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Gemeinsam neue Ideen voranbringen

Der Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V. feiert 125 Jahre und setzt auf Forschung und Kooperation, um aktuelle Herausforderungen wie Wohnungsnot und Klimaschutz anzugehen.

Von ABZ

Der Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V. wird in diesem Jahr 125 Jahre alt. Das ist nicht nur eine besondere Gelegenheit, voller Wertschätzung und Dankbarkeit zurückzuschauen. Es ist auch ein guter Anlass, um den Blick nach vorne zu richten.

Über die aktuellen Herausforderungen und die wichtigsten Themen für die Zukunft sprach die ABZ mit dem Vorstandsvorsitzenden Jan Dietrich Radmacher und seinem Stellvertreter Frederic Dörlitz..

ABZ: Herr Radmacher, Herr Dörlitz, 125 Jahre sind eine lange Zeit. Was macht den Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V. seit 1900 so erfolgreich?

Radmacher: Ganz viel Kontinuität. Besonders in ökonomisch aufregenden Phasen ist unser Verband für unsere ganze Branche ein willkommener Pol der Beständigkeit. Für viele Kalksandstein-Gesellschafter sind Mitgliedschaft und Engagement in Vorstand, Ausschüssen und anderen Gremien einfach selbstverständlich. Das gilt nicht nur für die Familien Radmacher und Dörlitz.

Wir waren und sind immer mehr als eine reine Interessenvertretung – wir forschen für unser Produkt. Der Bundesverband in Hannover ist ohne Zweifel das Kompetenzzentrum für Bauen mit Kalksandstein in Deutschland, vielleicht sogar in ganz Europa. Nirgendwo sonst versammelt sich so viel Fachwissen. Das zeigt sich besonders deutlich in den Ausschüssen, in denen unsere Mitarbeitenden aktiv sind. Dort werden für Zukunftsthemen wie Energie, Umwelt, Technik oder Bauanwendung Lösungen erarbeitet, die allen nutzen. Hinzu kommt die gemeinsame Grundlagenforschung. Sie legt schon seit 1965 die Basis für Innovationen beim Produkt und bei der Produktion von Kalksandstein.

Dörlitz: Neben diesem einzigartigen Forschungsnetzwerk sind unsere vier Regionalvereine prägend, sie leisten vor Ort die Bauberatung und praxisrelevante Fortbildung für unsere Marktpartner. Zusammen mit dem engagierten Team des Bundesverbands ist das schon eine starke Organisation, der es an dieser Stelle herzlich zu danken gilt. Unser Verdienst als Mitglieder ist die Bereitschaft, dieses Netzwerk über alle wirtschaftlichen Höhen und Tiefen hinweg zu stärken.

ABZ: Ihr Jubiläum fällt in eine besonders herausfordernde Zeit. Bauwirtschaft und heimische Baustoffindustrie kämpfen seit zwei Jahren gegen die schwerste Baukrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Was macht das mit Ihnen und dem Verband?

Radmacher: Ich bin seit 1993 als geschäftsführender Gesellschafter in unserem Familienunternehmen tätig – mit ganzem Herzen und aus voller Überzeugung. In all diesen Jahren habe ich viele Herausforderungen erlebt. Eine Krise in dieser Dimension aber hat es noch nie gegeben. Was wir gerade durchleben, ist beispiellos: Die Genehmigungszahlen im Neubau haben sich innerhalb von nur zwei Jahren halbiert – mit dramatischen Folgen für unsere Standorte, unsere Produktion und, was mir besonders nahegeht, auch für unsere Mitarbeitenden.

Gleichzeitig rutscht Deutschland vom Wohnungsmangel in eine echte Wohnungsnot. Was das konkret bedeutet, hat Professor Dietmar Walberg, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V. und einer der führenden Köpfe in der Bauforschung, kürzlich beim Wohnungsbau-Tag in Berlin sehr eindrücklich beschrieben: Über 500.000 Wohnungen fehlen mittlerweile, und rund zehn Millionen Menschen leben in überbelegten Wohnungen. Das ist mehr als nur eine Statistik – das ist eine menschliche Tragödie.

Für mich ist das ein sozialpolitischer Weckruf. Bezahlbares Wohnen darf kein Privileg sein; es ist eine der drängendsten sozialen Fragen unserer Zeit. Wir alle – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – stehen in der Verantwortung, Lösungen zu finden und vor allem zu handeln.

Dörlitz: Dass die Politik diesen dramatischen Missstand endlich wahrnimmt, ist auch ein Ergebnis unserer klaren, deutlichen Kommunikation. Der Bundesverband ist das Sprachrohr der Branche: Wir nutzen unser Jubiläumsjahr konsequent dafür, die Öffentlichkeit für das Thema bezahlbares Wohnen zu sensibilisieren. Insofern ist es nur folgerichtig, ein Jubiläum auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten zu begehen. Wir sind eine starke Gemeinschaft – gestern, heute und morgen. Und das wollen wir zeigen.

ABZ: Warum ist das Engagement in der Kalksandsteinindustrie so groß?

Radmacher: Für uns galt schon immer das Motto "Gemeinsam mehr erreichen". Und es gibt so viele Themen, die kein Mitglied allein besser machen kann als der Verband. Ich denke da an Forschung und Normung, die Prüfung der Qualitätssicherung in den Werken, unsere Nachwuchsförderung oder die so wichtige Sozialpolitik als Arbeitgeberverband. Unser Organisationsgrad bezogen auf die gesamte Kalksandsteinindustrie in Deutschland liegt seit Jahrzehnten unverändert bei mehr als 95 Prozent. Daran sieht man: Wir können nicht alles falsch gemacht haben (lacht).

Dörlitz: Ich möchte einen weiteren Aspekt betonen. Für unsere Partner ist es unverzichtbar, dass die Kalksandsteinindustrie mit einer Stimme spricht. Denken Sie etwa an Architekten, Planer und Verarbeiter, denen wir mit unseren Planungshilfen oder unserer Software die Arbeit erleichtern. Der Kalksandstein-Schallschutzrechner beispielsweise hätte niemals so eine durchschlagende Bedeutung in der Branche erlangt, wenn jedes Mitglied ein eigenes Tool konzipiert hätte. Ich bin schon seit fast 35 Jahren in der Kalksandsteinindustrie tätig und kann mit Fug und Recht sagen, dass mindestens 80 Prozent der Antworten auf Fragen, die uns alle in der Industrie beschäftigen, im Verband gefunden werden.

Radmacher: Man darf auch nicht unterschätzen, wie wichtig es ist, die Interessen unserer Branche entschlossen gegenüber der Politik zu vertreten. Deshalb ist es für uns selbstverständlich, uns in starken Bündnissen zu engagieren – etwa in der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau e.V. (DGfM), im Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden e.V. (bbs) oder in der Initiative "Impulse für den Wohnungsbau". Eines steht fest: Nur gemeinsam können wir wirklich etwas bewegen. Und genau dieses gemeinsame Ringen für bezahlbaren, nachhaltigen Wohnungsbau treibt uns jeden Tag an.

ABZ: Die Wohnungsbaukrise ist noch nicht überstanden. Was muss politisch geschehen?

Radmacher: Nach Monaten lähmender Ungewissheit ist es eine Erleichterung, dass Deutschland endlich wieder eine handlungsfähige Regierung hat. Und die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag lassen Hoffnung aufkommen: Eine Investitionsoffensive, Steuererleichterungen, Bürokratieabbau, mehr sozialer Wohnungsbau und ein sogenannter "Bauturbo" binnen 100 Tagen – das klingt gut. Aber Worte allein bauen keine Wohnungen.

Allen Akteuren muss klar sein: Diese Koalition ist zum Erfolg verdammt. Bezogen auf den Wohnungsbau heißt das, wir brauchen keine kleinen Schritte, wir brauchen einen echten Durchbruch. Die Fertigstellungen müssen rasant steigen, vor allem im bezahlbaren, mehrgeschossigen Wohnungsbau. Genau hier liegt unsere Stärke als Kalksandsteinindustrie – wir sind bereit, wir haben die Kapazitäten, wir wollen liefern. Die neue Bundesregierung ist gut beraten, die vorhandenen Kapazitäten bestmöglich zu nutzen. Aber das muss schnell gehen!

Dörlitz: Wir stehen mitten in einer Phase massiver internationaler Disruption – und das bleibt nicht ohne Folgen für den ehemaligen Exportweltmeister Deutschland. Umso unverständlicher ist es, dass wir nicht entschieden genug auf unsere Binnenwirtschaft setzen.

Volkswirtschaftlich steht unsere Branche der exportgetriebenen Automobilindustrie in nichts nach – im Gegenteil: Investitionen in den Wohnungsbau bleiben im Land, schaffen und sichern Arbeitsplätze, stärken die Infrastruktur und füllen die Staatskassen. Jeder Euro, der hier investiert wird, wirkt direkt und nachhaltig.

KfW-Mittel, Kaufprämien für Elektroautos – all das wird aus Steuergeldern finanziert. Warum wird beim Thema Wohnen so oft gezögert oder gekürzt?

Radmacher: Unser Fünf-Punkte-Plan für bezahlbares Wohnen umfasst eine massive Entbürokratisierung der überbordenden Bauvorschriften, verbesserte Abschreibungen als Anreiz für Investoren, langfristige Planungssicherheit bei Fördermitteln und Rückkehr zum Standard EH-55, Zinsverbilligungen für private Baufamilien und eine Statistik der Baustarts. Sie sehen: Die Kalksandsteinbranche ist bereit, die Bauwende aktiv voranzutreiben. Wir brauchen nur den politischen Startschuss!

ABZ: Was sehen Sie als die großen Zukunftsthemen für die Kalksandsteinindustrie und den Bundesverband?

Dörlitz: Bezogen auf die Industrie müssen 2025 und auch 2026 im Zeichen einer konjunkturellen Wiederbelebung stehen. Die Einschnitte der letzten Jahre waren zu drastisch, als dass wir "einfach so" wieder zum Tagesgeschäft übergehen könnten. Klimaneutralität, Recyclingfähigkeit und Nachhaltigkeit sind die Zukunftsthemen, an denen wir gemeinsam arbeiten, aber natürlich auch jeder für sich in den Werken. Unsere Roadmap hat bereits 2021 die Pfade für eine klimaneutrale Kalksandsteinindustrie aufgezeigt. Ein Update ist in Arbeit. Wir begrüßen es ausdrücklich, dass auch die Kalkindustrie ihre Roadmap vorgelegt hat, da 80 Prozent des ökologischen Fußabdrucks des Produkts Kalksandstein auf die Kalkgewinnung entfallen. Und natürlich genießt auch das Thema Fachkräftesicherung bei uns hohe Priorität, wie praktisch überall in der Bauwirtschaft. Insofern sind wir als Bundesverband vor allem in der akademischen Nachwuchsförderung an den Universitäten und Hochschulen aktiv.

Radmacher: Mit 125 Jahren Erfahrung in der Verbandsarbeit können wir – so glaube ich – sagen, dass die Transformation am Bau eine Daueraufgabe ist und bleibt. Unser gemeinsamer Weg in der Kalksandsteinindustrie hat sich dabei seit dem Verbandsgründungsjahr 1900 be-währt. Wir gehen diesen Weg weiter. Nicht aus Tradition allein, sondern aus Überzeugung. Denn wir tragen gemeinsam Verantwortung – für die Zukunft des Bauens, für kommende Generationen und für den Klimaschutz. Und wir halten seit Beginn der industriellen Kalksandsteinproduktion im Jahr 1894 das Entscheidende in der Hand: den Baustoff für eine klimaneutrale Zukunft!

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