Bundesverband und Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk laden zur Bundesfachtagung 2025. GeschäftsführerinSabrina Luther und Präsident Marcus Nachbauer sprachen mit ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga über die aktuellen Herausforderungen für die Branche und Mitgliedsunternehmen..
ABZ: Herr Nachbauer, Frau Luther, aktuelle Markterhebungen sprechen von einer Bodenbildung im Wohnungsbau, ein Ende der die Krise scheint absehbar. Wie stellt sich für Sie die aktuelle Marktsituation in Deutschland dar?
Nachbauer: Die aktuellen Zahlen legen in der Tat die Vermutung nahe, dass die Talsohle erreicht ist. Eine echte Trendwende lassen sie aber nicht erkennen, eher eine Stagnation auf niedrigem Niveau. Jetzt kommt es darauf an, dass die politischen Ankündigungen zur Stärkung des Wohnungsbaus – insbesondere der angekündigte "Wohnungsbau-Turbo" – rasch umgesetzt werden. Nur dann kann die Baubranche wieder Schwung aufnehmen.
ABZ: Wie hat sich die Krise im Wohnungsbau auf Ihre Mitgliedsunternehmen ausgewirkt?
Luther: Die Wohnungsbaukrise hat den Gerüstbau mit Verzögerung und in gebremster Form erreicht. Dennoch musste auch unsere Branche nach Jahren des Wachstums erstmals wieder einen Knick verzeichnen. Unternehmen, die vor allem im Wohnungsbau tätig sind, mussten Verluste hinnehmen. Gerüste sind aber auch bei vielen Bestandsmaßnahmen unverzichtbar. Hier und im Bereich der energetischen Sanierungen sowie bei der Installation von Photovoltaikanlagen hat sich die Nachfrage glücklicherweise als weitestgehend stabil erwiesen.
ABZ: Nach der Neubildung der Regierung und der Schaffung eines Sondervermögens, das auch für Infrastrukturmaßnahmen genutzt werden soll, meldeten sich viele Interessenvertretungen zu Wort – die Erwartungen an die neue Regierung sind hoch. Welche Erwartungen haben Bundesverband und Bundesinnung Gerüstbau an die Regierung in Berlin?
Nachbauer: Unsere Position ist klar – nur Schulden machen, führt das Land nicht aus der Krise heraus. Die Politik muss in Wohnungsbau und Infrastruktur investieren, und zwar so schnell wie möglich. Um dieser Position Nachdruck zu verleihen, haben wir Anfang April auch die Erklärung der deutschen Wirtschaft zu den Koalitionsverhandlungen mitunterzeichnet. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD enthält einige kritische Punkte, zumal in der Steuer- und Sozialpolitik, aber auch viele positive Ansätze. Neben dem bereits erwähnten Wohnungsbau-Turbo ist hier vor allem das Thema Bürokratieabbau zu nennen. Wichtig ist, dass das alles jetzt möglichst rasch umgesetzt wird. Eine Schonfrist kann es angesichts der kritischen wirtschaftlichen Lage nicht geben.
ABZ: Welche Perspektive zeichnet sich für die Gerüstbaubranche in den kommenden Monaten und für 2026 ab?
Nachbauer: Aktuell gehen wir davon aus, dass das vorhandene Marktvolumen für Gerüstbauleistungen 2025 stark umkämpft sein wird, was häufig zu Kampfpreisen führt. Insofern prognostizieren wir für dieses Jahr erneut einen leicht sinkenden Branchenumsatz. Aber natürlich kommt es auch hier darauf an, wie zügig die neue Regierung die angekündigten Maßnahmen umsetzen wird und wie schnell diese dann greifen. Wenn es hier gut läuft, könnte es 2026 wieder bergauf gehen.
ABZ: Vernetztes Bauen und Digitalisierung waren wichtige Themenfelder der letzten bauma – auch die Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI). Wie gehen Bundesverband und Bundesinnung Gerüstbau mit dem Thema um?
Luther: Digitalisierung und KI stehen ganz oben auf unserer Agenda. Bei mehreren regionalen Mitgliederversammlungen gab es zuletzt Informationen dazu, auch zu unserer Beiratssitzung im Januar hatten wir einen KI-Experten eingeladen. Nicht zuletzt wird sich unser traditioneller "Talk im Gerüst" auf der Bundesfachtagung mit dem Thema KI befassen. Auch wir als Verband setzen uns intensiv damit auseinander und prüfen derzeit, wie wir KI in unsere Arbeit integrieren können. Im Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sind wir dabei, uns zum Thema Datenökosysteme und Digitalpolitik mit anderen Handwerken zu vernetzen.
ABZ: Was sind für Ihre Mitgliedsunternehmen in der Nutzung neuer Technologien, beziehungsweise Anwendungen die größten Herausforderungen?
Luther: Die Struktur unserer Mitgliedsunternehmen ist ziemlich heterogen. Einigen großen Betrieben stehen viele kleine gegenüber. Das macht sich auch beim Thema Digitalisierung bemerkbar. Während einige hier bereits weit vorangeschritten sind, stehen andere noch ganz am Anfang. Das hat dann natürlich auch Auswirkungen auf den Einsatz von KI. Dieser ist schließlich nur sinnvoll, wenn er auf einer digitalen Infrastruktur aufbauen kann und Schnittstellen existieren. Wir möchten unsere Mitglieder deshalb davor warnen, in Sachen KI einfach loszulaufen, ohne sich über die Zielsetzung im Unternehmen Gedanken zu machen. Dafür ist es natürlich im ersten Schritt wichtig, die Betriebe über KI zu informieren.
ABZ: Die Nutzung digitaler Technologien geschieht häufig auch aus dem Grund, weil Unternehmen nicht ausreichend Fachkräfte rekrutieren können. Dennoch erscheinen autonome Lösungen im Gerüstbau derzeit noch wie Zukunftsmusik. Wie gehen Bundesverband und Bundesinnung Gerüstbau mit dem Problem Fachkräftemangel um?
Nachbauer: Auch dieses Thema steht oben auf unserer Agenda. Politisch setzen wir uns für einen erleichterten Zuzug qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland ein. Deshalb halten wir die vorgesehene Begrenzung der bewährten und erfolgreichen Westbalkan-Regelung auf 25.000 Personen im Jahr auch für falsch. Konkret unterstützen wir unsere Mitglieder durch unsere Imagekampagne zur Azubiwerbung. Diese hat 2025 einen Relaunch erfahren. Mit dem neuen Slogan "Gerüstbau-steht zusammen, hält zusammen" setzen wir den Fokus auf das Thema Zusammenhalt und Teamgeist, das im Gerüstbau unerlässlich ist. Auf verschiedenen Social-Media-Kanälen werden wir so für den Ausbildungsberuf. Zudem suchen wir auch Anknüpfungspunkte zur Imagekampagne des Handwerks, die unter dem Motto "Wir können alles, was kommt" 2025 ebenfalls in eine neue Phase gestartet ist. Auch unsere vor einigen Jahren eingeführte tarifliche Fortbildungsstruktur hilft dabei, die Mitarbeiter zu qualifizieren und damit an die Branche zu binden.
ABZ: Wie lauten die Hauptthemen der diesjährigen Gerüstbautagung?
Luther: Wie bereits erwähnt, wird der Talk im Gerüst dem Thema KI gewidmet sein. Ein weiterer Fachvortrag beschäftigt sich mit dem spannenden Rückbauprojekt einer Autobahnbrücke mit Vorschubrüstung und verweist so auf die zunehmende Wichtigkeit von Infrastrukturprojekten für unsere Branche. Darüber hinaus werden natürlich auch die baupolitische Lage und die Erwartungen an die neue Bundesregierung eine wichtige Rolle spielen. Nicht zuletzt stehen Neuwahlen zu Vorstand beziehungsweise Präsidium an, und wir verabschieden unseren langjährigen stellvertretenden Bundesinnungsmeister und Vizepräsidenten Holger Budroweit in den Ruhestand.
ABZ: Das Inkrafttreten der Gefahrstoffverordnung Ende 2024 sorgte für Diskussionen in der Branche. Welche Haltung vertreten Bundesverband und Bundesinnung Gerüstbau dazu?
Luther: Wie auch die anderen Verbände aus der Baubranche stehen wir der Neufassung äußerst kritisch gegenüber. Das liegt vor allem an der Tatsache, dass die ursprünglich geplante Erkundungspflicht des Bauherrn letztlich doch wieder aus der Novelle gestrichen wurde. Bis zur Verabschiedung der Neufassung haben wir auf verschiedenen politischen Ebenen versucht, dies zu verhindern – leider vergeblich. In der jetzigen Fassung der Verordnung kann der Schutz für Beschäftigte und Umwelt unserer Meinung nach nicht in der gewünschten Form erreicht werden. Darüber hinaus werden die Kosten steigen. Schließlich muss nun jeder involvierte Unternehmer eine Beprobung durchführen, auch wenn es sich um ein und dieselbe Baumaßnahme handelt. Zudem sind Nachtragsforderungen, Streitigkeiten zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer sowie Verzögerungen der Baumaßnahmen zu erwarten.
ABZ: Im Juli 2024 ist die Änderung des Übergangsgesetzes zum Gerüstbau in Kraft getreten. Welche Erfahrungen haben Ihre Mitgliedunternehmen seither gesammelt, sehen Sie den Bedarf einer Nachbesserung der Vorschriften?
Nachbauer: Die Änderung des Übergangsgesetzes wurde in der Mitgliedschaft gut aufgenommen. In den Nachbargewerken hat dies – unserer Wahrnehmung nach – dazu geführt, dass Betriebe sich klarer positioniert haben, ob sie Gerüstbau professionell – mit Ausnahmegenehmigungen bei vorliegenden Voraussetzungen – weiter ausüben wollen und auch bereit sind, gleiche Rahmenbedingungen einzuhalten oder eben nicht, und es den Spezialisten überlassen. Die praktischen Auswirkungen halten sich einstweilen aber in Grenzen, weil viele Unternehmen, die Gerüstbauleistungen im Bestand hatten, die entsprechende Ausnahmegenehmigung beantragt haben. Dieser Prozess dürfte allerdings bald abgeschlossen sein. Sofern die Handwerkskammern das gemeinsam mit dem ZDH erarbeitete Eckpunktepapier zur Erteilung der Ausnahmegenehmigungen konsequent umsetzen, sehen wir aktuell keinen Nachbesserungsbedarf. Dies werden wir mit dem ZDH aber weiter evaluieren.