Nieheim (ABZ). – Als der Pfropfenstromfermenter in Nieheim im Herbst 2025 in Gang gesetzt worden ist, musste alles stimmen: Die Anlage – die von der Eggersmann Recycling Technology (ERT) geplant und gebaut wurde und die nun den Betrieb verantwortet – soll jetzt 20 Jahre ununterbrochen laufen.
Mindestens. Das heißt, dass alle innenliegenden Verschraubungen trotz enormer Belastung halten müssen. Auch deshalb setzen die Verantwortlichen der Eggersmann Gruppe auf Werkzeuge von Hytorc.
Sieben Achsen in rund 4 m Höhe, an denen jeweils vier ebenso lange, stählerne Rührarme mit insgesamt rund 900 vorgespannten Schrauben befestigt sind. Passend dazu sind sieben Motoren an der Außenwand des Gebäudes angebracht, mit dem die Wellen in Rotation gebracht werden. Verankert sind sie mit je 24 M36-Schrauben, die ebenfalls mit dem entsprechenden Drehmoment verschraubt wurden.
Die aufzubringenden Drehmomente lagen im Bereich zwischen 750 und 1500 Nm. Alles in allem mussten die Monteure rund 1500 Schraubverbindungen festziehen. Im Plan war die Verschraubung nach Drehmoment händisch vorgesehen. Doch angesichts der Menge wurde diese Idee zu Beginn der Umsetzungsphase verworfen, beschreibt es Jörg Brinkschmidt. Er ist Entwicklungsleiter bei ERT: "Wenn wir das mit Drehmomentschlüssel von Hand hätten machen müssen, wären wir allein damit wahrscheinlich mehrere Wochen beschäftigt gewesen." So waren es nur vier Tage.
Energie aus Biogut
Den Eggersmann-Standort im ostwestfälischen Nieheim, auf halber Strecke zwischen Bad Pyrmont und Paderborn gelegen, gibt es seit 1998. Dort wird mittels diskontinuierlicher Fermentation – also im klassischen Batch-Betrieb – Biogas aus Biogut gewonnen. Bisher. Denn aktuell wird die Kompostanlage zu einem Energiewerk umgebaut und optimiert. Der Fokus liegt dann, so beschreibt es Jörg Brinkschmidt, "auf maximaler Energieerzeugung aus Biogut". Die Umrüstung und Optimierung soll nicht nur grüne Energie ins öffentliche Netz einspeisen, sondern ist auch ein Leuchtturmprojekt. "Wir wollen anderen Betreibern zeigen, was bereits heute technologisch möglich ist."
Zentral für die durchgehende Energiegewinnung ist ein Pfropfenstromfermenter: Das rechteckige, langgezogene Gebäude mit einer lichten Raumhöhe von circa 8,6 m ist mittig mit sieben horizontalen Achsen ausgestattet, an denen das stählerne Rührwerk angebracht ist. Jeder Rührarm ist gut 3,9 m lang. Durch die Drehung wird das Biogut langsam vermengt, damit es fermentieren und Biogas entstehen kann.
Der Plan: Innerhalb von 24 Stunden verarbeitet die Anlage, die fast bis zur Decke gefüllt sein wird, rund 150 t Bioabfall aus Kommunalen Sammlungen, privaten Gärten sowie Landschafts- und Gartenbau. Aufgrund der Ausmaße und der Füllmenge sind die Flügel einem enormen Druck ausgesetzt: Doch nicht nur das. Ist die Anlage in Betrieb und randvoll gefüllt, ist eine Wartung der innenliegenden Schraubverbindungen nicht möglich.
Erfahrung und Know-how
Auf der Suche nach einer schnellen und unkomplizierten Lösung, wandten sich die Verantwortlichen an Hytorc. "Der Tipp dazu kam von unserer Bauleitung", berichtet Brinkschmidt: "Wir haben einen sehr erfahrenen Bauleiter, der schon mit Werkzeugen von Hytorc gearbeitet hat, und vor allem Jürgen Dux kannte." Jürgen Dux ist nicht nur Verschraubungsexperte, sondern mitverantwortlich für Service und Vertrieb bei Hytorc Seis.
Im Mittelpunkt der Lösungsfindung standen die Punkte Arbeitsschutz, Umsetzbarkeit und eine langfristige Sicherheit. "Da die Anlage nach Inbetriebnahme für mindestens 20 Jahre durchgängig laufen soll, gibt es keine Möglichkeit, Schraubverbindungen zu kontrollieren, nachzuziehen oder auszutauschen", fasst es Dux zusammen. Für das Verschrauben heißt das: Einhaltung des berechneten Drehmoments, eine Verdrehsicherheit der Verschraubung und sicheres Arbeiten auf einer Hubbühne in gut 3 m Höhe.
Anstelle von manuellen Drehmomentschlüsseln, bei denen ein zweiter Monteur gegenhalten muss, setzte Eggersmann auf den Wechselkassetten-Hydraulikschrauber Stealth-2 mit unterschiedlichen Nüssen. Der Drehmomentschrauber verschraubt mit bis zu 2572 Nm und ist für alle Montageverfahren nach VDI 2230 einsetzbar. Angetrieben wird er vom kompakten und leistungsstarken Hochdruck-Hydraulikaggregat JetPro 9.3. ERT entschied sich nicht nur für das passende Paket aus Schrauber, Werkzeugen und Aggregat, sondern auch für deren Erwerb. Dux: "Hytorc bietet auch immer die Möglichkeit, individuell, für eine bestimmte Aufgabe zusammengestellte Pakete zu leihen."
Pilotprojekt
Die Entscheidung, die benötigten Werkzeuge samt Aggregat zu kaufen, hat mit dem Status der Anlage in Nieheim zu tun. Sie ist als Pilotanlage konzipiert. Das Ziel wäre, auf Basis des Erfolgs in Nordrhein-Westfalen, weitere Anlagen zu errichten – und auf den Erfahrungen bei der Erstmontage aufzubauen. Das geht mit eigenen Werkzeugen einfacher und schneller, wissen die Verantwortlichen von Eggersmann.
Nachhaltige Energiegewinnung
Welche Ziele mit dem Pfropfenstromfermenter erreicht werden sollen, hat ERT längst berechnet: 800 m³ Biomethan pro Stunde. "Das Werk in Nieheim verfügt zudem über eine Windkraftanlage und ist flächendeckend mit Photovoltaik ausgerüstet", berichtet Jörg Brinkschmidt. Ein innovatives, KI-unterstütztes Energiemanagement sorgt dafür, dass Biogas nur dann zu Biomethan veredelt wird, wenn genügend grüner Strom zur Verfügung steht.
"Ansonsten wird das Biogas in Gasspeichern über den Flüssigdüngerlagern gespeichert. Auf diese Weise produziert die Anlage im Jahr wesentlich mehr grünen Strom als für die Veredelung zu Biomethan benötigt wird. Es bleibt ein gewaltiger Überschuss, der ins öffentliche Netz eingespeist wird." Das ist aber nicht alles, sagt der Entwicklungsleiter: "Das Kohlendioxid aus der Biogasaufbereitung wird gesammelt und teilweise als Trockeneis an die Industrie verkauft. Der Rest wird in unserem eigenen Betonfertigteilwerk Betonit in Beton gebunden."
"Verschraubungen von Hytorc wurden schon immer in der Energiewirtschaft genutzt – ob Windkraft, Wasserkraft oder thermisch. Oft sind wir bereits in der Konstruktionsphase gefragt, um die notwendigen Verschraubungen optimal zu gestalten – von der Berechnung bis zur arbeitssicheren Verschraubung an sich. Dass wir jetzt erstmals auch im Bereich Biogas aktiv sind, ist ein sehr erfreulicher Schritt", sagt Dux: "Und wir freuen uns schon auf die nächsten Innovationen und Optimierungen, die wir mit ERT gemeinsam umsetzen!"