Johannes Schlenter, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Abbruchverband und Andreas Pocha, Geschäftsführer Deutscher Abbruchverband, sprachen mit ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga über Herausforderungen im Abbruchgewerbe und die Highlights der Abbruchtagung in diesem Jahr.
ABZ: Wie würden Sie das aktuelle wirtschaftliche und politische Marktumfeld für die Mitgliedsunternehmen des Deutschen Abbruchverband beschreiben?
Schlenter: Politisch sind die notwendigen Voraussetzungen für ein gesundes Marktumfeld grundsätzlich da: Es gibt Förder- und Wachstumspakete, insbesondere für die Infrastruktur. In der Praxis hakt es aber oft an Kapazitäten bei Behörden, Planern und Fachplanern – Projekte werden nicht so schnell umgesetzt, wie es nötig wäre. Kurz: Es wird Zeit, vom Wollen ins Machen zu kommen.
Wirtschaftlich wird es spürbar härter. Unsere Mitgliedsunternehmen sind zwar gut beschäftigt, aber die Rahmenbedingungen sind herausfordernder als früher: Es gibt weniger Projekte, vor allem im klassischen Wohnungsbau. Dadurch müssen mehr Angebote geschrieben werden und der Preiswettbewerb nimmt zu – insbesondere im öffentlichen Vergabebereich. Eine zentrale Herausforderung ist die Vergabepraxis: Bei öffentlichen Auftraggebern entscheidet fast immer der Preis. Das verschärft den Preiskampf und führt dazu, dass manche Ausschreibungen wirtschaftlich kaum sinnvoll kalkulierbar sind. Im privaten Bereich sehen wir eher, dass Qualität und Referenzen stärker gewichtet werden – dort gilt "billig um jeden Preis" zum Glück nicht mehr immer.
ABZ: Worauf legen Sie den Fokus in der aktuellen Verbandsarbeit?
Pocha: Ein Schwerpunkt ist die Aus- und Weiterbildung: Wir bieten seit Jahren passgenaue Fortbildungsangebote über unsere hundertprozentige Tochter, die DA Service GmbH, an, damit die Beschäftigten in unseren Mitgliedsbetrieben fachlich auf der Höhe der Zeit bleiben. Diese Seminare und Lehrgänge mit abbruchspezifischen Inhalten werden sehr gut angenommen und sind unsere Unterstützung für unsere Mitglieder gegen den Fachkräftemangel. Zweiter Fokus unserer Verbandsarbeit ist moderne Öffentlichkeitsarbeit: Wir bauen die Kommunikation über Print, Website und Social Media aus – auch auf Impuls unseres Juniorenkreises. Ziel ist es, die Leistungsfähigkeit unserer Branche sichtbarer zu machen und für Nachwuchs attraktiver zu werden. Dazu brauchen wir öffentliche Wahrnehmung.
ABZ: Was sind Ihre Ziele für die kommenden zwei Jahre?
Schlenter: Im Herbst 2026 stehen bei uns turnusmäßige Vorstandswahlen an. Satzungsgemäß werden neue Kandidaten hinzukommen, und der dann gewählte Vorstand wird sich eine Agenda und Schwerpunkte für seine 4-jährige Amtsperiode strukturiert festlegen.
ABZ: Was sind die Hauptthemen der Fachtagung Abbruch in diesem Jahr?
Schlenter: Wir haben uns bewusst gegen ein einzelnes Oberthema entschieden. Stattdessen setzen wir auf die Vielfalt der Vorträge, um die Vielseitigkeit der Abbruchbranche abzubilden. Wir freuen uns, dass in diesem Jahr viele praxisnahe Baustellenberichte Teil des Programms sind. Auf die Besucher der Fachtagung Abbruch 2026 wartet also nicht bloß Theorie, sondern vor allem handfeste Praxis.
ABZ: Was werden die Highlights der Veranstaltung in Berlin sein?
Schlenter: Highlights sind die hohe Praxisnähe und die thematische Breite. Einen Punkt kann man jedoch sicher herausheben: Wir freuen uns besonders auf die Keynote von Sven Gábor Jánszki, der den Blick darauf richtet, wie sich die Abbruchbranche in den nächsten zehn Jahren verändern wird.
ABZ: Fachkräftemangel hält die Bauwirtschaft noch immer in Atem – wie ist die Situation in der Abbruchbranche?
Schlenter: Wir sehen eine leichte Entspannung, weil durch die Schwäche in Teilen des Hochbaus sowie in anderen Industriebereichen auch neue Arbeitskräfte verfügbar werden. Das sind oft Quereinsteiger, die wir über Qualifizierung gut in unsere Branche integrieren können. Trotzdem bleibt Fachkräftemangel ein Thema. Strukturell ist es weiterhin eine Herausforderung, an der wir weiter arbeiten müssen.
ABZ: Nachhaltigkeit ist in unserer Branche fest verankert, sagt der Verband über sich selbst. Was ist damit gemeint?
Pocha: Nachhaltigkeit ist bei uns kein neues Schlagwort: Recycling, Wiederverwendung und Wiederverwertung gehören seit Jahrzehnten zur Praxis, weil es ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist. Die oft zitierte Bauwende beginnt mit dem Abbruch.
Wir treiben außerdem das Verständnis vom "cirkulären Rückbau" voran. Hohe Recyclingquoten zeigen, dass Nachhaltigkeit ein wesentlicher Bestandteil unserer Tätigkeit ist – und mit passenden Rahmenbedingungen wäre in Teilen noch mehr möglich.
ABZ: Welche Relevanz spielt die Elektrifizierung von Baumaschinen für die Abbruchbranche?
Schlenter: Elektrifizierung ist relevant und der Trend ist klar – besonders bei kleinen Maschinen und handgeführten Geräten, wo es heute schon gut funktioniert. Bei großen Maschinen gibt es noch deutliche Hürden: Ladeinfrastruktur auf Baustellen, lange Ladezeiten, hohe Anschaffungskosten und technische Grenzen im schweren Einsatz.
Dass es dennoch möglich ist, auch heute schon elektrisch zu arbeiten, zeigt einer der Vorträge auf der Fachtagung Abbruch über den weltweit ersten vollelektrischen Gebäuderückbau.
Dieser Kraftakt kann gelingen, wenn alle Beteiligten es konsequent wollen und die Voraussetzungen geschaffen sind.
ABZ: In der Bauwirtschaft wächst der Druck, digitale Lösungen in allen Bereichen des Bauwesens umzusetzen. Wie geht die Abbruchbranche mit dem Thema um?
Schlenter: Wir stehen Digitalisierung sehr aufgeschlossen gegenüber – und in der Praxis ist sie in vielen Bereichen längst angekommen: digitale Nachweisführung, Zeiterfassung, Tablets/Smartphones für Bautagebuch und Berichte, sowie Hightech-Maschinensteuerung bis hin zu GPS-unterstützten Systemen und ferngesteuerten Geräten/Robotik. Beim Thema BIM sehen wir großes Potenzial für unsere Branche: Wenn Baustoffe und Bauteile langfristig sauber digital dokumentiert und über die Nutzungsdauer auch weiterhin gepflegt werden, erleichtert das später Rückbau, Schadstoffmanagement und zirkuläre Verwertung. Ohne aktuelle Daten bringt aber auch der beste digitale Plan wenig.
ABZ: Mit welchen Leistungen unterstützt der Deutsche Abbruchverband seine Mitgliedsfirmen?
Pocha: Unsere Mitglieder haben einige Vorteile: ein breites Angebot an abbruchspezifischer Fortbildung, für die die Mitglieder sogar noch eine finanzielle Bezuschussung vom Verband beantragen können; praxisnahe Arbeit in Fachausschüssen, die in Form von zum Beispiel Checklisten und Handlungsempfehlungen dann auch allen Mitgliedern zugutekommen; einen kontinuierlichen Informationsfluss zu Neuerungen und Anforderungen aber auch verschiedene Veranstaltungsformate zum Netzwerken.
ABZ: "Die Abbruchbranche steht nicht am Rand – sie steht am Anfang" beschreibt der Deutsche Abbruchverband die bevorstehende "Transformation des Bauwesens". Was zählt für Sie zu den Elementen und Triebfedern dieser Transformation?
Schlenter: Sprechen wir über die Kreislaufwirtschaft -ohne Rückbau, Trennung und Aufbereitung funktioniert sie nicht. Auf unseren Baustellen entsteht hochwertiges, nachvollziehbares Material für Recycling – wir wissen, wo es herkommt und wie es beschaffen ist.
Triebfedern sind dabei auch wirtschaftlich – je besser Trennung und Aufbereitung, desto höher die Wertschöpfung – und desto wirtschaftlicher wird Rückbau insgesamt. Außerdem gilt – Kreislauffähigkeit muss früher mitgedacht werden – schon bei Neubau, Bauprodukten und Bauweisen. Verbundmaterialien, die später kaum trennbar sind, erschweren die Transformation.
Wir brauchen Produkte und Konstruktionen, die Rückbau und Recycling bereits nach dem jetzigen Stand der Technik ermöglichen, auch wenn es erst in 30 bis 40 Jahren so weit ist.