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»Asbest ist keineswegs ein Problem der Vergangenheit«

»Die Zahlen zeigen sehr deutlich, wo Prävention wirkt und wo wir noch genauer hinschauen müssen«, sagte Björn Kass, seit Juli 2026 Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), bei der Vorstellung der Jahreszahlen 2025.

Von ABZ
Tödliche Gesundheitsgefahr am Bau
Putzentfernung mit Schutzanzug, Atemschutz und abgesaugtem Bearbeitungssystem. | Foto: BG Bau

Berlin (cr) | »Die Zahlen zeigen sehr deutlich, wo Prävention wirkt und wo wir noch genauer hinschauen müssen«, sagte Björn Kass, seit Juli 2026 Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), bei der Vorstellung der Jahreszahlen 2025.

Tatsächlich zeichnen die aktuellen Daten ein zweigeteiltes Bild: Während die Zahl der Arbeitsunfälle am Bau weiter zurückgeht, steigt die Zahl der Berufskrankheiten. Besonders gravierend bleibt die Situation beim Thema Asbest. 291 Versicherte der BG Bau starben 2025 an den Folgen asbestbedingter Erkrankungen. Damit gehen rund sieben von zehn tödlichen Berufskrankheiten auf den Gefahrstoff zurück, der in Deutschland bereits seit 1993 verboten ist. Insgesamt starben 396 Versicherte an den Folgen einer Berufskrankheit. Deutschlandweit sterben nach Angaben der BG Bau jährlich rund 1.600 Menschen an den Spätfolgen eines Asbestkontakts.

Bei den meldepflichtigen Arbeitsunfällen setzt sich dagegen der positive Trend fort. Im vergangenen Jahr registrierte die BG Bau 89.113 Arbeitsunfälle. Das sind rund 2.700 weniger als 2024. Erstmals sank die Zahl damit unter die Marke von 90.000. Auch die Unfallquote verringerte sich von 43,76 auf 42,95 Arbeitsunfälle je 1.000 Vollbeschäftigte. Nach Angaben der BG Bau wurden damit nahezu 15.000 Arbeitsunfälle weniger registriert als noch vor fünf Jahren.

Dennoch sieht die Berufsgenossenschaft keinen Anlass zur Entwarnung. Die Unfallquote im Baugewerbe liege weiterhin deutlich über dem Durchschnitt der gesamten gewerblichen Wirtschaft. Nach Angaben von Kass werden Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft und in baunahen Dienstleistungen zwar kontinuierlich sicherer, das Unfallrisiko bleibe jedoch nach wie vor hoch.

Seit Jahren bekanntes Bild

Ein Blick auf das Unfallgeschehen zeige ein seit Jahren bekanntes Bild. Am häufigsten verletzen sich Beschäftigte an Händen sowie an Füßen und Sprunggelenken. Allein Handverletzungen machen rund ein Drittel aller gemeldeten Verletzungen aus. Ursache seien meist keine außergewöhnlichen Ereignisse, sondern alltägliche Arbeiten – etwa der Umgang mit Werkzeugen und Maschinen, das Heben und Tragen von Material oder das Bewegen auf unebenem Baustellenuntergrund.

»Die meisten Unfälle passieren nicht in außergewöhnlichen Situationen, sondern bei ganz alltäglichen Tätigkeiten«, sagte Kass. Deshalb müsse Prävention genau dort ansetzen – mit sicheren Arbeitsmitteln und Maschinen, Ordnung und Sauberkeit auf Baustellen, sicheren Arbeits- und Verkehrswegen sowie einer guten Beleuchtung.

74 Beschäftigte verloren 2025 bei Arbeitsunfällen ihr Leben. Mit einem Anteil von 41 Prozent bleiben Abstürze die häufigste Ursache tödlicher Arbeitsunfälle. Besonders häufig handelte es sich dabei um sogenannte Durchsturzunfälle. An zweiter Stelle folgten Unfälle durch herabfallende oder wegrollende Bauteile und Materialien mit 19 Prozent. Weitere 14 Prozent entfielen auf An- und Überfahrunfälle. Nach Einschätzung der BG Bau kommt es deshalb weiterhin entscheidend auf Absturzsicherungen, eine sichere Lagerung von Material sowie eine konsequente Trennung von Personen- und Fahrzeugverkehr an.

Während die Unfallzahlen sinken, entwickelt sich die Zahl der Berufskrankheiten in die entgegengesetzte Richtung. Im vergangenen Jahr gingen bei der BG Bau insgesamt 22.102 Verdachtsanzeigen auf eine Berufskrankheit ein. Das entspricht einem Anstieg um knapp fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr und zugleich dem höchsten bislang registrierten Wert. Seit 2021 nahm die Zahl der Verdachtsanzeigen um rund 34 Prozent zu.

Die meisten Meldungen entfielen auf Lärmschwerhörigkeit (4.876), gefolgt von Hautkrebs infolge natürlicher UV-Strahlung (3.164), bandscheibenbedingten Erkrankungen der Lendenwirbelsäule (2.168), Gonarthrose (1.861) sowie Läsionen der Rotatorenmanschette der Schulter (1.339). Während die Zahl der Verdachtsanzeigen wegen Lärmschwerhörigkeit zuletzt nicht weiter zunahm, verzeichnet die BG Bau insbesondere bei Hautkrebs sowie muskuloskelettalen Erkrankungen weitere Anstiege. Für Kass ist das »ein deutliches Signal«, Prävention künftig noch stärker auf Gesundheitsbelastungen wie Sonneneinstrahlung, körperliche Belastungen und Gefahrstoffe auszurichten.

Asbest ist immer noch große Herausforderung

Besonders deutlich wird die Bedeutung von Asbest beim Blick auf die tödlichen Berufskrankheiten. Insgesamt entfielen 291 der 396 Todesfälle auf Mesotheliome, Lungenkrebs oder Asbestosen infolge einer Asbestexposition. Obwohl Asbest in Deutschland seit dem 31. Oktober 1993 verboten ist, stellt der Gefahrstoff nach wie vor eine erhebliche Herausforderung dar.

»Asbest ist auch heute, mehr als 30 Jahre nach dem Verbot, noch immer eine große Herausforderung – gerade beim Bauen im Bestand«, sagte Andrea Bonner, die seit Januar 2026 die Abteilung Stoffliche Gefährdungen in der Hauptabteilung Prävention der BG Bau leitet.

Nach ihren Angaben werden bundesweit jedes Jahr rund 2.500 asbestbedingte Berufskrankheiten registriert. Mehr als 30 Jahre nach dem Asbestverbot verursachten asbestbedingte Erkrankungen noch immer rund 60 Prozent aller Todesfälle infolge einer Berufskrankheit. Zwar sei in den vergangenen Jahren ein leichter Rückgang zu beobachten, eine echte Trendwende sei jedoch bislang nicht erkennbar.

Besonders problematisch sei, dass sich Asbest noch immer in einem großen Teil des Gebäudebestands befinde. Nach Einschätzung der BG Bau betrifft der Asbestverdacht rund drei Viertel aller Bestandsgebäude. Asbest wurde früher nicht nur in Faserzementprodukten wie Wellplatten oder Fassadenbekleidungen eingesetzt, sondern auch in Bodenbelägen, Klebern, Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern.

»Wenn wir durch Straßen mit älteren Gebäuden gehen, müssten wir uns gedanklich an jedem Haus einen virtuellen Asbest-Aufkleber vorstellen«, sagte Bonner. Gerade bei Renovierungen, Umbauten und energetischen Sanierungen sei es deshalb entscheidend, mögliche Asbestvorkommen bereits vor Beginn der Arbeiten zu erkennen.

Insbesondere Asbest in Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern sei lange Zeit bei vielen Beteiligten kaum im Bewusstsein gewesen. »Diese Erkenntnis war bei vielen Beteiligten in Vergessenheit geraten«, sagte Bonner. Erst Untersuchungen und die Erstellung sogenannter Schadstoffkataster hätten diese Baustoffe wieder stärker in den Fokus gerückt.

Novellierte Gefahrstoffverordnung

Mit der Ende 2024 und 2025 novellierten Gefahrstoffverordnung wurden deshalb die Anforderungen an Arbeiten im Gebäudebestand deutlich erweitert. Neben den ausführenden Unternehmen werden nun auch Bauherren und Auftraggeber stärker in die Verantwortung genommen. Sie sollen die ausführenden Betriebe über bekannte oder vermutete Asbestvorkommen informieren und möglichst bereits technische Erkundungen veranlassen.

»Die Herausforderung besteht darin, asbesthaltige Materialien zu erkennen, bevor Arbeiten beginnen. Genau hier setzt die novellierte Gefahrstoffverordnung an«, erläuterte Bonner.

Vor Beginn der Arbeiten müsse zunächst das Risiko der geplanten Tätigkeit bewertet werden. Davon hingen sowohl die erforderlichen Schutzmaßnahmen als auch Anzeige-, Nachweis- und Genehmigungspflichten ab. Neu sei außerdem, dass Beschäftigte im Ausbauhandwerk künftig Grundkenntnisse zum Thema Asbest nachweisen müssen. Hinzu kommen arbeitsmedizinische Pflichtvorsorgen sowie weitergehende Qualifikationsanforderungen für Unternehmen und verantwortliche Personen.

Unterstützen soll dies das gemeinsam mit weiteren Unfallversicherungsträgern aufgelegte Programm „Asbest in Konstruktionen“. Ziel ist es, auf Grundlage einer Expositionsrisiko-Matrix die Auswahl geeigneter Schutzmaßnahmen für unterschiedliche Tätigkeiten im Gebäudebestand zu erleichtern. »Die Expositionsrisiko-Matrix soll die Auswahl der Schutzmaßnahmen erleichtern«, sagte Bonner.

Für Kass zeigen die Jahreszahlen vor allem eines: »Prävention endet nicht mit der Vermeidung von Unfällen. Sie bedeutet auch, Menschen vor Gesundheitsgefahren zu schützen, deren Folgen oft erst Jahrzehnte später sichtbar werden.« Damit werde deutlich, dass Arbeitsschutz auf Baustellen heute weit über die klassische Unfallverhütung hinausgehe.

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