Zum anstehenden 100. Firmenjubiläum von Stihl im kommenden Jahr schaut der Vorstandsvorsitzende Michael Traub im Gespräch mit Redakteurin Patricia Hempel zurück auf Meilensteine der Unternehmensgeschichte und wagt einen Blick in die Zukunft.
ABZ: Herr Traub, Stihl feiert im kommenden Jahr sein 100-jähriges Jubiläum – worauf sind Sie als Vorstand der Stihl AG besonders stolz, wenn Sie auf die Unternehmensgeschichte schauen?
Traub: Stihl hat in den vergangenen bald 100 Jahren immer wieder Innovationskraft bewiesen – vom Pionier bei Motorsägen bis zur heutigen Transformation von benzinbetriebenen Geräten hin zum Akku. Es freut mich, dass ich gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen und der Familie Stihl diese Transformation des Unternehmens aktiv weitergestalten darf – mit dem klaren Ziel, den Erfolg und die Unabhängigkeit des Unternehmens langfristig zu sichern. Stolz bin ich vor allem auch auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Engagement und Identifikation mit dem Unternehmen den weltweiten Erfolg unseres schwäbischen Familienunternehmens möglich machen. Und natürlich macht es uns alle stolz, wie viele Fans die Marke Stihl hat, wie unsere Produkte Begeisterung und leuchtende Augen hervorrufen. Das ist der Verdienst aller Mitarbeitenden und auch unserer Fachhändler, mit denen wir eng zusammenarbeiten und die die Marke seit vielen Jahren begleiten.
ABZ: Sie haben im Februar 2022 Ihr Amt als Vorstand angetreten. Was waren seitdem für Sie die größten Erfolge oder Highlights in der neuen Funktion?
Traub: Im Verhältnis zum bald anstehenden Jubiläum ist meine Zeit bei Stihl ja noch recht kurz. Aber insgesamt nicht weniger aufregend. In der Corona-Pandemie fiel es uns schwer, die Nachfrage zu bedienen. Und dann musste ich – nach noch nicht mal zwei Jahren auf meiner Position – erleben, dass dieser Boom abbricht. Uns ist es aber trotz des wirtschaftlichen Gegenwinds gelungen, uns am Markt zu behaupten und unsere Marktanteile weiter auszubauen. Das verbuche ich als Erfolg und auch als klares Signal, dass wir in der Transformation auf dem richtigen Weg sind. Der Anteil unserer Akku-Produkte am Gesamtabsatz liegt mittlerweile bei über 25 Prozent, Tendenz steigend. Damit sichern wir unsere Wettbewerbsfähigkeit in einem stark wachsenden Segment.
ABZ: Was waren für Sie die größten Herausforderungen seit Ihrer Amtsübernahme?
Traub: Die größte Herausforderung war und ist es, die Transformation des Unternehmens in einem schwierigen Marktumfeld zu steuern. Gleichzeitig erfordert der Wandel von Benzin- zu Akku-Produkten enorme Investitionen und Anpassungen. Hinzu kommen externe Faktoren wie die allgegenwärtigen geopolitischen Krisen und Herausforderungen, steigende Kosten und nicht zuletzt der intensive Wettbewerb im Akku-Segment. Diese "technischen Rahmenbedingungen" werden wir meistern. Eine große Herausforderung bleibt der Faktor Mensch: die Menschen auf dem Weg der Transformation mitzunehmen, sie für den Wandel zu begeistern und dafür zu sorgen, dass sie ihn nicht als Gefahr, sondern als Chance sehen.
ABZ: Stihl hat jüngst auf dem Medientag eine ganze Palette neuer Produkte vorgestellt, was sind die größten Highlights für Sie?
Traub: Natürlich alle. Wir haben zahlreiche Akku-Neuheiten präsentiert, die alle vielsprechend sind. Nehmen Sie beispielsweise die neuen Akku-Trennschleifer TSA 350 und TSA 500. Mit dem TSA 350 haben Profis im GaLaBau und Bau künftig einen leistungsstarken, universell einsetzbaren Akku-Trennschleifer zur Hand, der sogar im Innenbereich von Gebäuden genutzt werden kann. Der TSA 500 ist der aktuell leistungsstärkste Akku-Trennschleifer im Stihl Portfolio und vergleichbar mit dem Benzin-Pendant Stihl TS 500i. Damit zeigen wir, dass wir uns bei Akku-Trennschleifern tatsächlich in der Leistungsklasse der Benziner bewegen.
Auch der Gehölzschneider GTA 30 zählt zu den Highlights – nach dem Erfolg des kleinen Gehölzschneiders Stihl GTA 26 für die Hobbyanwendung und dem Stihl GTA 40 für die professionelle Baumpflege erweitern wir nun unser Portfolio um einen leistungsstarken Gehölzschneider für den ambitionierten Hobbygärtner. Mit diesem Gerät lassen sich auch handwerkliche Holzarbeiten in der Werkstatt durchführen.
ABZ: Die US-Zollpolitik stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Welcher Trend lässt sich für Stihl als großer Player auf dem nordamerikanischen Markt daraus ablesen und welche Auswirkungen sehen Sie schon jetzt in puncto Geschäftsentwicklung und Auftragseingänge?
Traub: Stihl ist in der Lage, viele der aktuellen Herausforderungen durch unser langjährig aufgebautes globales Produktionsnetzwerk abzufedern. In den USA sind wir bereits seit über 50 Jahren mit einer eigenen Tochtergesellschaft – Stihl Inc. in Virginia Beach – vertreten. Das Unternehmen setzt dort erfolgreich auf eine "local for local"-Strategie: Knapp zwei Drittel des gesamten Einkaufsvolumens werden bereits in Nordamerika gedeckt und über 100 Stihl Modelle direkt vor Ort gefertigt. Viele dieser Produkte erfüllen schon die strengen Anforderungen für das Label "Made in America".
Klar ist aber auch, dass vieles, was die Umsetzung der Zölle betrifft, noch nicht klar und geregelt ist. Gerade bei akkubetriebenen Produkten entstehen operative Risiken: In vielen Fällen ist nicht eindeutig, welchem Ursprungsland ein Endprodukt zuzuordnen ist, wenn zentrale Komponenten aus verschiedenen Regionen stammen.
Für uns bedeuten die Zölle eine komplexe Preisanpassungsstrategie: Wir versuchen, Produktivitäten zu heben und Kosten zu senken. Am Ende des Tages ist aber nicht auszuschließen, dass wir gewisse Kostensteigerungen – ebenso wie andere Hersteller – an die Kunden weitergeben müssen.
ABZ: Stihl behauptet sich seit Jahren als deutscher Hersteller gegenüber Wettbewerbern in einem globalen Markt. Sie erwähnten den Standortausbau in Lateinamerika, Osteuropa und China. Um welche Standorte wird es gehen und was ist geplant?
Traub: Wir sind ein Unternehmen mit deutschen, ja schwäbischen, Wurzeln – aber seit mehr als 50 Jahren sind wir ein international tätiger Hersteller. Mittlerweile haben wir weltweit acht Fertigungsstandorte, 44 Vertriebs- und Marketinggesellschaften, rund 120 Importeure und mehr als 52.000 Fachhändler in über 160 Ländern. Wir sind global tätig und produzieren überall dort vor Ort, wo es der Markt erfordert. Nur so können wir unsere Wettbewerbsfähigkeit sichern.
In Rumänien eröffnen wir im Oktober offiziell unser neues Werk, das zum zentralen Produktionsstandort für Stihl Akku-Produkte in Europa werden wird. Europa ist derzeit der größte Markt für Akkupacks und akkubetriebene Geräte und Rumänien bietet innerhalb der EU gute Rahmenbedingungen für ein neues Produktionswerk.
In China sind wir seit über 30 Jahren mit einem eigenen Werk vertreten. China wird außerdem künftig die Federführung für die Entwicklung und Produktion im Robotik-Segment übernehmen. Denn dort treffen wir auf ideale Voraussetzungen: von hoher Innovationsgeschwindigkeit über digitale Expertise bis hin zu einem starken Zuliefernetzwerk. So wollen wir die nächste Generation intelligenter, vernetzter Produkte schneller und kosteneffizienter auf den Markt bringen.
ABZ: Die Bauwirtschaft beklagt seit eineinhalb Jahren weniger Wohnungsbau, der BGL prognostiziert nach Wachstum in 2024 eine Stagnation des Branchenwachstums für 2025 im GaLaBau. Wie beschreiben Sie die aktuelle Marktsituation?
Traub: Inflation, steigende Energiekosten und höheren Bauzinsen prägen unsere Branche weiterhin weltweit und wir erwarten, dass das unser Geschäft weiter beeinflussen wird. Für Deutschland lässt sich ein leicht negativer Trend erkennen. Neubauvorhaben sind 2025 deutlich rückläufig und auch die Umgestaltungen von Bestandsgärten nehmen leicht ab – beides schlägt sich in der Auftragslage nieder. Beispielsweise sind die Pflegeaufträge für Gärten 2025 witterungsbedingt zurückgegangen und die Kunden setzen mehr Arbeiten rund um Haus und Garten eigenständig um, um Kosten zu sparen.
ABZ: Personalkürzungen waren unlängst auch bei Stihl Thema – die Rede war von etwa 500 Beschäftigten. Was sind die Gründe und wie viele weitere Kürzungen sind geplant?
Traub: Die Transformation bringt notwendige – und nicht immer einfache – Veränderungen mit sich. Wir haben in den vergangenen Jahren stark investiert und unsere Kapazitäten ausgebaut – in der Annahme, dass das außergewöhnliche Wachstum der Corona-Jahre anhält. Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt und wir müssen unsere Kosten- und Personalstruktur anpassen.
Darüber hinaus führt der Übergang von Benzin zu Akku dazu, dass wir unseren globalen Fertigungsverbund anpassen müssen. Die Weiterentwicklung unserer weltweiten Standorte kann durchaus einen Kapazitätsaufbau an einem Standort mit sich bringen, während an einem anderen Standort abgebaut wird. Eine solche Entwicklung durchlaufen viele Unternehmen in der Transformation. Letztlich dient dies dem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Unternehmens.
ABZ: Stihl-Inhaber Nikolas Stihl hatte zu Beginn des Jahres dringenden Handlungsbedarf in der deutschen Politik angemahnt und mit Abwanderung gedroht. Im Mai wurde eine neue Regierung vereidigt – spüren Sie bereits Veränderungen und an welchen Stellen muss dringend justiert werden?
Traub: Dr. Stihl hat – wie viele Unternehmensinhaber – seiner Sorge um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland immer wieder Ausdruck verliehen. Ich möchte keine erneute Auflistung vornehmen, wo es überall Handlungsbedarf gibt. Die neue Bundesregierung vermittelt zumindest den Eindruck, dass sie den Ernst der Lage erkannt hat – wenn es auch zu früh ist, von Veränderungen zu sprechen, denn davon ist noch nichts zu spüren.
Aber lassen Sie mich das Beispiel des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes nennen. Hier wird zumindest der Wunsch erkennbar, neue und pragmatische Wege einschlagen zu wollen. Letztlich wird sich aber auch diese Regierung nur an Ergebnissen messen lassen – und diese sollte es bald geben. Die Politik muss jetzt liefern: weniger Bürokratie, mehr Pragmatismus und eine klare Wirtschaftsagenda. Nur so lässt sich verhindern, dass die Deindustrialisierung in Deutschland weiter voranschreitet.