Verena Hubertz hat im Mai ihr neues Amt als Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen – so die offizielle Bezeichnung – angetreten. ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga befragte die Ministerin nach ihrer Bilanz der ersten 100 Tage im Amt als Bundesbauministerin und dazu, welche Ziele sich gesetzt hat..
ABZ: Frau Hubertz, am 6. Mai 2025 haben Sie Ihr Amt als zweite Bundesbauministerin der Bundesrepublik Deutschland angetreten. Mit welchen Erwartungen sind Sie in diese Position gestartet?
Hubertz: Wenn wir das gesamthistorisch betrachten, dann bin ich schon die fünfte Bauministerin. Und mein Anspruch ist, richtig was zu bewegen. Das Bauministerium steht für Themen nah am Leben: Wie wohnen wir zusammen? Wie bringen wir Heimat und Klimaschutz zusammen? Und natürlich auch die Frage, wie wir zu mehr bezahlbarem Wohnraum kommen.
ABZ: Wie verliefen die ersten 100 Tage in diesem Aufgabenbereich?
Hubertz: Der Anspruch war groß und es gab jedenfalls keine Schonfrist. Wir haben gleich losgelegt und mit dem Bau-Turbo einen richtigen Beschleuniger für den Wohnungsbau auf den Weg gebracht. Zugegeben, da gab es schon Vorarbeiten, aber ich bin sehr stolz auf mein Haus und wir haben noch einige wichtige Verbesserungen in das Gesetz gebracht. Dazu standen die Haushaltsverhandlungen an, denn auch Geld baut Häuser und entwickelt Städte. Aufgrund des Ampel-Aus' mussten wir gleich zwei Haushaltsjahre auf den Weg bringen, das ist nicht zu unterschätzen in einer angespannten Lage.
ABZ: Ihren ersten großen Auftritt in der Bauwirtschaft hatten Sie bereits kurz nach Ihrem Amtsantritt am 21. Mai 2025 als Rednerin während des "Tag der Bauindustrie 2025", der vom Hauptverband Deutsche Bauindustrie im ehemaligen Gasometer in Berlin ausgerichtet wurde. Die Themen des Events standen überwiegend im Zeichen des jüngst beschlossenen Sondervermögens der Bundesregierung, es herrschte allgemein Aufbruchsstimmung. Wie haben Sie die Situation zu Beginn Ihrer Amtszeit wahrgenommen?
Hubertz: Diese Regierung ist mit dem Versprechen angetreten, Deutschland voranzubringen. Und diese Stimmung habe ich gespürt und spüre sie immer noch. Es gibt auf dem Weg noch einige Brocken, die wir beseitigen müssen. Mit dem Bau-Turbo sind wir einen ersten Schritt gegangen und werden im nächsten Schritt auch weitere Planungs- und Genehmigungsprozesse deutlich beschleunigen.
ABZ: Hat sich die Stimmung in der Branche seither gewandelt? Wie nehmen Sie das aktuelle Geschehen wahr?
Hubertz: Natürlich bekomme ich mit, dass wir gerade beim Tempo noch draufdrücken müssen, damit wir schneller bauen können. Um den Gordischen Knoten aus Bürokratie und hohen Kosten zu zerschlagen, braucht es mehr als ein bisschen rütteln. Ein Stichwort an dieser Stelle ist die kommende weitere Novelle des Baugesetzbuches.
Und mit Blick auf die Branche sehen wir Erholung – in Zahlen und Stimmung. Die Finanzierungen sind wieder leichter möglich, die Baupreise stabiler und die Investitionen und Hypotheken steigen. Das Ergebnis: 3 Prozent mehr Baugenehmigungen im ersten Halbjahr 2025. Auch die Stimmung und das Geschäftsklima im Wohnungsbau hellen sich merklich auf. Aber - wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Entscheidend ist, den Trend nicht nur zu sichern, sondern weiter zu stärken.
ABZ: Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen wurde am 8. Dezember 2021 gegründet und verfügt somit erst über eine junge Geschichte. Zu Beginn Ihrer Amtszeit haben Sie gesagt, dass das Bundesbauministerium jetzt die "volle Rückendeckung der Bundesregierung" hat. Was ist damit gemeint?
Hubertz: Es ist ein junges, wieder eigenständig geführtes Haus und das spüre ich auch am Drive der Kolleginnen und Kollegen. Beim Ziel mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sind sich auch in der Bundesregierung alle einig und so konnten wir zum Beispiel in den Haushaltsverhandlungen mehr Geld für unsere Themen erreichen, wo manche anderen Ministerien kürzen müssen. Dafür bin ich Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil sehr dankbar und das zeigt auch, welchen Stellenwert wir dem geben.
ABZ: Die Umsetzung des Bau-Turbos und des Paragraphen 246 des Baugesetzbuchs wurden von Ihnen als Teil Ihres 100-Tage-Plans angekündigt. Würden Sie diese Aufgaben als erfüllt beschreiben?
Hubertz: Wir haben einen Gesetzentwurf in den ersten 100 Tagen versprochen und den haben wir geliefert. Nun entscheiden die Abgeordneten, wie es damit weitergeht. Unser Ziel war es, den Kommunen ein Instrument an die Hand zu geben, mit dem sie ihre starren Prozesse aufhebeln können. Damit mehr Wohnraum entsteht, und zwar dort, wo er gebraucht wird und wo es sinnvoll ist. Die Entscheidung darüber dies in ein Gesetz zu gießen, liegt jetzt beim Parlament.
ABZ: In Ihrer Rede hatten Sie auch gesagt, dass Sie keine Aufgabe so sehr erfülle wie die, dass "die Bagger wieder ans Rollen kommen". Sie formulierten als zentrale Punkte, dass weniger reguliert werden solle, ein Bund-Länder-Pakt notwendig sei, dass "entbürokratisiert" werden müsse – und dass "wieder Luft sein müsse für unternehmerisches Handeln". Wie weit sind Sie in der Umsetzung dieser Punkte gekommen?
Hubertz: Ich habe meine Ziele klar benannt: Wir müssen mehr bauen und günstiger bauen und besser zusammenleben.
Zeitnah steht auch meine erste Bauministerkonferenz an, auf die ich mich sehr freue. Für mich ein wichtiges Gremium, um mich mit den Ländern auszutauschen, zu lernen und was gut funktioniert, gerne deutschlandweit ausrollen. Diesen Weg müssen wir gemeinsam gehen.
ABZ: Auch das Thema Digitalisierung hatten Sie in Ihrer Antrittsrede angesprochen, allerdings hinkt Deutschland in der Digitalisierung des Bauens im europäischen Vergleich anderen Ländern deutlich hinterher. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hatte jüngst dargestellt, dass Deutschland in der Verbreitung digitaler Verwaltungslösungen für Unternehmen auf Rang 22 in Europa rangiert. Wie wollen Sie dafür sorgen, dass dieser Rückstand in der Bauwirtschaft und in öffentlichen Verwaltungen aufgeholt wird?
Hubertz: Ich war vor kurzem in Rostock und habe mich mit kommunalen Vertreterinnen und Vertretern zum digitalen Bauantrag ausgetauscht. Also mit den Leuten, die tagtäglich damit arbeiten. Digitalisierung entlastet die Ämter, sie entlastet aber auch Bauherren und die Planerschaft, wenn sie gut gemacht ist. Das erinnert mich an meine Zeit beim Startup, denn hier sitzen Menschen, die nicht einfach nur einen Schritt weiterdenken und zum Beispiel das PDF statt des gedruckten Antrags nehmen, sondern die eine ganze Antragsstrecke digital denken. Hier planen wir bereits heute den nächsten Schritt und werden langfristig Künstliche Intelligenz und digitale Assistenten einbinden. Ein weiterer wichtiger Schritt ist hier der BIM-basierte Bauantrag, der beim Digitalen Bauantrag von Anfang an mitgedacht wird.
Ich war dort übrigens gemeinsam mit Herrn Amthor aus dem neugegründeten Digitalisierungs- und Staatsmodernisierungsministerium. Wir haben auf dem Termin beide verdeutlicht, wie wichtig Digitalisierung im Alltag ist und dass die Bundesregierung hier einiges vorhat.
ABZ: Der Wohnungsbau gilt aktuell trotz des beschlossenen Sondervermögens noch immer als Sorgenkind der Bauwirtschaft. Eine wesentliche Forderung von mehreren Verbänden der Bauwirtschaft ist im Wohnungsbau eine verlässliche Förderkulisse für langfristige Investitionsvorhaben und die Überarbeitung der "EH40-Förderung", die nach Ansicht der Verbände das Bauen unnötig verteuert. Viele wünschen sich eine Rückkehr zum EH55-Standard. Wie stehen Sie diesen Forderungen als Bundesministerin gegenüber?
Hubertz: Die bisherige Förderlandschaft wurde vielfach als zu kleinteilig kritisiert. Wir sind daher im engen Austausch mit der KfW, wie eine neue, übersichtliche Förderlandschaft aussehen kann. Uns alle eint der Wunsch, dass die Förderung dabei möglichst einfach und möglichst planbar gestaltet werden muss.
Ein weiteres wichtiges Ziel des Koalitionsvertrages ist, die Förderfähigkeit des EH55-Standards zeitlich befristet zur Aktivierung des Bauüberhangs wiederherzustellen. Die konkrete Ausgestaltung und ein möglicher Zeitplan werden derzeit erarbeitet. Wir stehen auch hierzu im engen Austausch mit der KfW.
Unabhängig davon kommen auch die bestehenden Förderprogramme auf den Prüfstand. Ein gutes Beispiel dafür ist das Programm Klimafreundlicher Neubau im Niedrigpreissegment (KNN). Hier haben wir kürzlich den Baukostenvergleichswert erhöht, damit noch mehr Vorhaben von dieser Förderung profitieren können. Weitere Verbesserungen sind bereits in Umsetzung. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Programms ist übrigens der EH55 Standard.
Wie Sie sehen, arbeiten wir bereits mit Hochdruck an einer Attraktivierung der Förderkulisse. Wir müssen bei der konkreten Ausgestaltung aber auch die Ergebnisse der laufenden Haushaltsverhandlungen abwarten.
ABZ: Was plant das BMWSB, beziehungsweise das BMWSB in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung, um den Wohnungsbau wieder attraktiver zu gestalten?
Hubertz: Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Der Kanzler hat immer wieder betont, wie wichtig bezahlbarer Wohnraum ist. Dass der Etat meines Hauses zwei Jahre in Folge wächst, ist sicher ein deutliches Bekenntnis. Bezahlbarer Wohnraum entsteht aber nicht nur, wenn wir mehr Geld bereitstellen. Das braucht es auch, aber wir müssen auch an die Bürokratie ran und wir müssen die Technologie, die wir haben, nutzen. Sei es das serielle Bauen oder der Gebäudetyp E – es gibt schon die guten Beispiele, die wir in die breite Anwendung bringen möchten. Wer günstiger und kürzer baut, verkauft meist günstiger. Da müssen wir hinkommen.
ABZ: Was sind für Sie als Ministerin aktuell die größten Herausforderungen?
Hubertz: Wir legen die Gleise, während der Zug schon fährt. Durch das unplanmäßige Ampel-Aus gibt es leider keinen regulären Haushalt. Wir haben viel Zeit in Verhandlungen gebraucht und bekommen erst bald dann final die Planungssicherheit, wie wir unser Geld dieses und nächstes Jahr verplanen können. Das Budget ist ein Eckpfeiler für politische Arbeit und darauf aufsetzend können wir dann besser arbeiten.
ABZ: Welche Ziele haben Sie sich für Ihre weitere Amtszeit gesteckt?
Hubertz: Ich möchte am Ende auf meine Amtszeit zurückblicken und sagen, dass wir mehr bauen und schneller bauen. Wenn denn alle wollen. Und ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass wir die richtigen politischen Rahmenbedingungen dazu haben.