Messel (ABZ). – In Messel entsteht ein Mehrfamilienhaus aus Holz und Stroh, das auf einer betonfreien Bodenplatte aus Schaumglas gegründet wird. Die Urban Mining Bodenplatte (UMB 1) von Glapor ersetzt nach Herstellerangaben Beton, Stahl und erdölbasierte Kunststoffdämmstoffe vollständig. Das Projekt wurde von den Klimaschutzarchitekten ShaktiHaus geplant, statisch von bauquadrat begleitet und vom Bauunternehmen Reeg umgesetzt.
Die neue Gründungsart basiert auf Schaumglasplatten aus 100 % Recyclingglas. Laut Hersteller reduzieren diese die CO2-Emissionen um bis zu 70 % gegenüber konventionellen Lösungen. Entwickelt wurde das System vom Hamburger Bauingenieur Helge Flöge und dem Team von Glapor.
„Wir wollten zeigen, dass nachhaltiges Bauen bei der Gründung und beim Fundament beginnt“, sagt Architektin Susanne Körner vom Büro ShaktiHaus. Gemeinsam mit ihrem Partner Tilman Schäberle und Statiker Sebastian Schmer zeichnet sie für das Projekt verantwortlich.
Was bislang aus Beton, Stahlbewehrung und XPS-Dämmung bestand, wird in Messel durch Schaumglasplatten aus 100 % Recyclingglas ersetzt. Nach Herstellerangaben sind Schaumglasplatten extrem druckfest und verformen sich nicht. Schaumglas nimmt laut Glapor kein Wasser auf, verändert sich nicht und kann beliebig oft wieder- und ausgebaut werden.
„Wir wollen weg vom linearen Bauen mit tonnenweisem Beton“, sagt Helge Flöge, Technik- und Nachhaltigkeitsverantwortlicher bei Glapor und Erfinder der UMB 1. „Unser Ziel ist es, klimaschonend zu bauen und Materialien so einzusetzen, dass sie sich immer wieder verwenden lassen – im Sinne der Kreislaufwirtschaft.“
Am 4. September rückte das Bauunternehmen Reeg aus Brombachtal mit einem sechsköpfigen Team an. „Neue Materialien – da haben viele erst einmal Bedenken“, sagt Bauunternehmer Christoph Reeg. „Aber ich habe mir gedacht: Das probieren wir aus.“
An nur einem Tag wurde die rund 162 m2 große Fläche zweilagig mit je 12 cm starken Schaumglasplatten verlegt. „Man braucht kein Spezialwerkzeug, nur eine gute Säge sowie Mund- und Augenschutz wegen des Glasstaubs“, berichtet Reeg. „Das kann jeder Selbstbauer mit etwas Handwerksverständnis hinbekommen. Voraussetzung ist, dass der Untergrund perfekt vorbereitet, also das Splittbett hundertprozentig eben ist.“
Für Christoph Reeg war die Bauweise eine Überraschung: „Wir brauchten keine Betonmischer, kein Ein- und Ausschalen, keine Bewehrung, keine Rüttel- oder Nachbehandlungsarbeiten. Das hat den Einbau deutlich einfacher gemacht.“ Die Schaumglasplatten wurden wie großformatige Bausteine eingebracht und mit einer EPDM-Bahn von Carlisle abgedeckt, die nach allen relevanten Normen geprüft ist.
Ein Vergleich des Architekturbüros ShaktiHaus mit konventioneller Bauweise zeigt nach deren Angaben, dass das Konzept UMB 1 auch finanziell attraktiv ist. Bei einem dreigeschossigen Bau in Südhessen kostete 2023 die stahlbewehrte Betonbodenplatte inklusive Frostschürze und gleichwertiger Dämmung rund 348 Euro/m2. Die Glapor-Schaumglasplatte im Mehrfamilienhaus Messel schlägt mit 331 Euro/m2 zu Buche.
Laut Hersteller verursacht die UMB 1 bis zu 50 % weniger CO2 im Vergleich zu einer konventionellen Betonbodenplatte mit XPS-Dämmung. Die Glapor-Schaumglas-Bodenplatte spart nach Herstellerangaben 7044 kg CO2e, also 49 % gegenüber der herkömmlichen Variante, was pro Quadratmeter etwa 44 kg CO2e weniger bedeutet.
Sebastian Schmeer, Tragwerksplaner und Partner bei bauquadrat, begleitete die Berechnungen. „Gewichtstechnisch war das kein Problem“, erklärt er. „Schaumglas ist druckfest genug, um die Lasten sicher aufzunehmen. Aber bei einem Gebäude dieser Höhe wirken natürlich auch horizontale Windlasten, und da mussten wir statisch etwas nachjustieren.“
Die Lösung: zwei schmale Streifenfundamente, die in den Schaumglasaufbau integriert werden. „Die Betonmenge ist verschwindend gering“, sagt Schmeer. „Aber sie sorgt dafür, dass die Windkräfte sicher in den Boden abgeleitet werden können.“
Für Helge Flöge ist das Projekt ein Durchbruch: „Dass hier ein dreigeschossiger Holzbau auf einer Schaumglas-Bodenplatte steht, zeigt, dass es funktioniert – technisch, ökologisch und wirtschaftlich. Das war vor ein paar Jahren noch undenkbar.“
„Wir haben in den letzten Jahren viel Entwicklungsarbeit geleistet – nicht nur hinsichtlich des Materials, sondern vor allem, was die Systemlösung angeht, also Anschlüsse, Abdichtungsebenen, Fundamentstreifen, Befestigungssysteme“, sagt Flöge. „Unser Ziel ist es, dass sowohl Planer als auch Handwerker oder der private Anwender es einfach umsetzen können, ohne Angst vor dem Neuen.“
Für die Architekten war die Entscheidung für die betonfreie Bodenplatte eine Haltungsfrage. „Wir wollten ein Gebäude, das in seiner gesamten Konstruktion konsequent ökologisch gedacht ist“, betonen Susanne Körner und Tilman Schäberle. „Wir wollten zeigen, dass Nachhaltigkeit nicht nur auf Einfamilienhäuser beschränkt ist.“
„Mit der Urban Mining Bodenplatte zeigen wir, dass nachhaltiges Bauen keine Utopie mehr ist. Wir ersetzen Beton durch zirkuläres Glas – und schaffen ein Fundament für die Bauwende“, fasst Helge Flöge zusammen.