Berlin/Hannover (dc I/O). – Die Bauwirtschaft verzeichnet weiterhin nach Zahlen der BG Bau die höchste Unfallrate aller Branchen in Deutschland. Der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zufolge ereigneten sich im Jahr 2022 im Baugewerbe 108 032 meldepflichtige Arbeitsunfälle bei betrieblicher Tätigkeit.
Trotz eines Rückgangs der Unfallzahlen um 4,5 Prozent im Jahr 2024 bleiben Absturzunfälle und herabfallende Bauteile die Hauptursachen für schwere und tödliche Verletzungen, teilt die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) mit, der Verband hat zu dieser Thematik aktuelle Zahlen vorgelegt, ebenso wie der Vermietungsanbieter Boels Rental. Die Zahlen spiegeln einen besorgniserregenden Widerspruch zwischen Sicherheitsausstattung und dem tatsächlichen Sicherheitsgefühl der Beschäftigten wider.
Die Unfallquote liegt im Baugewerbe mit 43,76 meldepflichtigen Unfällen je 1000 Vollarbeiter deutlich über dem Durchschnitt aller Wirtschaftszweige von 21,3 Unfällen je 1000 Vollarbeiter. Besonders gravierend: Mit 78 tödlichen Unfällen weist das Baugewerbe den höchsten Anteil an Todesfällen auf (30 Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle), obwohl der Sektor nur 16,5 Prozent der meldepflichtigen Unfälle stellt.
Absturzunfälle dominieren
Die Hauptursachen für schwere und tödliche Unfälle am Bau sind laut DGUV-Statistik Absturzunfälle. Von den 35 297 registrierten Absturzunfällen ereigneten sich 31 Prozent an Leitern oder Tritten (10 985 Fälle) und etwa 21 Prozent an Treppen, heißt es. Viele Todesfälle stehen in Verbindung mit Dächern oder damit verbundenen baulichen Einrichtungen wie Leitern und Gerüsten. Bei der Analyse der spezifischen Tätigkeit vor dem Absturzunfall zeigt sich, dass in den meisten Fällen (27 748) das Unfallopfer eine Bewegung ausführte, ohne einen Gegenstand zu handhaben oder etwas zu transportieren. Während der Arbeit mit Handwerkzeugen stürzten 1949 Menschen ab. Bemerkenswert sei die Altersverteilung: Während in den unteren Altersklassen der Anteil der meldepflichtigen Absturzunfälle den der neuen Unfallrenten deutlich übersteigt, dreht sich das Verhältnis ab der Altersklasse der über 45-Jährigen um.
Bei Gerüstunfällen wurden 5570 meldepflichtige Unfälle registriert, die zu 315 neuen Unfallrenten und sieben Todesfällen führten. Die Hauptursache sind Abstürze vom Gerüst, wobei 82 Prozent der Unfälle in Baustellenbereichen auftreten. Fast zwei Drittel aller Gerüstunfälle führten zu Verletzungen an den Extremitäten.
Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) meldete für das Jahr 2024 einen Rückgang der meldepflichtigen Arbeitsunfälle um 4,5 Prozent auf 91 813 Fälle. Die Tausend-Personen-Quote sank auf 43,76 (2023: 44,55). Dennoch verunglückten 78 Menschen tödlich – zwei mehr als im Vorjahr. "Der Rückgang der Unfallzahlen zeigt, dass Prävention wirkt und in den vergangenen Jahren viel erreicht wurde", betont Michael Kirsch, Hauptgeschäftsführer der BG Bau. "Das darf uns aber nicht in Sicherheit wiegen. Im Branchenvergleich verunglücken in der Bauwirtschaft immer noch überdurchschnittlich viele Menschen." Die Hauptursachen für tödlich verlaufende Arbeitsunfälle in der Bauwirtschaft sind der BG Bau zufolge Absturzunfälle (36 Prozent), herabfallende oder kippende Bauteile (26 Prozent) sowie Unfälle mit Baumaschinen (15 Prozent). Zusammen machen sie 77 Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle am Bau aus.
Eine aktuelle Studie des Vermietungsanbieters Boels Rental unter 439 Fachkräften aus dem deutschen Baugewerbe offenbart neben den bereits genannten Ergebnissen der BG Bau und DGUV einen besorgniserregenden Widerspruch zwischen Wahrnehmung und Realität: Während 74 Prozent der befragten Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter angeben, dass ihnen sichere Hebebühnen und Gerüste zur Verfügung stehen, empfinden nur 41 Prozent die Baustelle insgesamt als ausreichend sicher. 30 Prozent der Befragten hätten demnach bereits einen Auftrag abgelehnt, weil die Sicherheitsmaßnahmen unzureichend waren. 59 Prozent machen sich während eines Projekts gelegentlich Sorgen um ihre eigene Sicherheit. Die größten Ängste sind herabfallende Gegenstände (33 Prozent) und Stürze aus der Höhe (31 Prozent) – Befürchtungen, die sich in der Unfallstatistik wiederfinden. "Sicherheit ist für Fachkräfte auf dem Bau keine Nebensache, sondern die Grundlage für verantwortungsvolles Arbeiten", heißt es in der Studie. Mehr als die Hälfte der Befragten (58 Prozent) betont, wie wichtig es ist, dass Sicherheitsanweisungen klar formuliert und in mehreren Sprachen verfügbar sind.
Neben Absturzunfällen spielen auch Stolper-, Rutsch- und Sturzunfälle (SRS-Unfälle) eine tragende Rolle im Baustellengeschehen. Laut DGUV-Statistik ereigneten sich im Jahr 2022 insgesamt 165 420 SRS-Unfälle, die zu 2485 neuen Unfallrenten und zwölf Todesfällen führten. Besonders erwähnenswert sei hier, dass der prozentuale Anteil weiblicher Unfallopfer bei SRS-Unfällen mit 36,1 Prozent deutlich über dem Durchschnitt aller Arbeitsunfälle liegt. Die meisten SRS-Unfälle ereignen sich auf ebenen Flächen und Fußböden (53 Prozent). Davon war bei etwa 12 500 Fällen der Boden rutschig aufgrund von Wasser, Schnee oder Glatteis, in circa 6100 Fällen durch andere Flüssigkeiten – etwa Öle oder Fette. 32 Prozent der SRS-Unfälle können dem gewerblichen Bereich zugeordnet werden, weitere 16 Prozent ereignen sich im öffentlichen Umfeld.
Berufskrankheiten nehmen zu
Betrachtet man die bereits dargelegten Daten, muss eines noch deutlich betont werden: Während die Arbeitsunfallzahlen tendenziell sinken, steigen die Berufskrankheiten kontinuierlich an. Die BG Bau verzeichnete 2024 einen Anstieg der Verdachtsmeldungen um 7,1 Prozent auf 21 061 Fälle. Die häufigsten Berufskrankheiten sind Lärmschwerhörigkeit (4946 Fälle), Hautkrebs, verursacht durch UV-Strahlung (3071), bandscheibenbedingte Wirbelsäulenerkrankungen (2080), Verschleißerkrankungen des Kniegelenkes (1748) und Lungenkrebs in Verbindung mit einer Asbeststaublungenerkrankung (1313).
"Dass uns seit Jahren immer mehr Anzeigen auf eine beruflich bedingte Erkrankung erreichen, liegt unter anderem an der höheren Lebenserwartung, mit der auch das Erkrankungsrisiko steigt, und eine zunehmende Sensibilisierung in der Bevölkerung", erläutert Michael Kirsch. "Umso wichtiger ist uns, weiterhin aufzuklären, wie sich Berufskrankheiten verhindern lassen." 366 Versicherte der BG Bau starben im vergangenen Jahr an den Folgen einer Berufskrankheit.
Die häufigsten Todesursachen sind durch Asbest verursachte Erkrankungen wie Mesotheliom des Rippenfells, des Bauchfells oder des Perikards (119 Todesfälle), Asbestose mit Lungenkrebs (88 Todesfälle) und Asbeststaub-Lungenerkrankung (49 Todesfälle).
Wirtschaftlicher Druck als Faktor
Der Boels-Studie zufolge sehen sich Bauunternehmen zunehmend unter Druck: 55 Prozent der Befragten nennen steigende Rohstoffpreise, 51 Prozent höhere Materialkosten und 49 Prozent den Fachkräftemangel als größte Herausforderungen. Diese Faktoren bringen nicht nur Zeitpläne ins Wanken, sondern können auch die Sicherheit auf Baustellen beeinträchtigen. 64 Prozent der befragten Fachkräfte bestätigen, dass Bauprojekte häufig nicht im vereinbarten Zeitrahmen abgeschlossen werden können. Viele Betriebe reagieren mit Überstunden oder der Einstellung von unerfahrenem Personal – kurzfristige Lösungen, die jedoch langfristig zu Qualitätsverlusten und steigender Belastung für das bestehende Team führen können. "Noch immer enden viele Unfälle mit schweren oder sogar tödlichen Verletzungen", warnt Kirsch. "Das zeigt: Es reicht nicht, die Regeln zu kennen – sie müssen auf der Baustelle auch konsequent angewendet werden" – egal, ob einem die Zeit im Nacken sitzt.
74 Prozent der in der Boels-Studie Befragten sehen in der Gewinnung junger Talente eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft: attraktive Arbeitsbedingungen schaffen, Ausbildung fördern und Perspektiven bieten, um die nächste Generation für das Bauen zu begeistern. Dabei spielt auch die Sicherheitskultur eine entscheidende Rolle, heißt es in den Angaben von Boels Rental. Nahezu alle befragten Beschäftigten in der Bauindustrie halten es demnach für entscheidend, dass eingesetzte Materialien die Sicherheit erhöhen (94 Prozent) und eine höhere Ausführungsqualität ermöglichen (93 Prozent). Gleichzeitig sehen sie in modernen Maschinen und Werkzeugen eine wichtige Unterstützung, um effizienter und produktiver arbeiten zu können (92 Prozent).
Die BG Bau wendete 2024 für Entschädigungsleistungen 1,91 Milliarden Euro auf – ein Anstieg um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein für Renten zahlte die Berufsgenossenschaft 1,07 Milliarden Euro aus. Für Rehabilitationsmaßnahmen wurden 813 Millionen Euro ausgegeben, darunter 249 Millionen Euro für ambulante und 196 Millionen Euro für stationäre Heilbehandlung.
Trotz der hohen Ausgaben konnte der Vorstand der BG Bau den Beitragsfuß für das Jahr 2024 und den Vorschussfuß für dieses Jahr absenken. "Gemeinsam mit unserer Selbstverwaltung sorgen wir für einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Umgang mit den Beiträgen unserer Mitgliedsunternehmen", betont Michael Kirsch. Der Beitragsfuß liegt für 2024 bei 39,5 Cent je 100 Euro Arbeitsentgelt in der Gefahrklasse 1 (2023: 42 Cent).
Der Vorschussfuß für 2025 beträgt 39 Cent je 100 Euro Arbeitsentgelt in der Gefahrklasse 1 (2024: 39,5 Cent). Die Zahlen verdeutlichen: Trotz aller Fortschritte, neuer Entwicklungen und KI-Unterstützung bleibt die Bauwirtschaft eine Hochrisikobranche, in der konsequenter Arbeitsschutz und kontinuierliche Präventionsarbeit unverzichtbar sind und zwingend weiter im Blick behalten werden müssen.