Bauaussichten 2023

Der Boom ist vorerst vorbei

Von Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Deutsches Baugewerbe
Bauaussichten
Foto: ZDB/Anne Hufnagl

Nachdem wir die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie mit einem blauen Auge überstanden hatten, blickte die Branche Ende 2021 noch äußerst optimistisch auf das kommende Jahr. Die Lieferketten begannen wieder zu greifen, Order nahmen Fahrt auf, Auftragsbücher füllten sich. Nach einem realen Umsatzrückgang von 6 Prozent im Jahr 2021, gingen wir für 2022 von einem Umsatzplus im Bauhauptgewerbe von 1,5 Prozent aus. Aber mit Putins Krieg und den Sanktionen setzte eine wirtschaftliche Krise mit substantiellen Risiken für die gesamte deutsche Konjunktur ein.

Die von den Energiepreisen getriebenen Materialkosten sind seit geraumer Zeit ein Katalysator für die Preise der Bauleistungen. Im August lagen die Wohnungsbaukosten um 16,5 Prozent und im Straßenbau um 18,5 Prozent über den Vorjahreswerten. Für 2022 rechnen wir insgesamt mit einer Preissteigerung für Bauleistungen von gut 15 Prozent. Parallel dazu vervierfachten sich die Zinsen für Immobilienkredite seit Jahresbeginn, während die Logistikkapazitäten im weltweiten Handel noch immer nicht das Vor-Corona-Niveau erreichten.

Angesichts dieser Gemengelage mussten wir unsere optimistische Umsatzprognose vom Jahresanfang deutlich nach unten korrigieren. Für dieses Jahr rechnen wir von einem Branchenumsatz in Höhe von rund 158 Milliarden Euro. Die Preissteigerungen mit eingerechnet, wird der Umsatz real um 5,5 Prozent und im kommenden Jahr noch einmal um 7 Prozent zurückgehen. Man muss es so klar sagen: Der Boom ist vorerst einmal vorbei. Die Baukonjunktur verliert immer mehr an Schwung.

Diese Stimmung spiegelt sich auch in unserer Unternehmensumfrage wider, für die wir 1600 Betriebe unseres Verbandes befragten. 60 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung der Geschäftsentwicklung in den nächsten sechs Monaten. So ist nicht auszuschließen, dass 2023 der Beschäftigtenstand in der Branche nicht gehalten werden kann. 15 Prozent der Unternehmen sehen sich zum Stellenabbau im kommenden Jahr veranlasst, nur gut 12 Prozent wollen den Beschäftigtenstand weiter aufbauen, über 70 Prozent wollen den Beschäftigtenstand halten. Wenn es nicht gelingt, die Rahmenbedingungen für Bauinvestitionen zu stabilisieren, wird erstmalig seit 2009 die Zahl der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe wieder sinken. Zum jetzigen Zeitpunkt rechnen wir für 2023 mit etwa 910.000 Beschäftigten – nach 917.000 in diesem Jahr.

Sorgenkind Wohnungsbau. Da die Auftragsbücher derzeit noch viele Seiten haben und die Geräteauslastung weiterhin hoch ist (80 Prozent), dürften in diesem Jahr rund 280.000 Wohnungen fertiggestellt werden, so unsere Prognose Anfang Dezember 2022. Aber: Die Genehmigungszahlen im Neubau gehen konstant zurück. Bis zum Jahresende ist ein Rückgang bei den Baugenehmigungen um etwa 32 500 Wohnungen gegenüber dem Vorjahr zu erwarten. Angesichts dieser Lage rechnen wir für 2023 mit der Fertigstellung von rund 245.000 Wohnungen, was einem Minus von 12,5 Prozent entspricht. 2024 wird sich die derzeitige Zurückhaltung bei den Investitionen noch deutlicher bei den Baufertigstellungen bemerkbar machen. So ist 2022 im Wohnungsbau mit einem Umsatzminus von real 4,5 Prozent und 10 Prozent im kommenden Jahr zu rechnen. Dass es nicht noch schlimmer wird, dafür wird wohl die Nachfrage im Bereich Sanierung sorgen.

Wirtschaftsbau und Öffentlicher Bau schwächeln ebenfalls. Im Wirtschaftsbau fallen die Umsätze real um 5 Prozent niedriger aus als 2021. Für 2023 rechnen wir mit einem weiteren Umsatzrückgang um 6 Prozent. Das liegt vor allem an den schwächelnden Investitionen angesichts der sich stark eintrübenden volkswirtschaftlichen Konjunkturaussichten. Hinzu kommt die Baukostenentwicklung, die die Nachfrage nach Gewerbebauten weiter bremst. Die Kommunen als größter öffentlicher Auftraggeber sehen in den kommenden Jahren einen starken Anstieg ihrer Sach-, Personal- und Sozialausgaben, der nicht durch die prognostizierten Steuereinnahmen gedeckt ist. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass sie ihre Investitionen im kommenden Jahr ausweiten werden. Zugleich erreichen die Infrastrukturinvestitionen des Bundes im laufenden Jahr aller Voraussicht nach nicht die eigenen Zielvorgaben. So rechnen wir für 2022 damit, dass die Umsätze im öffentlichen Bau real um 7 Prozent fallen. Auch 2023 werden die Umsätze noch einmal sinken, dann wohl um 4,5 Prozent.

Was kann man tun? Um dem drohenden Abwärtsszenario zu begegnen, muss die Politik an die Förderbedingungen ran und diese auskömmlich und niedrigschwellig gestalten. Das geplante Volumen für den Wohnungsneubau von 1 Milliarde Euro ist zu niedrig. Eine Orientierung bieten die rund 10 Milliarden Euro, die im ersten Halbjahr 2022 zur Verfügung standen. Investoren und Bauherren brauchen gleichzeitig schnell Klarheit über die konkreten Förderbedingungen. Die geplante Bindung an das EH 40 Niveau ist aber zu ambitioniert und sollte dringend noch einmal überdacht werden.

Zudem braucht es bessere steuerliche Regelungen. Wir begrüßen die Wiederaufnahme der Sonder-Afa im Mietwohnungsbau zum 1. Januar 2023. Um den dringend benötigten sozialen Wohnungsbau Impulse zu verleihen, sollte hier entweder ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent greifen oder eine attraktivere Sonder-Afa eingeführt werden. Wenn dann auch noch die öffentliche Hand ihre Investitionsrahmen an die Zeitenwende anpasst, würde das den Wohnungsbau ein wenig vorantreiben und so den Mietmarkt etwas entspannen.

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Ausblick – Baujahr 2023

Nachdem das Jahr 2021 die Branche mit der Pandemie und Lieferkettenproblemen bereits vor Herausforderungen gestellt hatte, bedeutete der Beginne des Ukraine- Kriegs im Februar 2022 eine Zäsur, die bis heute fortwirkt. Energieknappheit, Preisexplosionen, Klimaschutzvorgeben und ein Rückgang der Nachfrage im Wohnungsbau stellten neue Aufgaben und verunsicherten Unternehmen und Manager.

Der erfolgreiche Verlauf und der bauma 2022 zum Jahresabschluss konnte dagegen den positiven Akzent setzen, auf den viele gehofft hatten und der sich zuvor angedeutet hatte – Baumaschinenhersteller berichteten durch die Bank von übervollen Auftragsbüchern. In den nun folgenden Bauaussichten 2023 spiegelt sich die Ambivalenz der aktuellen Entwicklungen wider: Verbände und Experten sind sich einig, dass die Entwicklung der Bauwirtschaft in diesem Jahr eine Delle verzeichnen wird, Hersteller sehen die Herausforderungen des Marktes und nehmen sie tatkräftig an. Trotz aller Widrigkeiten, zu denen auch der permanente Fachkräftemangel zählt, überwiegt eine positive Grundhaltung und die Gewissheit, dass die Baubranche die vor ihr liegenden Aufgaben als wichtigste Stütze der Wirtschaft schon stemmen wird.

Das Signal, das alle Teilnehmenden der Bauaussichten 2023 in den Markt senden, wird dominiert von Stärke und Kontinuität. Dieser gemeinsame Nenner wirkt wie ein Schulterschluss, der die Branche auszeichnet und der anderen als Vorbild dienen kann.

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