Eskilstuna/Schweden | Zu den diesjährigen Volvo Days präsentiert Volvo CE als einer der größten Baumaschinenhersteller weltweit Kunden und Händlern über Wochen neue Produkte und Lösungen am Hauptsitz des Unternehmens in Schweden – 4000 Besucher werden in diesem Jahr erwartet. Melker Jernberg, CEO Volvo CE, erklärte ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga, welche Strategie der Hersteller für Deutschland, in Europa und weltweit verfolgt.
ABZ: Herr Jernberg, Volvo hat kurz vor den Volvo Days die Serienproduktion der knickgelenkten Dumper A30 Electric und A40 Electric angekündigt. Wie entwickelt sich das Interesse an solchen Maschinen und an elektrischen Baumaschinen insgesamt?
Jernberg: Dies ist eine gute und relevante Frage. Das Interesse an den elektrischen Dumper ist enorm und ich freue mich besonders, dass die ersten Serienmaschinen gerade auf dem Weg nach Norwegen und Großbritannien sind.
Jedoch insgesamt bewegt sich die Entwicklung, nicht nur bei Volvo, sondern weltweit, zu langsam, was auch in der Automobil- oder Lkw-Industrie zu beobachten ist. Die dringende Notwendigkeit, Lösungen zur Verbesserung der Umweltbedingungen zu finden, CO2-Bilanzen zu senken und Klimaziele zu erreichen, spielt in der aktuellen Berichterstattung und Wahrnehmung in der Öffentlichkeit eine untergeordnete Rolle, verglichen mit vor zwei Jahren.
Wir bei Volvo CE arbeiten aber konsequent weiter daran, umweltfreundliche Lösungen für unsere Kunden zu entwickeln, und investieren daher weiter in zukunftsfähige Technologien. Wir befinden uns noch nicht in der steilen Phase der Entwicklung und Umsetzung neuer Technologien. In einigen Marktsegmenten elektrifizierter Baumaschinen wächst das Interesse jedoch, wenn auch langsam. Wir führen viele positive Gespräche mit Kunden auf der ganzen Welt. Wenn man die Entwicklung der letzten fünf Jahre betrachtet, besteht natürlich weiterhin ein unausgewogenes Verhältnis zwischen den getätigten Investitionen und der Anzahl der verkauften elektrischen Maschinen im Vergleich zu den dieselbetriebenen Maschinen.
Dennoch bin ich überzeugt, dass sich die Elektrifizierung durchsetzen wird, da die Technologie herkömmlichen Lösungen in vielen Aspekten überlegen ist. Vielleicht wird mancher in Zukunft sagen, dass es zu früh war, in diese Technologien zu investieren, oder dass das Risiko zu hoch gewesen sei. Ich betrachte die frühzeitige Investition jedoch als eine Art „Versicherungsprämie“. Das Interesse an der Technologie ist jedenfalls überall vorhanden. Ich habe bisher niemanden getroffen, der die Maschinen ausprobiert oder genutzt hat und anschließend wieder zum Althergebrachten zurückkehren möchte. Ein Anwendungsfall mit einem elektrischen Radlader L120 in Schweden zeigte, dass die anfängliche Skepsis von Eigentümern, Bedienern und Mechanikern durch die tatsächliche Nutzung widerlegt wurde. Die Transformation ist eine Kombination aus Anreizen, Überzeugung und der positiven Erfahrung beim Ausprobieren.
ABZ: Abgesehen von Skandinavien und den Niederlanden, welches sind die Hauptabsatzmärkte für elektrische Baumaschinen im internationalen Markt?
Jernberg: Die Märkte lassen sich nach Verkaufsvolumen und Interesse unterscheiden. In jeder Region, die ich besuche, finden Diskussionen und Verkäufe statt. Die Geschwindigkeit der Transformation in den einzelnen Märkten ist jedoch sehr unterschiedlich. Auf den internationalen Märkten spielt China eine dominante Rolle. Auch in den USA besteht Interesse an der Elektrifizierung, die Einführung dort verläuft ebenfalls langsamer als erwartet, was auch dort auf Unsicherheiten hinsichtlich der Geschäftsmodelle, der Restwerte der Maschinen oder der notwendigen Ladeinfrastruktur zurückzuführen ist.
Man muss an dieser Stelle auch erwähnen, dass uns beispielsweise in Norwegen das Förderprogramm der dortigen Regierung natürlich unterstützt hat. Norwegen subventioniert den Einsatz elektrischer Baumaschinen und mobiler Ladestationen erheblich. Der Kauf emissionsfreier Maschinen wie Baggern oder Radladern sowie der dazugehörigen Ladeinfrastruktur wird mit bis zu 40 Prozent gefördert. Zudem gelten teilweise recht strenge Vorgaben – in Städten wie Oslo oder Trondheim müssen sämtliche Baustellen in öffentlicher Hand bereits emissionsfrei betrieben werden. Wenn es solche Förderungen auch in Deutschland oder anderen europäischen Ländern gäbe, würde uns das natürlich sehr bei der Marktentwicklung helfen.
ABZ: Volvo CE und Hitachi Energy sind jüngst eine Kooperationsvereinbarung für emissionsfreie Baustellen eingegangen. Wie gewährleisten Sie künftig die Stromversorgung an den Betriebsstätten?
Jernberg: Die Ladelösung ist die zentrale Frage und variiert je nach Maschinentyp und Einsatzort. Wir bieten Lösungen an, etwa Container- und Ladesysteme, die auch bei anspruchsvollen Baustellen einsetzbar sind. Wenn Strom vor Ort verfügbar ist, vereinfacht sich die Situation natürlich erheblich. Dennoch gibt es je nach Baustelle sehr unterschiedliche Herausforderungen. Um möglichst schnell Lösungen und Antworten auch auf komplexe Anforderungen liefern zu können, haben wir eine Kooperation mit Hitachi Energy für ganzheitliche Komplettlösungen für emissionsfreie Baustellen geschlossen. Dabei sollen elektrische Baumaschinen, Stromversorgung, Ladeinfrastruktur und intelligentes Energiemanagement kombiniert werden.
ABZ: Wir haben noch nicht über den Ausbau des digitalen Dienstleistungsangebots von Volvo CE gesprochen.
Jernberg: Das Interessante in diesem Bereich ist immer, wie viel Mehrwert man für die Kunden schaffen kann, wenn man die Daten optimal nutzt. Um die Entwicklung des Unternehmens zu einem Anbieter von Komplettlösungen zu unterstreichen, nimmt auch der Bereich Site Solutions, also Lösungen für den Betriebsablauf, auf den Volvo Days diesmal einen eigenen Platz ein. Dort zeigen wir, wie ein vernetzter, datengestützter Ansatz Baustellenbetreiber und Flottenmanager dabei unterstützt, die betriebliche Effizienz und die Maschinenverfügbarkeit zu verbessern.
ABZ: Sie haben jüngst anlässlich der Conexpo in Las Vegas gesagt, dass sich die Industrie in einer Phase des Umbruchs befindet, die die globale Wettbewerbsfähigkeit generell auf eine harte Probe stellt: Wie stellt sich die aktuelle Marktsituation für Volvo CE in Deutschland, Europa und Nordamerika dar?
Jernberg: Seit der Pandemie befinden wir uns in turbulenten Zeiten. Die globale Lage ist geprägt von zahlreichen Entwicklungen, etwa der Einführung von Zöllen in den USA. Gleichzeitig haben wir uns weiterentwickelt und das Unternehmen transformiert, auch durch den Verkauf unserer Anteile an SDLG. Ich bin stolz auf die finanzielle Widerstandsfähigkeit des Unternehmens, die es ermöglicht hat, in neue Produkte, Dienstleistungen und unsere globalen Produktionsstandorte zu investieren. Das ist nur möglich, wenn man eine entsprechende Leistung erbringt. Finanzielle Stärke ist stets mit der Fähigkeit verbunden, entschlossen zu handeln und Weichen zu stellen. So konnten wir jüngst beispielsweise in das Handelsgeschäft in Europa investieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich bin daher überzeugt, dass wir uns auf vielen Märkten gut behaupten. Der deutsche Markt war und ist für alle ein herausfordernder Markt, und wir hoffen, dass Deutschland konjunkturell zu alter Stärke zurückfindet, denn Europa braucht das Land. Der schwedische Markt dürfte sich in diesem Jahr erholen. In Nordamerika haben wir in den vergangenen acht Jahren große Veränderungen in unserem Vertriebsnetz vorgenommen, um die Professionalität vor Ort zu erhöhen, und wir haben sehr gute Partner gewonnen.
ABZ: Volvo CE verfolgt eine langfristige Wachstumsstrategie. Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?
Jernberg: Unser Fokus liegt klar auf dieser Wachstumsstrategie. Die Widerstandsfähigkeit unseres Geschäfts war in den vergangenen sechs bis sieben Jahren bemerkenswert, unabhängig von allen globalen Entwicklungen. Für die Zukunft ist für uns entscheidend, was wir als profitables Wachstum bezeichnen. Das bedeutet natürlich, dass wir sowohl den Gesamtumsatz steigern möchten als auch den Serviceanteil daran ausbauen wollen. Deshalb ist es für uns so wichtig, bei Anlässen wie den Volvo Days mit Kunden über unsere Strategien zu sprechen und zu verifizieren. Wir wollen Lösungen vorstellen, die unseren Kunden einen echten Mehrwert bieten. Aus diesem Grund haben wir für Europa in ein Montagewerk für Bagger investiert, ebenso wie in unser Vertriebsnetz. Somit agieren wir innerhalb Europas agiler, unabhängiger und schneller. Dies sind in gewissem Sinne bereits unsere internen Leitplanken für die kommenden Jahre.
ABZ: Ihre Aussage bezüglich der Investitionen im Handelsbereich bezieht sich sicherlich auf die Übernahme von Swecon, die vor Kurzem behördlich abgeschlossen wurde. Ist die Integration von Swecon auch schon vollständig abgeschlossen?
Jernberg: Wie Sie bereits sagen, ist die Übernahme des Geschäftsbetriebs seit dem 1. Februar zu 100 Prozent abgeschlossen und bereits in unseren Bilanzen enthalten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Swecon fühlen sich der Marke Volvo historisch eng verbunden, was die Integration erheblich erleichtert hat. Unsere Strategie ist es, weiterhin gute Leistung zu erbringen und das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen, ohne eine vollständige hierarchische Integration anzustreben. Volvo CE und Swecon sind eine sehr gute Kombination, und bislang verläuft die Integration ausgezeichnet.
ABZ: Volvo CE hatte im März die Einstellung der Produktion der Schwestermarke Rokbak angekündigt. Was geschieht mit den Produktionsstätten im britischen Motherwell?
Jernberg: Wir fahren die Aktivitäten in Motherwell aufgrund der Rokbak-Entscheidung für knickgelenkte Dumper schrittweise zurück. Auf der Produktseite haben wir aber auch unsere Starrrahmen-Muldenkipper vom R60 bis R100, die dort weiterhin produziert werden. Zudem verfügt der Standort über eine Menge fantastischer Expertise im Transportbereich, sowohl für Muldenkipper mit Knicklenkung als auch mit Starrrahmen. Der Standort wird also weiterhin unser Kompetenzzentrum im Bereich Transporttechnologien innerhalb unseres globalen Systems sein.
ABZ: Volvo CE investiert auch in anderen Kernbereichen. Sie haben im Frühjahr den Bau eines neuen Werks für die Fertigung von Kettenbaggern in Eskilstuna angekündigt, das 2028 eröffnet werden soll. Welche Maschinentypen werden dort hergestellt?
Jernberg: Ich freue mich sehr, dass wir dieses Projekt an unserem historischen Heimatstandort und Hauptsitz als schwedisches Unternehmen umsetzen können. Wir werden es zügig realisieren und Mitarbeitende aus anderen Produktionsstätten direkt einbinden, sodass von Anfang an die beste Expertise in den kompletten Neubau der Anlage einfließt. Das Werk wird vorrangig Bagger für den europäischen Markt produzieren und eine Kapazität von bis zu 3.500 Einheiten haben. Geplant sind Kettenbagger von 14 bis 50 Tonnen. Zunächst beginnen wir mit Maschinen der 20- und 30-Tonnen-Klasse. Die Produktionslinie wird als kombinierte Linie sowohl die Fertigung von Dieselmaschinen als auch von elektrisch angetriebenen Maschinen ermöglichen, sodass keine frühzeitige Mengenabschätzung für die jeweiligen Antriebe erforderlich ist.
ABZ: Ist es einfach für Volvo CE, in dieser Region qualifizierte Mitarbeitende zu finden?
Jernberg: Es ist derzeit für jedes Unternehmen schwierig, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen. Unser Wandel hin zu datengesteuerter Technologie und Zukunftsorientierung zieht andere, jüngere Mitarbeitende an, was positiv ist. Zudem befinden wir uns in einer prosperierenden Region Schwedens und sind als Unternehmen und Marke attraktiv. Bisher war die Situation in Ordnung, aber es wäre übertrieben und nicht fair, sie als sehr einfach darzustellen.
ABZ: In Deutschland ist es nicht nur für Hersteller, sondern auch für Bauunternehmen schwierig, qualifizierte Mitarbeitende zu finden. Daher setzen manche auf die Automatisierung von Arbeitsprozessen bis hin zum Einsatz autonomer Maschinen. Welche Strategie verfolgt Volvo CE in Bezug auf autonome Baumaschinen?
Jernberg: Die Suche nach qualifiziertem Personal, sowohl Bedienern als auch Mechanikern, ist eine globale Herausforderung für uns und unsere Vertriebspartner, da neue Kompetenzen erforderlich sind. Autonome Anwendungen werden dort hilfreich sein, wo die Arbeitsumgebung dies zulässt und natürlich auch dort, wo Menschen oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Wir arbeiten intensiv an ferngesteuerten und vollautonomen Lösungen, die Bagger, Radlader und den Transport umfassen. Der größte Effekt wird allerdings bei Transportsystemen erwartet. Die Volvo Group hat dazu eine eigene Geschäftseinheit, Volvo Autonomous Solutions, gegründet, die sich zu 100 Prozent mit diesem Themengebiet beschäftigt. Die Einheit entwickelt beispielsweise Hub-to-Hub-Lösungen für Lkw in Texas sowie Lösungen für abgegrenzte Bereiche und Offroad-Anwendungen. Aber eines muss klar sein: Autonome Lösungen werden immer eine Ergänzung sein, kein vollständiger Ersatz.