Das 38. Oldenburger Rohrleitungsforum findet unter dem Leitthema "Alt und Neu – Strategien für Netze von morgen" am 5. und 6. Februar 2026 in den Weser-Ems-Hallen Oldenburg statt. Mit Mike Böge, dem Geschäftsführer des Instituts für Rohrleitungsbau an der Fachhochschule Oldenburg e.V., ist ABZ-Redakteurin Cornelia Rachow in den Austausch über dieses Thema gegangen.
ABZ: Das 38. Rohrleitungsforum steht unter dem Motto "Alt und Neu – Strategien für Netze von morgen". Wie bewerten Sie das Spannungsfeld zwischen dem Erhalt bestehender Infrastrukturen und dem Aufbau neuer Netze?
Böge: Dies ist derzeit eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Branche. Ein Großteil unserer Rohrleitungsnetze, die allein in Deutschland spartenübergreifend mehrere Millionen Kilometern betragen, ist über Jahrzehnte gewachsen und viele Kilometer darunter erreichen erfahrungsgemäß das Ende ihrer technischen Nutzungsdauer. Gleichzeitig stehen wir vor neuen Anforderungen durch Klimawandel, Energie- und Wärmewende sowie Digitalisierung. Aus meiner Sicht darf das kein Entweder-oder sein. Vielmehr müssen Erhalt und Erneuerung strategisch miteinander verknüpft werden. Jeder Eingriff in bestehende Infrastrukturen sollte genutzt werden, um Netze zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Genau dieses bewusste Zusammendenken von 'Alt und Neu' bildet den Kern des Leitthemas des diesjährigen Rohrleitungsforums.
ABZ: Sie sprechen von mehreren Millionen Kilometern Rohrleitungsbestand in Deutschland. Welche Strategien sind aus Ihrer Sicht erforderlich, um diesen gewaltigen Bestand zukunftsfähig zu erhalten?
Böge: Entscheidend ist zunächst, den Bestand wirklich zu kennen. Eine belastbare Datenbasis, systematische Zustandserfassung und eine saubere Dokumentation sind die Grundlage jeder nachhaltigen Strategie. Darauf aufbauend braucht es langfristige Netzkonzepte, die Prioritäten setzen und nicht nur auf kurzfristige Schadensreaktionen abzielen. Ergänzend spielen qualitätsgesicherte Bau- und Sanierungsverfahren, qualifiziertes Personal sowie der gezielte Einsatz digitaler Werkzeuge eine wichtige Rolle, um auch den Rohrleitungsbestand langfristig und wirtschaftlich besser erhalten zu können.
ABZ: Wie können bestehende und neue Netze zu einer tragfähigen Gesamtstrategie für die Daseinsvorsorge zusammengeführt werden?
Böge: Eine tragfähige Gesamtstrategie entsteht nur, wenn bestehende und neue Netze nicht getrennt, sondern als zusammenhängendes System gedacht werden. Das erfordert integrierte Planungsansätze, die Sparten, Lebenszyklen und zukünftige Anforderungen gemeinsam betrachten. Instandhaltung und Ausbau sollten stärker koordiniert werden – sowohl innerhalb einzelner Netze als auch spartenübergreifend. Digitalisierung, etwa durch Untergrundmodelle oder BIM, kann dabei helfen, Transparenz zu schaffen und Entscheidungen fundierter zu treffen. Ziel muss es sein, die Daseinsvorsorge resilient, wirtschaftlich und langfristig verlässlich aufzustellen.
ABZ: Der Fachkräftemangel stellt die Branche vor große organisatorische Aufgaben. Welche konkreten Lösungsansätze sehen Sie hier?
Böge: Die Branche hat ja bereits reagiert. Zu dem Bündel an Ansätzen gehören beispielsweise attraktive Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote, eine stärkere gesellschaftliche Wertschätzung der Arbeit im Leitungsbau sowie verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen und Beschäftigte. Gleichzeitig müssen aus meiner Sicht Prozesse effizienter werden, etwa durch Digitalisierung und eine bessere Planung, damit Fachkräfte dort eingesetzt werden, wo sie den größten Mehrwert bringen. Letztlich braucht es auch Offenheit für neue Wege, beispielsweise bei der Gewinnung von Nachwuchs auch über regionale oder nationale Grenzen hinaus. Auch hier gibt es bereits gute Beispiele.
ABZ: Welche Rolle spielt die datengetriebene Instandhaltungsplanung bei der Verknüpfung von baulichem Zustand, Betriebsführung und Materialeinsatz?
Böge: Eine datengetriebene Instandhaltungsplanung sollte heute der Standard sein – und dort, wo sie es noch nicht ist, muss sie es werden. Bereits vor Jahrzehnten wurden beispielsweise in der Abwasserwirtschaft mit standardisierten Datenaustauschformaten wie ISYBAU wichtige Grundlagen geschaffen. Diese Ansätze zeigen, wie wertvoll strukturierte Daten für Zustandsbewertung, Betriebsführung und Investitionsplanung sind. Mit Blick auf digitale Zwillinge und BIM gilt es nun, diese Konzepte spartenübergreifend weiterzuentwickeln. Auf diese Weise lassen sich baulicher Zustand, Betrieb und Materialeinsatz sinnvoll verknüpfen und langfristig fundierte Entscheidungen treffen.
ABZ: Beim Forum geht es auch um CO2-Pipelines und den Ausbau der Fernwärmenetze. Wie schätzen Sie die technischen Herausforderungen beim Aufbau dieser neuen Infrastrukturen ein?
Böge: CO2 stellt deutlich andere technische Anforderungen als Erdgas oder Wasserstoff. Insbesondere Fragen des Korrosionsschutzes sowie die jeweiligen Transportbedingungen – etwa Druck- und Phasenzustände – sind sorgfältig zu berücksichtigen. Bei der Fernwärme handelt es sich zwar nicht um eine neue Technologie, die Herausforderungen sind hier jedoch Temperaturanpassungen der bestehenden Netze -beispielsweise bei der Verwendung von Großwärmepumpen. Zudem verfügt der urbane Raum über wenig Platz. Nutzungskonflikte im Untergrund und Verkehrsbelastungen erfordern angepasste Bauweisen. Verfahren wie der Einsatz von Flüssigboden können dabei helfen. Zudem muss der Ausbau immer auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden, insbesondere mit Blick auf die erforderliche Anschlussdichte.
ABZ: Wasserstoff als Energieträger der Zukunft steht im Fokus – welche spezifischen Anforderungen stellt der Wasserstofftransport an Transport- und Verteilnetze?
Böge: Wasserstoff ist aufgrund seiner geringen Molekülgröße deutlich permeabler als andere Energieträger, was hohe Anforderungen an die Dichtheit von Leitungen, Armaturen und Anlagenkomponenten stellt. Hinzu kommen sicherheitstechnische Aspekte, die eine Anpassung des Betriebsmanagements erfordern. So verbrennt Wasserstoff beispielsweise farblos, was andere Sicherheits- und Überwachungskonzepte notwendig macht. Insgesamt erfordert der Wasserstofftransport daher nicht nur Anpassungen bei Netzkomponenten, sondern auch neue betriebliche und organisatorische Standards.
ABZ: Wie können Digitalisierung und Automatisierung dazu beitragen, die Effizienz im Rohrleitungsbau zu steigern?
Böge: Digitalisierung und Automatisierung schaffen Transparenz über den Bestand, unterstützen eine bessere Planung und helfen, Bau- und Betriebsprozesse gezielter zu steuern. Digitale Werkzeuge ermöglichen es, Daten aus Planung, Bau und Betrieb miteinander zu verknüpfen und dadurch Fehler, Doppelarbeiten und unnötige Eingriffe zu vermeiden. Gerade vor dem Hintergrund knapper Fachkräfte ist es wichtig, vorhandene Kapazitäten durch effizientere Prozesse optimal einzusetzen. Automatisierung und digitale Unterstützung ersetzen dabei nicht den Menschen, sondern helfen ihm, seine Arbeit sicherer und produktiver zu machen.
ABZ: Das Regenwassermanagement und die wasserbewusste Stadtplanung gewinnen an Bedeutung. Welche innovativen Ansätze sehen Sie hier?
Böge: Wasserbewusste Stadtentwicklung und Schwammstadtansätze sind weniger einzelne technische Lösungen als vielmehr eine langfristige, integrative Strategie. Sie setzen ein Umdenken bei allen Beteiligten voraus – angefangen beim Wasserbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger, die lernen müssen, mit Wasser zu leben und zugleich den Mehrwert für Lebensqualität und Stadtklima zu erkennen. Nachhaltiges Regenwassermanagement erfordert eine enge Zusammenarbeit von Kommunen, Netzbetreibern, Stadtplanung und der Industrie. Dabei müssen Nutzungskonflikte frühzeitig mitgedacht werden, etwa wenn Flächen perspektivisch andere Funktionen übernehmen sollen. Das ist keine kurzfristige Maßnahme, sondern strategische Stadt- und Infrastrukturplanung über Jahrzehnte hinweg.
ABZ: Inwiefern müssen sich Maschinen, Verfahren und Werkstoffe im Rohrleitungsbau weiterentwickeln, um den ökologischen Herausforderungen gerecht zu werden?
Böge: Um den ökologischen Herausforderungen gerecht zu werden, müssen sich Maschinen, Verfahren und Werkstoffe konsequent weiterentwickeln. Ziel ist es, den CO2-Fußabdruck von Bau- und Sanierungsmaßnahmen deutlich zu reduzieren. Das betrifft unter anderem den Einsatz emissionsärmerer oder alternativer Antriebe für Baugeräte und Fahrzeuge sowie effizientere Bauverfahren. Diese Entwicklung ist bereits in vollem Gange, nicht zuletzt, weil Auftraggeber ökologische Kriterien zunehmend in Vergabeprozessen berücksichtigen. Gleiches gilt für Materialien und Produkte, die sich stärker an Prinzipien der Kreislaufwirtschaft orientieren müssen. Auch Fördermittelgeber und Finanzierungsinstitute setzen vermehrt auf Projekte, die Nachhaltigkeitsziele erfüllen. Damit verändert sich die Projektlandschaft insgesamt – und mit ihr alle beteiligten Akteure.
ABZ: Das Forum versteht sich als "Zukunftslabor des Leitungsbaus". Welche konkreten Impulse erwarten Sie von der Veranstaltung für die Branche?
Böge: Das Oldenburger Rohrleitungsforum greift viele der zentralen Zukunftsfragen der Branche auf und bringt sie in den zahlreichen Fachvorträgen anhand konkreter Beispiele zusammen. Die Teilnehmenden erhalten damit nicht nur einen sehr guten Überblick über den aktuellen Stand der Technik und der Praxis, sondern auch einen realistischen Ausblick auf die kurz- und langfristigen Entwicklungen. Darüber hinaus fördert das Forum die eigene Kreativität und den offenen Austausch. In Diskussionen, Gesprächen an den Ausstellungsständen und im Rahmenprogramm werden Ideen vertieft und weitergedacht. In diesem Sinne ist das Forum nicht nur ein Zukunftslabor, sondern auch ein Reallabor des Leitungsbaus.
ABZ: Mit mehr als 450 Ausstellern ist das Forum auch eine wichtige Leitmesse. Welche Innovationen erwarten Sie auf der Fachausstellung 2026?
Böge: Die Fachausstellung spiegelt die große thematische Bandbreite des Forums wider. Dabei wird auch sehr deutlich, wie stark sich die Branche in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz weiterentwickelt. Bei den spartenübergreifenden Themen stehen neue Produkte sowie Bau- und Sanierungsverfahren im Fokus, die Ressourcen schonen, Emissionen reduzieren und eine längere Nutzungsdauer der Netze ermöglichen. Ergänzt wird dies durch digitale Lösungen, die Planung, Bau und Betrieb effizienter und transparenter machen und damit einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen Infrastruktur leisten.
Darüber hinaus präsentieren die Aussteller zahlreiche spartenbezogene Entwicklungen. Im Bereich der Kanalnetze geht es unter anderem um langlebige Sanierungslösungen und nachhaltige Konzepte zur Substanzerhaltung. Bei Trinkwassernetzen stehen Hygiene, Sicherheit und ein effizienter Umgang mit der Ressource Wasser im Vordergrund. Für Gas- und Wasserstoffnetze werden Materialien und Betriebskonzepte gezeigt, die den Anforderungen neuer Energieträger und der Energiewende gerecht werden. Im Bereich der Stromübertragungsnetze spielen der umweltverträgliche Ausbau und die sichere Integration in bestehende Infrastrukturen eine große Rolle, während bei der Fernwärme insbesondere platzsparende und emissionsarme Bauweisen im urbanen Raum thematisiert werden.
Diese Kombination aus Querschnittsthemen und spartenbezogenen Lösungen macht die Fachausstellung zu einem echten Innovationsschaufenster der Branche.