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"Genau die heißen Eisen anfassen, die die Branche bewegen"

Das VDBUM Großseminar 2026 in Willingen thematisiert zentrale Herausforderungen der Baubranche. Interview mit VDBUM-Präsident Dirk Bennje.

Von ABZ
VDBUM Großseminar 2026 in Willingen
Dirk Bennje ist Präsident des Verbands VDBUM. | Foto: VDBUM

Dirk Bennje, Präsident des VDBUM erklärt im Interview mit ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga, was die Teilnehmer des Großseminars in diesem Jahr erwartet.

ABZ: Herr Bennje, 2025 wurde in der Bauwirtschaft als verlorenes Jahr bezeichnet, für 2026 keimt die Hoffnung auf, dass nach mehreren Krisenjahren die Talsohle durchschritten ist und die Branche insgesamt wieder wächst. Wie würden Sie als Verbandspräsident die Marktsituation beschreiben?

Bennje: Es steht ja außer Frage, dass ein großer Bedarf an leistungsfähiger, moderner Infrastruktur besteht. Straßen, Brücken, Schienenwege, Wasserbau, Energie- und Versorgungsnetze müssen erhalten, erneuert und weiterentwickelt werden. Die angekündigten Investitionen von Bund und Ländern erzeugen selbstverständlich eine deutlich bessere Stimmung innerhalb der Branche. Wichtig ist nun, dass die Rahmenbedingungen stimmen und Planbarkeit herrscht, denn kein Unternehmen investiert in neue Technik und weiteres Personal ohne die Aussicht auf auskömmliche Aufträge. Der von allen erwartete Ruck wird dann kommen, wenn die Projekte in die Umsetzung gelangen. Gift für den derzeitigen vorsichtigen Optimismus sind negative Meldungen wie etwa die, dass das "Infrastrukturpaket Knoten Mannheim" und weitere baureife Bahnprojekte, trotz des Sondervermögens auf der Strecke bleiben, obwohl es im Herbst geheißen hatte, dass gebaut wird, was baureif ist.

ABZ: Wie blicken die Mitgliedsunternehmen des VDBUM auf das Jahr 2026 und darüber hinaus?

Bennje: Unsere Mitgliedsunternehmen sind in ganz unterschiedlichen Teilbereichen der Branche tätig, daher muss man hier differenzieren. Der Tiefbau hat sich in den Krisenzeiten als robust erwiesen und wird im Zuge der Modernisierung der Infrastruktur und dem Ausbau der Energienetze zum Wachstumstreiber. Was das Sorgenkind Wohnungsbau angeht, hat das Statistische Bundesamt vor drei Wochen mitgeteilt, dass in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres 215 500 Wohnungen genehmigt wurden. Dies bedeutet einen Zuwachs um 11,3 Prozent gegenüber Januar bis November 2024, gleichzeitig sind wir damit aber noch weit entfernt von den Zahlen der Jahre 2020 und 2021 und den 400.000 Einheiten, die jährlich fertiggestellt werden müssten, um die Wohnungsknappheit zu beseitigen. Der Wirtschaftsbau wird in diesem Jahr moderat zulegen, gleiches gilt für den öffentlichen Bau. Das sind gute Gründe zur Zuversicht.

Alles in allem sind wir überzeugt, dass die Talsohle durchschritten ist und wir in eine Aufwärtsbewegung kommen. Der VDBUM geht, wie auch andere Branchenverbände davon aus, dass wir 2026 eine Stabilisierung erleben werden und eine entscheidende Verbesserung 2027 eintreten wird. Darüber hinaus werden die Investitionen in die militärische Infrastruktur einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der Baubranche leisten und diese auch fordern. Auch deswegen haben wir die Bundeswehr für eine Teilnahme am Großseminar gewinnen können, um mehr über die anstehenden Herausforderungen im Militärbau zu erfahren.

ABZ: Das VDBUM-Großseminar steht unter dem Motto "Brücken bauen – Zukunft gestalten". Was steckt dahinter?

Bennje: Zunächst ist das Motto wörtlich zu verstehen – 16.000 Brücken in Deutschland gelten als erneuerungsbedürftig und erfordern ein Handeln. Das Motto ist aber ebenso im übertragenen Sinn zu verstehen.

Auch unsere Branche treffen der Fachkräftemangel und das Ausscheiden der Baby-Boomer aus dem aktiven Berufsleben. Wir müssen Brücken bauen zur jungen Generation und hart daran arbeiten, unsere Branche jungen Frauen und Männern als attraktiv und zukunftssicher aufzuzeigen. Dies ist eine der Kernaufgaben des VDBUM – wir haben etwa den Baumaschinenerlebnistag ins Leben gerufen, den Azubi-Cup, die Deutschen Meisterschaften im Steuern von Baumaschinensimulatoren, deren Finale während des Großseminars in Willingen stattfindet, und seit einer Reihe von Jahren ermöglichen wir Meisterschülerinnen und –schülern sowie Studierenden über unser Patenschaftsprogramm, das wir gemeinsam mit Partnern organisieren, die kostenfreie Teilnahme am Großseminar. Die Teilnehmenden können hier geradezu unbezahlbare Kontakte auf dem Weg in ihr Berufsleben knüpfen.

ABZ: Wie schlägt sich das Seminar-Motto im Programm nieder?

Bennje: Unter den 50 Vorträgen, die wir in diesem Jahr anbieten, sind tatsächlich mehrere, die sich mit Sanierung und Bau von Brücken aus verschiedenen Blickwinkeln beschäftigen. Hier möchte ich unsere drei Schwerpunktpartner nennen, die jeweils mehrere Vorträge beisteuern: Die Hochtief AG berichtet von Herausforderungen beim Bau und Rückbau von Brücken, die Kiesel Group schlägt die Brücke vom Spezialtiefbau zum Gleisbau und die Wirtgen Group baut in ihrem Vortrag "Baustoffrecycling im Kontext Infrastrukturbau" eine goldene Brücke für mehr Akzeptanz von Recycling, Down- und Upcycling.

Das Seminarprogramm gliedert sich in die sechs Säulen "Trassenbau", "Straßen- und Brückenbau", "Forschung und Entwicklung", "Digitalisierung und BIM Lösungen", "Abbruch und Recycling" sowie "Werkstatt und Logistik". Wir sind überzeugt, hier genau die heißen Eisen anfassen, die die Branche bewegen, das zeigt uns auch das Feedback zahlreicher Mitglieder. Natürlich stellen wir auch das Thema Künstliche Intelligenz in den Mittelpunkt. So wird aufgezeigt, wie KI die Angebotslegung bei öffentlichen Ausschreibungen beschleunigt, wie digitale Prozesse dank offenen Systemen, Telematik und KI endlich zusammenwachsen oder wie KI im Servicealltag unterstützt. Die Teilnehmenden des Großseminars werden auch Einblicke in das Modernisierungsprogramm der Autobahn GmbH erhalten.

ABZ: Was sind die Highlights der diesjährigen Großseminars?

Bennje: Wir freuen uns sehr darüber, dass wir mit Christian Lindner einen ausgewiesenen Finanzexperten als Keynote-Speaker gewinnen konnten. Uns ist bewusst, dass Christian Lindner ein Redner ist, der polarisiert und das ist durchaus gewollt. Wer sich die Liste unserer Gastredner ansieht, der erkennt, dass wir gern auf diejenigen setzen, die den Finger in die Wunde legen. Stets ein Highlight ist die von Alexandra von Lingen moderierte Podiumsdiskussion, die das Seminarmotto aufgreift und den Beginn des Vortragsprogramms markiert. Wir erwarten hier wieder eine lebhafte und konträre Diskussion mit echtem Erkenntnisgewinn. Erstmals nehmen die Autobahn GmbH und die DB InfraGO AG als Aussteller und Referenten am Großseminar teil. Die DB InfraGO AG will die drei Veranstaltungstage auch nutzen, um Partner für geplante Projekte zu finden.

ABZ: Der VDBUM vergibt in diesem Jahr wieder einen Förderpreis. Wie ist die Resonanz auf den Wettbewerb?

Bennje: Unseren Förderpreis, der in der Branche mit großem Interesse wahrgenommen wird, vergeben wir 2026 bereits zum 13. Mal. Er wird in den drei Kategorien "Innovationen aus der Praxis", "Entwicklungen aus der Industrie" und "Projekte aus Hochschulen und Universitäten" verliehen. Als ehemaliges Mitglied der Jury verfolge ich durchaus mit Stolz, dass vielen Unternehmen, die wir für ihre Entwicklungen ausgezeichnet hatten, wenig später der Durchbruch gelingt. Wir scheinen also einen guten Riecher für Innovationen zu haben. In diesem Jahr hatten wir mehr als 50 Wettbewerbsbeiträge zu bewerten – mehr als je zuvor.

ABZ: Welche Themen stehen bei den Unternehmen im Fokus, die sich um den Förderpreis beworben haben?

Bennje: Bei den Themen zeigt sich die volle Vielfalt der Aufgaben der Branche. Natürlich liegt der Schwerpunkt der Bewerbungen auf Themen der Digitalisierung. Aber genauso sind innovative Ideen aus dem Werkstatt- und Baustellenalltag dabei, die das Potential haben eine breite Anwendung zu finden und zur Effizienzsteigerung beizutragen. Alle Einreichungen werden während des Großseminars auf Roll-ups präsentiert. Es sind großartige Beiträge dabei und ich kann nur empfehlen, sich die Beiträge anzuschauen.

ABZ: Parallel zum Großseminar findet eine Fachausstellung statt. Welche Themen stehen in diesem Jahr bei den Ausstellern im Fokus?

Bennje: Das Interesse an unserer Fachausstellung war in diesem Jahr wieder überwältigend. 130 Unternehmen präsentieren sich und ihre Lösungen im Tagungszentrum und im Außenbereich. Dabei freuen wir uns zunächst über die große Bandbreite, die sie abdecken. Mit aktueller Baumaschinentechnik, Anbaugeräten und Automatisierung beziehungsweise KI-Anwendungen sind drei größere Schwerpunkte zu erkennen. Ganz besonders erfreulich ist, dass sich in unserem Start-up-Bereich wieder einige neue Unternehmen vorstellen. Das verdeutlicht, wie kreativ und umtriebig die Neugründungen sind. Für uns ist die Fachausstellung weit mehr als ein "nice to have". In unserer Programmgestaltung achten wir darauf, dass ausreichend Zeit besteht, sich an den Ständen der Aussteller zu informieren und ins Gespräch zu kommen.

ABZ: Was erwartet die Besucher im Freigelände?

Bennje: Auch dort wird ein Mix präsentiert, der unsere Branche in ihrer Gesamtheit aufzeigt. Hier steht insbesondere die Maschinentechnik im Fokus. Als Beispiele seien Saugbagger genannt, Baumaschinen mit verschiedenen Antriebslösungen und innovative Technik für eine effiziente Modernisierung unserer Infrastruktur.

ABZ: Welche Ziele haben Sie sich beim VDBUM in diesem Jahr in Bezug auf dasGroßseminar gesetzt?

Bennje: Unsere DNA ist die Aus- und Weiterbildung und der Anspruch unserer größten Veranstaltung ist seit jeher, die Führungskräfte der Branche fit für das beginnende Baujahr zu machen – lösungsorientiert und praxisnah. Nicht von ungefähr wird der VDBUM von 11.000 Mitgliedern getragen, die insbesondere in Zeiten des Wandels Kraft aus diesem starken Netzwerk schöpfen. Wir werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit vielen hervorragenden Programmpunkten aufzeigen, dass es gute Gründe gibt, das Jahr 2026 mit Optimismus anzugehen.

ABZ: Freitag ist beim VDBUM-Großseminar der Tag der VDBUM-Arbeitskreise. Welche Themen stehen dort auf den Stundenplänen?

Bennje: Wir haben dieses Format, unterstützt von der TU München, vor drei Jahren ins Leben gerufen, um die Herausforderungen der Branche gemeinsam zu bewerkstelligen und um die Qualität unserer Arbeit zu sichern. Damit haben wir ganz offensichtlich einen Nerv getroffen, denn die Teilnehmerzahlen waren von Beginn an enorm. Auch in diesem Jahr heißen wir Interessierte willkommen, die sich mit Ihren Erfahrungen und Fragestellungen einbringen möchten. Zunächst werden die Sprecher der Arbeitskreise "Baulogistik", Elektrotechnik", "Wasserstoff/Alternative Kraftstoffe" sowie "Werkstatt 4.0" berichten, was sie seit dem letzten Großseminar angestoßen haben. So viel vorweg: Es ist eine Menge passiert. So wurde etwa ein umfangreicher Leitfaden erstellt oder ein Positionspapier erarbeitet.

Im Anschluss widmen sich die vier Arbeitskreise wichtigen Themen wie der Einführung des SiteRouters, der H2-Mobilbetankung oder der Hochvolt-Ausbildung. Zudem wird ein fünfter Arbeitskreis zum Thema Hydraulik gegründet. Das jahrzehntelang aufgebaute Hydraulik-Know-how, droht zunehmend zu verschwinden. Mit diesem neuen Arbeitskreis wollen wir gegensteuern, nachdem wir 2025 bereits einer der Initiatoren der auf der bauma ins Leben gerufenen Hydraulik-Initiative waren, der sich inzwischen mehr als 60 Unternehmen angeschlossen haben.

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