Oldenburg (jb). – Am 5. und 6. Februar 2026 war es wieder einmal soweit – die Verantwortlichen des 38. Oldenburger Rohrleitungsforums luden Fachpersonen und Interessierte aus der Rohr- und Leitungsbranche unter dem Motto "Alt und Neu – Strategien für Netze von morgen" in die Weser-Ems-Hallen ein.
Im Rahmen dieser zweitägigen Weiterbildungsveranstaltung mit begleitender Fachausstellung referierten rund 120 Expertinnen und Experten in sechs parallelen Vortragsreihen zu aktuellen Themen rund um den erdverlegten Rohrleitungsbau. Darüber hinaus präsentierten rund 450 Ausstellende ihre Geräte und Lösungen für den Rohrleitungsbau im Innen- und Außenbereich.
Weiterhin fand im Rahmen des Forums ein Pressegespräch statt. Im Zuge dessen diskutierten Mike Böge (Geschäftsführer des Instituts für Rohrleitungsbau an der Fachhochschule Oldenburg e. V.), Dr. Wolf Merkel (Vorstand – Ressort Wasser, Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches e. V. (DVGW)), Heiko Fastje (Geschäftsfeld Energienetze, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Technik bei der Firma EWE Netz) und Dr. Bernd Wagner (AGFW | Der Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK e. V., Forschung & Entwicklung) sowie Prof. Dr. Katharina Teuber (Professorin für Siedlungswasserwirtschaft an der Jade Hochschule und Vorstandsmitglied im Institut für Rohrleitungsbau), welche Aufgaben die Branchenbeteiligten schon jetzt angehen müssen, um tragfähige Lösungen zu etablieren – und dass ein Zusammenwirken der unterschiedlichen Bereiche unerlässlich ist, um auch zukünftigen Herausforderungen effizient begegnen zu können.
Bestehende Struktur anpassen
"Wir müssen unsere bestehende Infrastruktur erhalten, anpassen und weiterentwickeln – und gleichzeitig neue Anforderungen aus Klimawandel, Energie- und Wärmewende sowie Digitalisierung integrieren. Das ist kein Entweder-oder, sondern ein bewusstes Zusammendenken von Bestand und Zukunft", betont Mike Böge und fährt fort: "Es geht nicht allein um Rohrleitungsbestand, Instandhaltung oder Netzausbau, sondern auch um die Menschen, die diese Netze planen, bauen und betreiben.
Alt und Neu steht ebenso für Erfahrung und Nachwuchs, für Wissenstransfer, für Dialog und für den Mut, neue Wege zu gehen." Genau an dieser Stelle sehe er die Wichtigkeit des iro und des Oldenburger Rohrleitungsforums. "Die Veranstaltung ist seit jeher ein wichtiger Treffpunkt der Branche – spartenübergreifend, offen und auf Augenhöhe.
In Oldenburg kommen Vertreterinnen und Vertreter aus Abwasser, Trinkwasser, Gas, Fernwärme, Strom, Telekommunikation, aus Kommunen, Unternehmen, Wissenschaft und Verbänden zusammen. Dieses breite Spektrum ermöglicht es, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, miteinander zu diskutieren und ein integratives Verständnis für die Herausforderungen der unterirdischen Infrastruktur zu entwickeln", erläutert der Geschäftsführer des Instituts für Rohrleitungsbau an der Fachhochschule Oldenburg.
Vorausschauende Vorbereitung
Dass es nicht ohne ein verlässliches Miteinander geht, das verdeutlicht auch Dr. Wolf Merkel. Er spannt den Bogen zu einem Punkt, der vor dem Hintergrund der weltpolitischen Lage mitgedacht werden muss: "Durch die aktuell sehr präsente Gefahr physischer und digitaler Angriffe erhält die zivile Sicherheit einen noch höheren Stellenwert – auch für die Wasserinfrastruktur.
Die aktuelle Lage erfordert eine vorausschauende Vorbereitung. Der DVGW empfiehlt seinen Mitgliedsunternehmen, vorbereitende Maßnahmen auf Basis bestehender Gesetze und technischer Regeln in ihre strategische Planung aufzunehmen und interne Prozesse daraufhin zu überprüfen.
Auf die Herausforderungen des Klimawandels stellt sich die Wasserwirtschaft seit Längerem ein. Auch wenn Deutschland im Mittel wasserreich ist, nehmen Extremwetter und regional-saisonale Engpässe zu. Sie erfordern lokal bis überregional angelegte Anpassungsstrategien."
Heiko Fastje brachte die Perspektive eines Verteilnetzbetreibers zur Sprache und verwies darauf, dass Deutschland in diesem Belang vor einem grundlegenden Wandel stehe: "Während Gasnetze heute noch eine zentrale Rolle für die Wärmeversorgung, die Industrie und die Stromerzeugung spielen, verändern sich die Anforderungen und Rahmenbedingungen rasant. Als Verteilnetzbetreiber Gas tragen wir eine besondere Verantwortung, die Netze fit für die Zukunft zu machen und den Wandel aktiv mitzugestalten."
Zukunft verlangt neue Lösungen
Derzeit sei Gas ein unverzichtbarer Bestandteil der Energieversorgung und die Infrastruktur dafür sei weit ausgebaut – doch die Zukunft verlange neue Lösungen. "Mit den ambitionierten Klimaschutzzielen und der Notwendigkeit, Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren, wird die Versorgung mit fossilem Erdgas auslaufen. Dieser Paradigmenwechsel stellt die gesamte Branche vor große Herausforderungen, eröffnet aber auch Chancen für Innovation und nachhaltige Entwicklung", erläutert Fastje.
"Wir bereiten uns darauf vor, mithilfe moderner Simulationen und Analysen zu ermitteln, wo und wie erneuerbare Gase effizient eingesetzt werden können. Dies umfasst die Integration von Wasserstoff- und Biogasquellen sowie die Anpassung der Netzinfrastruktur an die Bedürfnisse von Industrie und Gewerbe. Nur so können wir Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz in Einklang bringen", so der Fachmann.
Neben den genannten Themen rückte während der Pressekonferenz auch die Wärmeversorgung mit Fernwärme in den Fokus. Dr. Bernd Wagner führte aus, dass die Fernwärme "im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Energieeffizienz sehr großes Potenzial" besitzt.
"Daher wird sie als einer der zentralen Schlüssel für die urbane Wärmewende bezeichnet. Die Pläne für Fernwärme sind ambitioniert: Bis 2045 ist eine Verdreifachung der Anzahl der angeschlossenen Gebäude geplant. Dazu kommt, dass die Fernwärme grün werden soll, also klimaneutral. Das stellt die Infrastruktur vor Herausforderungen", erörtert Dr. Wagner. An vielen Orten gäbe es bereits seit Jahrzehnten Netze, die nun ertüchtigt und ausgebaut werden sollen. An anderen sollen neue Netze und Erzeugungsanlagen gebaut werden, ohne bereits bestehende Strukturen übermäßig zu belasten. "Daher forscht der Energieeffizienzverband AGFW an neuartigen Lösungsansätzen für den Ausbau und Instandhaltung von Fernwärmenetzen." Dazu führt er unterschiedliche Ansätze ins Feld: "Zunächst können Rohre, die partiell das Ende ihrer Nutzungsdauer erreichen, saniert statt ersetzt werden. Dazu wurde in einem dreijährigen Forschungsprojekt SaniFern eine grabenlose Sanierung mit Schlauchlinern geprüft.
Diese werden in die Rohre geschoben und härten darin aus. Um zu wissen, wann eine Sanierung unter den vielseitigen Einflussfaktoren notwendig ist, hilft ein gutes Assetmanagement. Hier setzt das Forschungsprojekt 'Sustainable Asset Management Fernwärme' (SAM-FW) an, das eine genauere Nachhaltigkeitsbewertung von Wärmenetzen für die Erhöhung der Nutzungsdauer und Effizienzsteigerung im Betrieb anstrebt. Es soll die Resilienz der Netze erhöhen." Dabei spielten auch aktuelle Daten zu den Netzen eine wichtige Rolle.
Um die Wärmenetze in Richtung Predictive Maintenance zu entwickeln, werde gezielt Messtechnik eingebaut und so die, zum Beispiel von digitalisierten Hausstationen, gewonnenen Daten verarbeitet. Mit diesen Daten könnten dann Rückschlüsse auf Optimierungsmaßnahmen und Instandhaltungsstrategien entwickelt werden.
Wenn Fernwärmeleitungen neu verlegt werden müssen, soll dies so umwelt- und ressourcenschonend wie möglich geschehen. Prof. Dr. Katharina Teuber brachte währenddessen Aspekte wie technologische Innovationen, neue rechtliche Anforderungen sowie klimatische und geopolitische Entwicklungen auf das Tableau. Diese Punkte führten nach ihrer Aussage zu Veränderungen, die den Rohrleitungsbau maßgeblich beeinflussen.
"Aus wasserwirtschaftlicher Sicht stehen neben der fortschreitenden Digitalisierung und kontinuierlicher Sanierung die Folgen des Klimawandels im Fokus. Häufigere Starkregenereignisse und längere Trockenperioden stellen urbane Wassersysteme vor doppelte Herausforderungen: begrenzte Kanalnetzkapazitäten und die Sicherung der Versorgung in Trockenphasen. In diesem Spannungsfeld zwischen Bewährtem und Neuem eröffnen sich Chancen", ist die Expertin überzeugt. Frau Dr. Teuber zufolge müssen zunächst Anforderungen an die zukünftige Nutzung beantwortet werden. "Wird unser Umgang mit dem Wasser in den nächsten Jahren bleiben, wie wir ihn kennen?
Oder werden Möglichkeiten zur Nutzung alternativer Wasserarten in den Vordergrund treten? Welche Möglichkeiten bieten sich zum Beispiel durch die Wiederverwendung von abgeleitetem Oberflächenabfluss? Wie groß sind die zur Verfügung stehenden Mengen? Welche Qualitätsanforderungen werden mit angepassten Nutzungskonzepten einhergehen?" – all dies seien Fragen, die in den Blick genommen werden müssten.
Im Rahmen des Gesprächs trat deutlich zutage, dass die Verzahnung von Alt und Neu elementar ist und es keine "einfache, leicht zu etablierende Zukunftslösung gibt".
Branchenbeteiligte müssen mehr als einen Blick über den eigenen Tellerrand wagen, in den Austausch miteinander gehen und umfassende Lösungen für den Rohr- und Leitungsbau entwickeln, damit diese sich auch in Zukunft als tragfähig und stabil beweisen.