gemeinden, auch über die Vorgaben eines Bebauungsplans hinaus Baugenehmigungen zu erteilen. »Wenn solche Genehmigungen dann jedoch im Rahmen städtebaulicher Verträge mit wirtschaftlich belastenden Auflagen verbunden werden, schreckt dies Investoren ab«, so Dr. Burkhard Siebert weiter.
Auch der Gebäudetyp E könne dazu beitragen, die Baukosten zu senken. Gleichzeitig müsse die Nachhaltigkeit von Gebäuden berücksichtigt werden. »Wir müssen jedoch aufpassen, dass wir die Nachhaltigkeit von Gebäuden nicht aus dem Blick verlieren. Entscheidend ist, über wie viele Jahre ein Gebäude genutzt werden kann. Gebäude aus der Gründerzeit des letzten Jahrhunderts sind heute noch heiß begehrt. Ob dies für Gebäude mit reduzierten Standards - z. B. ohne Keller oder mit abgesenkten Schallschutzanforderungen - ebenso gilt, ist fraglich«, so Dr. Burkhard Siebert weiter. Einsparungen bei der Errichtung dürften deshalb nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssten im Zusammenhang mit der Nutzungsdauer eines Gebäudes bewertet werden.
Der Verband beobachtet nach eigenen Angaben, dass fortlaufend neue Förderprogramme aufgelegt werden. Dadurch werde die Förderlandschaft für die jeweiligen Zielgruppen zunehmend unübersichtlich. Zudem seien die Programme häufig an schwer überschaubare Bedingungen geknüpft und schnell ausgeschöpft. Der Bauindustrieverband Hessen-Thüringen fordert deshalb zinsvergünstigte Darlehen für den Kauf oder die Errichtung der ersten selbst genutzten Wohnung.
