Karlsruhe (ABZ). – Jede zweite Brücke in kommunaler Verantwortung weist Mängel auf. Während große Städte und staatliche Stellen auf umfassendes Erhaltungsmanagement setzen, fehlen kleinen Kommunen oft die Mittel und das Fachwissen für eine systematische Brückenwartung.
Die BIT Ingenieure AG aus Karlsruhe und die Drees & Sommer SE aus Stuttgart haben einen "Sanierungsfahrplan Brücken" entwickelt, der speziell auf die Bedürfnisse kleinerer Gemeinden zugeschnitten ist.
Das Konzept richtet sich an Kommunen mit 2000 bis 30.000 Einwohnern, die meist nur 10 bis 25 Brückenbauwerke verwalten. Laut den Anbietern stehen diese Gemeinden vor besonderen Herausforderungen: Sie verfügen über begrenzte Budgets, wenig Fachpersonal und tragen gleichzeitig hohe Verantwortung für die Verkehrssicherheit. Der Bürgermeister fungiert oft gleichzeitig als Hauptamts- und Bauamtsleiter, ihm fehle meist spezialisiertes Fachwissen für Bauwerksprüfungen.
Der Prozess beginnt mit einer Grundlagenermittlung durch die BIT Ingenieure. Dabei werden alle verfügbaren Daten zu Baujahren, Abmessungen, letzten Hauptprüfungen nach DIN 1076 und bekannten Mängeln zusammengetragen und systematisch ausgewertet. "Dieser erste Schritt offenbart bestehende Wissenslücken", sagt Gregor Labus, Brückenexperte bei der BIT.
Um diese Lücken zu schließen, folgt eine Begehung vor Ort. Erfahrene Ingenieure, oft unterstützt durch spezialisierte Tragwerksplaner, erfassen systematisch visuell identifizierbare Schäden wie Risse, Betonabplatzungen, Korrosion sowie Schäden an Lagern und Fugen. Diese werden als "Hilfsnote" strukturiert zusammengefasst.
Herzstück des Sanierungsfahrplans ist ein von Drees & Sommer entwickeltes Prognosetool. "Auf der Grundlage der erhobenen Daten werden für einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren Erhaltungsmaßnahmen und deren Kosten abgeschätzt sowie ein zeitlicher Fahrplan erstellt", erklärt Uwe Müller von der Technical Infrastructure-Abteilung des Unternehmens.
Das Tool simuliert gegebene Belastungen und identifiziert kritische Zeitpunkte, zu denen Maßnahmen wirtschaftlich am sinnvollsten sind. Die Ergebnisse fließen in den Gesamtbericht der BIT Ingenieure ein, der einen priorisierten Fahrplan enthält, der auf begrenzte Budgets und Personalkapazitäten zugeschnitten ist.
Der Sanierungsfahrplan soll reaktives Handeln durch vorausschauende Planung ersetzen und strategische Entscheidungen ermöglichen. Zudem dokumentiert er den sorgfältigen Umgang mit Infrastrukturverantwortung und reduziert nach Angaben der Anbieter Haftungsrisiken. Im Gemeinderat dient er als neutrale Grundlage für Haushaltsdebatten.
Ein weiterer Vorteil: Der Fahrplan erfüllt eine zentrale Voraussetzung für Förderprogramme von Bund und Ländern, die darin besteht, dass Einzelmaßnahmen in ein übergeordnetes Erhaltungskonzept eingebettet sind. Ohne eine solche Datenlage bestehen kaum Chancen, von Infrastrukturpaketen zu profitieren.
"Die Konsequenzen maroder Brücken sind vielen Kommunen im ländlichen Raum noch nicht bewusst", stellt Gregor Labus fest. Eine gesperrte Brücke bedeute oft Umwege von 10, 20 km und mehr. Feuerwehr und Rettungsdienste erreichten Einsatzorte nicht mehr rechtzeitig, der Lieferverkehr gerate dann ins Stocken.