Zum Inhalt springen

Wir bauen die Energiewende zweimal

Von ABZ

Enger | Deutschland plant neue Quartiere, saniert Straßen und entwickelt Gewerbegebiete. Doch die Leitungen, die für die künftige Energieversorgung und leistungsfähige Telekommunikationsnetze benötigt werden, fehlen in vielen Planungen. So entsteht Infrastruktur, die schon bei ihrer Fertigstellung nicht auf die Energiewende und die zunehmende Digitalisierung vorbereitet ist.

Die Straße ist gerade fertiggestellt, der Asphalt neu, die Gehwege sind gepflastert. Wenige Jahre später rücken erneut die Bagger an. Diesmal muss eine zusätzliche Stromleitung verlegt, ein Wärmenetz angeschlossen, ein Telekommunikationsnetz ausgebaut oder Platz für eine neue Energieversorgung geschaffen werden. Die Oberfläche wird wieder geöffnet, der Verkehr umgeleitet und die Bevölkerung ein weiteres Mal mit Lärm und Einschränkungen belastet.

Das ist kein bedauerlicher Einzelfall. Es ist das Ergebnis einer Planung, die noch immer zu sehr auf den aktuellen Bedarf schaut und zu wenig auf die Infrastruktur, die in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren benötigt wird.

Wir reden über Energiewende. Wir bauen jedoch weiterhin Straßen, Gebäude und Quartiere, als ließe sich diese Transformation später irgendwie ergänzen.

Die wichtigste Infrastruktur liegt unter der Erde

Die Energiewende wird häufig auf Windenergieanlagen, Photovoltaikflächen und Wärmepumpen reduziert. Doch erzeugte Energie allein ergibt noch kein funktionierendes Versorgungssystem. Strom muss aufgenommen, verteilt, gespeichert und bei Bedarf wieder in das Netz eingespeist werden können. Wärme, Wasser und andere Energieträger benötigen eigene Kreisläufe. Für Wasserstoff müssen Transportwege, Übergabepunkte und potenzielle Abnehmer berücksichtigt werden. Gleichzeitig werden leistungsfähige Telekommunikationsnetze immer wichtiger, weil moderne Energieinfrastrukturen auf digitale Mess-, Steuerungs- und Kommunikationssysteme angewiesen sind. Ohne eine zuverlässige Datenübertragung lassen sich dezentrale Erzeuger, Speicher, Verbraucher und Netze kaum intelligent miteinander koordinieren.

Genau diese Leitungsinfrastruktur wird in der kommunalen und baulichen Planung häufig nicht ausreichend mitgedacht.

Bei der Entwicklung eines neuen Quartiers werden Straßen, Abwasser, Trinkwasser, Strom und Telekommunikation geplant. Doch auch beim TK-Netz reicht es nicht, lediglich den gegenwärtigen Anschlussbedarf zu berücksichtigen. Kapazitäten, Redundanzen und spätere Erweiterungsmöglichkeiten müssen von Anfang an mitgedacht werden. Ob später zusätzliche Stromkapazitäten für Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur, Batteriespeicher oder dezentrale Erzeugungsanlagen benötigt werden, bleibt vielfach offen. Mögliche Wärmenetze werden nicht vorbereitet. Künftige Wasserstoffleitungen tauchen in der Planung häufig überhaupt nicht auf.

Dabei ist heute längst absehbar, dass sich die Anforderungen an unsere Versorgungsnetze grundlegend verändern werden.

Heute gebaut, morgen schon überholt

Besonders problematisch ist, dass Bauwerke und Infrastrukturen sehr lange Nutzungszeiten haben. Eine heute sanierte Straße soll nicht nach wenigen Jahren wieder geöffnet werden. Ein neu entwickeltes Gewerbegebiet muss auch dann noch funktionieren, wenn Unternehmen künftig größere Strommengen benötigen, Energie selbst erzeugen, Überschüsse zurückspeisen oder Wasserstoff einsetzen oder auf hochleistungsfähige und ausfallsichere Telekommunikationsverbindungen angewiesen sind.

Wer ausschließlich den heutigen Bedarf zugrunde legt, baut womöglich schon jetzt die Engpässe der Zukunft.

Das zeigt sich bei vielen Gewerbeprojekten. Flächen werden ausgewiesen, Hallen errichtet und Unternehmen angesiedelt. Erst bei der konkreten Anschlussplanung stellt sich heraus, dass das Stromnetz die benötigte Leistung nicht bereitstellen kann. Die geplante Photovoltaikanlage darf zwar Energie erzeugen, doch das Netz kann Überschüsse nicht vollständig aufnehmen. Der Betrieb möchte seine Prozesse perspektivisch auf Wasserstoff umstellen, aber weder ein Leitungskorridor noch ein Übergabepunkt wurde vorgesehen. Oder die digitale Infrastruktur reicht nicht für automatisierte Produktionsanlagen, cloudbasierte Anwendungen und die intelligente Steuerung der Energieflüsse aus.

Dann beginnt die nachträgliche Suche nach Lösungen. Diese ist fast immer teurer, langsamer und konfliktanfälliger als eine frühzeitige Vorsorge.

Wasserstoff darf keine Fußnote bleiben

Gerade beim Wasserstoff zeigt sich, wie groß die Lücke zwischen politischer Strategie und baulicher Planung ist. Über ein künftiges Wasserstoffnetz wird intensiv gesprochen. In vielen konkreten Bauvorhaben spielt es trotzdem kaum eine Rolle.

Natürlich ist es weder sinnvoll noch wirtschaftlich, vorsorglich in jeder Straße eine Wasserstoffleitung zu verlegen. Sehr wohl sinnvoll ist es jedoch, bei größeren Infrastrukturmaßnahmen zu prüfen, ob künftig ein entsprechender Bedarf entstehen könnte. Wo liegen industrielle Abnehmer? Welche Gewerbegebiete könnten Wasserstoff benötigen? Welche Trassen wären technisch möglich? Wo müssen Sicherheitsabstände, Übergabestationen oder Erweiterungsflächen berücksichtigt werden?

Wenn solche Fragen erst gestellt werden, nachdem Flächen bebaut und Trassen versiegelt wurden, sind viele Möglichkeiten bereits verbaut.

Vorausschauende Planung bedeutet nicht, heute jedes Detail der Energieversorgung von 2050 zu kennen. Sie bedeutet, spätere Entwicklungen nicht durch heutige Entscheidungen unnötig zu verhindern.

Nicht nur Versorgung, sondern Kreisläufe planen

Unsere Infrastrukturplanung folgt vielerorts noch einem linearen Prinzip: Energie und Wasser werden zu einem Gebäude oder Betrieb geleitet und dort verbraucht. Die künftige Realität ist komplexer.

Gebäude und Unternehmen werden zunehmend selbst Energie erzeugen. Sie speisen Strom zurück, nutzen Speicher oder stellen Energie anderen Verbrauchern zur Verfügung. Wasser kann aufbereitet und innerhalb bestimmter Prozesse erneut genutzt werden. Abwärme aus Gewerbe und Industrie kann für benachbarte Gebäude interessant sein. Aus Verbrauchern werden zeitweise Produzenten. Damit diese Prozesse zuverlässig aufeinander abgestimmt werden können, braucht es neben den physischen Versorgungsleitungen auch leistungsfähige TK-Netze. Sie bilden die digitale Verbindung zwischen Erzeugung, Speicherung, Verbrauch und Netzsteuerung.

Dafür braucht es Netze, die in beide Richtungen funktionieren.

Ein Gewerbegebiet darf deshalb nicht nur danach geplant werden, wie viel Energie die einzelnen Betriebe beziehen. Es muss ebenso geklärt werden, welche Mengen erzeugt, gespeichert, weitergegeben oder zurückgespeist werden können. Gleiches gilt für neue Wohnquartiere. Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Batteriespeicher und Ladepunkte sind keine voneinander getrennten technischen Ergänzungen. Sie greifen ineinander und belasten dieselbe Infrastruktur. Ihre intelligente Steuerung setzt zugleich eine belastbare Telekommunikationsinfrastruktur voraus.

Fehlt diese Gesamtbetrachtung, entstehen leistungsfähige Einzelanlagen, die im Zusammenspiel nicht funktionieren.

Jede Baumaßnahme braucht einen Infrastrukturcheck

Bevor eine Straße grundlegend saniert, ein Quartier entwickelt oder ein Gewerbegebiet erschlossen wird, sollte deshalb ein verbindlicher Infrastrukturcheck erfolgen.

Dabei reicht es nicht, lediglich den Bedarf der nächsten Jahre abzufragen. Kommunen, Netzbetreiber, Projektentwickler, Industrie, Wasserwirtschaft, Telekommunikationsanbieter, Verkehrsplanung und Genehmigungsbehörden müssen gemeinsam betrachten, welche Entwicklung in dem Gebiet langfristig wahrscheinlich ist.

Zu klären sind unter anderem folgende Fragen:

Das Ergebnis muss nicht immer eine sofort verlegte Leitung sein. Manchmal genügt ein reservierter Leitungskorridor. An anderer Stelle können Leerrohre, vorbereitete Straßenquerungen oder zusätzliche Flächen für Netzstationen sinnvoll sein. Gerade Leerrohre können den späteren Ausbau von Glasfaser- und weiteren Telekommunikationsverbindungen erheblich vereinfachen. Entscheidend ist, dass diese Möglichkeiten überhaupt geprüft werden, bevor gebaut wird.

Der Untergrund braucht einen Masterplan

In vielen Kommunen planen unterschiedliche Stellen nebeneinander. Der Straßenbau verfolgt seinen Zeitplan, der Netzbetreiber einen anderen. Wasser, Abwasser, Telekommunikation und Wärme werden getrennt betrachtet. Informationen über vorhandene Leitungen sind teilweise unvollständig, unterschiedlich aufbereitet oder nicht zentral verfügbar.

So wird der Untergrund zur Überraschungskiste.

Notwendig ist ein gemeinsamer digitaler Infrastrukturplan, der bestehende Leitungen, geplante Maßnahmen, mögliche Erweiterungen und reservierte Korridore zusammenführt. Darin müssen TK-Netze den gleichen Stellenwert erhalten wie Energie-, Wasser- und Wärmeleitungen. Wenn eine Straße geöffnet wird, muss klar sein, welche weiteren Maßnahmen in den kommenden Jahren vorgesehen sind. Nur dann lassen sich Bauarbeiten bündeln.

Das spart nicht nur Geld. Es reduziert Verkehrsbehinderungen, Bauzeiten, Emissionen und Belastungen für Anwohner. Vor allem verhindert es, dass sich unterschiedliche Infrastrukturprojekte gegenseitig blockieren.

Risiken gehören in die Planung, nicht in den Nachtrag

Eine vorausschauende Infrastrukturplanung wird nie alle Entwicklungen exakt vorhersehen können. Energiepreise verändern sich, Technologien entwickeln sich weiter und politische Rahmenbedingungen können wechseln. Daraus jedoch abzuleiten, besser gar nicht langfristig zu planen, wäre der teuerste Fehler.

Professionelles Risikomanagement bewertet, welche Entwicklung mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten kann und welches Schadenspotenzial entsteht, wenn sie nicht berücksichtigt wird.

Was kostet ein vorbereiteter Leitungskorridor heute? Was kostet es, dieselbe Trasse in zehn Jahren durch ein vollständig bebautes Gebiet zu führen? Welche Folgen hat es, wenn ein Unternehmen wegen fehlender Netzkapazität nicht angesiedelt werden kann? Welche betrieblichen und wirtschaftlichen Risiken entstehen, wenn die Telekommunikationsanbindung nicht leistungsfähig oder ausfallsicher genug ist? Welche Mehrkosten entstehen, wenn eine neu sanierte Straße erneut geöffnet werden muss?

Auf dieser Grundlage lassen sich sinnvolle Vorsorgemaßnahmen festlegen. Nicht jedes mögliche Szenario rechtfertigt eine sofortige Investition. Doch ein Risiko zu bewerten ist etwas anderes, als es vollständig zu ignorieren.

Wer früher gemeinsam plant, baut später schneller

Die Energiewende braucht nicht noch mehr voneinander getrennte Konzepte. Sie braucht eine verbindliche Koordination derjenigen, die Energie erzeugen, transportieren, verteilen, nutzen und zurückspeisen sowie die dafür notwendigen Daten übertragen und verarbeiten.

Dazu gehören Kommunen, Netzbetreiber, Industrie, Projektentwickler, Bauwirtschaft, Wasserwirtschaft und Politik. Sie müssen vor Beginn eines Projekts klären, welche Infrastruktur langfristig gebraucht wird, welche Kosten entstehen und wie diese fair verteilt werden können.

Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssen verlässlich sein. Niemand investiert in Netze, Speicher oder neue Versorgungssysteme, wenn Förderungen, Einspeiseregeln und politische Vorgaben fortlaufend verändert werden. Infrastruktur wird für Jahrzehnte gebaut. Entsprechend langfristig müssen auch die Bedingungen kalkulierbar sein.

Die Energiewende beginnt vor dem ersten Spatenstich

Deutschland muss nicht überall sofort neue Leitungen verlegen. Es muss jedoch aufhören, mögliche Leitungen und Energieflüsse aus der Planung auszublenden.

Jede heute gebaute Straße, jedes neue Quartier und jedes Gewerbegebiet entscheidet mit darüber, wie schnell und zu welchen Kosten die Energiewende später umgesetzt werden kann. Wer Trassen freihält, Netze zusammendenkt, Rückspeisung ermöglicht, leistungsfähige TK-Netze berücksichtigt und Erweiterungen vorbereitet, schafft Handlungsspielraum. Wer ausschließlich für den aktuellen Bedarf baut, produziert die nächste teure Baustelle gleich mit.

Die Energiewende scheitert nicht daran, dass wir ihre Ziele nicht kennen. Sie scheitert dort, wo eine frisch asphaltierte Straße wieder aufgerissen werden muss, weil niemand an die Leitung von morgen gedacht hat.

--------------------------------------------------------------------------------

Der Autor ist Experte in der Steuerung komplexer Bauvorhaben und der nachhaltigen Generalplanung sowie Geschäftsführer der Bockermann Fritze plan4buildING GmbH.

ABZ

ABZ

Gebaut wird überall, und das zu jeder Zeit! Die Allgemeine Bauzeitung begleitet das gesamte Baugewerbe. Schnell, sachlich und neutral - so sind wir Deutschlands meistgelesene Baufachzeitung geworden.

Alle Artikel

Weitere in Energieeffizienz

Alle anzeigen

Weitere von ABZ

Alle anzeigen