Berlin (ABZ) I Der vom Bundeskabinett jüngst verabschiedete Berufsbildungsbericht 2026 zeichnet ein herausforderndes Bild für die duale Ausbildung in Deutschland. Zum Stichtag 30. September 2025 sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Vergleich zum Vorjahr um 2,1 % auf insgesamt 476.700. Gleichzeitig ging das institutionell erfasste Angebot an Ausbildungsplätzen um 4,6 % auf 530.300 Stellen zurück.
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) verwies bei der Vorstellung des Berichts auf die zentrale Problematik der mangelnden Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage.
Prien sagte zur aktuellen Situation: »Das Angebot geht zurück, das Interesse steigt – und dennoch bleiben viele Stellen unbesetzt, weil es an der Passung fehlt. Regionale Unterschiede und eine ungleiche Verteilung bei den Ausbildungsberufen verstärken diese Entwicklung zusätzlich.« Während in beliebten Berufen viele Bewerber unversorgt blieben, gebe es in anderen weiterhin offene Stellen. Auch passten die Qualifikationen der Interessierten nicht immer zu den Anforderungen der Betriebe.
Positivere Signale kommen aus dem Handwerk, das sich als stabilisierender Faktor erweist. Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), betonte die Eigenleistung der Betriebe: »Im dritten Jahr in Folge sind die Zahlen neuer Auszubildenden im Handwerk gestiegen, entgegen dem Trend in der Gesamtwirtschaft, wo diese zuletzt gesunken sind.« Dennoch bleibe die Lage aufgrund unbesetzter Kapazitäten angespannt. Schwannecke mahnte: »Trotz dieser positiven Entwicklung darf nicht aus dem Blick verloren gehen, dass immer noch über 16.000 Ausbildungsstellen, die Betriebe im Handwerk angeboten hatten, unbesetzt geblieben sind. Das sind zu viele Bildungs- und Karrierechancen, die ungenutzt bleiben.« Zur Behebung dieser Probleme fordert das Handwerk eine deutliche Stärkung der Basiskompetenzen und der Orientierung. Laut Schwannecke braucht es »eine verpflichtende Kompetenzdiagnostik an den Berufsschulen zum Ausbildungsbeginn, eine bedarfs- und zielgruppenorientierte Förderung in Deutsch und Mathematik vor dem Ausbildungsstart, flächendeckende Berufssprachkurse sowie eine Verlängerung erfolgreicher Unterstützungsprogramme wie der AlphaDekade.«
Deutlich alarmierter äußert sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Ralf Becker, GEW-Vorstandsmitglied, kritisierte die sozialen Barrieren des Systems: »Der Berufsbildungsbericht zeigt, dass der Zugang zur Ausbildung weiterhin sozial ungleich verteilt ist. Dies betrifft junge Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit besonders. Außerdem sind die Barrieren für junge Menschen mit Behinderungen und junge Menschen mit niedrigem Schulabschluss weiterhin hoch.« In diesem Zusammenhang verweist die Gewerkschaft auf eine besorgniserregende strukturelle Entwicklung: Laut Daten beteiligten sich nur noch 18,7 % der Betriebe überhaupt an der Ausbildung. »Wir brauchen dringend ein Aktionsprogramm für mehr Ausbildungsplätze«, äußerte sich die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Der Berufsbildungsbericht zeige weniger Ausbildungsangebote und eine steigende Nachfrage. »Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge sinkt weiter, während knapp 40.000 junge Menschen komplett unversorgt geblieben sind – so viele wie seit 2009 nicht mehr«, so Hannack.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHIK) warnt davor, die sinkenden Vertragszahlen als Desinteresse der Jugend misszudeuten. Nico Schönefeldt, DIHK-Bereichsleiter Ausbildung, stellte klar: »Der Rückgang neu abgeschlossener Ausbildungsverträge ist keineswegs ein Zeichen mangelnder Attraktivität der dualen Ausbildung oder eines generellen Mangels an Ausbildungsplätzen.« Die steigende Zahl der Bewerber zeige vielmehr, dass junge Menschen die Ausbildung als attraktiven Bildungsweg sähen. Das Kernproblem bleibe die fehlende Passgenauigkeit, oft bedingt durch Defizite beim Lesen, Schreiben und Rechnen. »Viele Betriebe finden keine geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten, weil oftmals grundlegende Kompetenzen fehlen«, so Schönefeldt. Positiv hab er hervor, dass die Mehrheit der Auszubildenden ihre Abschlussprüfung bestehe und anschließend von ihrem Ausbildungsbetrieb in eine Beschäftigung übernommen werden.