Telfs/Österreich. – Liebherr lud kürzlich ausgewählte Fachjournalisten nach Telfs in Österreich ein – in dem Werk werden Planierraupen und Teleskoplader produziert. Auf dem Programm standen die jüngsten Entwicklungen und Projekte der Gruppe. Darüber hinaus wurde ein Blick hinter die Kulissen des traditionsreichen Standorts gewährt. Die ABZ war dabei.
Die Kulisse hätte sich Liebherr für die "Construction Trade Press Tour 2025", zu der rund 30 internationale Fachjournalisten eingeladen waren, nicht malerischer ausdenken können: Das österreichische Städtchen Telfs liegt mitten im Tourismus-Hotspot Tirol und direkt hinter dem Liebherr-Werk türmt sich die Bergkette "Hohe Munde" mit 2662 Metern auf – Telfs liegt auf 634 Metern über dem Meeresspiegel. "Nach einem spannenden Jahr, das durch unseren Auftritt auf der bauma geprägt war, wo wir zahlreiche Innovationen aus unserem Baumaschinenportfolio vorgestellt haben, steht die diesjährige Tour ganz im Zeichen des Erdbewegungs-Segments von Liebherr – sowie unserer wachsenden Präsenz in Österreich", hatte Liebherr im Vorfeld informiert.
Im Jahr 1972 wurden die ersten Prototypen von Liebherr-Planierraupen vorgestellt und bereits 1976 gründete der Hersteller die Liebherr-Werk Telfs GmbH für die Serienfertigung von Planierraupen. 1978 konnte die erste hydrostatisch angetriebene Laderaupe aus Telfs präsentiert werden, das Fertigungsprogramm wurde ständig erweitert und umfasst heute sieben Planierraupentypen, zwei Laderaupentypen, verschiedene Teleskoplader-Modelle sowie Rohrleger für den Pipelinebau.
Bevor die Journalisten jedoch die Luft der Fabrikhallen schnuppern und neuste Entwicklungen in Augenschein nehmen durften, informierten Steffen Günther, Managing Director und Mitglied des Board of Directors bei Liebherr-International, und Joachim Strobel, Managing Director Sales Liebherr-EMtec, über die aktuellen Entwicklungen der Liebherr-Gruppe sowie der Erdbewegungssparte – zu der auch der Standort Telfs zählt.
Herausforderungen
Insgesamt habe die Liebherr Gruppe über alle Produktgruppen ein Wachstum von 0,6 Prozent bis Ende Juni 2025 im Vergleich zum Vorjahr erzielt, informierte Günther und räumte ein, dass insbesondere im Bereich der Materialumschlagmaschinen, der Erdbewegungssparte und Betontechnik Rückgänge zu verzeichnen waren, die aber durch positive Ergebnisse der anderen Sparten hätten ausgeglichen werden können. Als Herausforderungen führte er das "schwierige wirtschaftliche Umfeld" an mit dem der Konzern besonders in Deutschland konfrontiert sei.
"Der Bau boomt heutzutage nicht", sagte der Manager und ergänzte mit Blick auf den für den Konzern wichtigen Marktplatz, dass Wachstumstreiber aus Deutschland bisher ausgeblieben seien. Mit Blick auf die internationalen Marktplätze machten es zudem steigende Tarife und Zollschranken schwieriger, Produkte zu vermarkten. Der wirtschaftliche Ausblick bleibe dem entsprechend auch für den Rest dieses Jahres und für 2026 herausfordernd und man erwarte für diese Jahre keine starken Wachstumsimpulse.
Gleichwohl sieht sich der Konzern aufgrund der Eigentümerstruktur (Liebherr ist in Familienbesitz) und der umfangreichen Produktsegmente bestens für die Zukunft aufgestellt: "Wir nutzen diese Zeit bewusst und bereiten uns intern auf die nächste Wachstumsphase vor", hieß es.
Dazu wird in den kommenden Jahren kräftig investiert: In Tupelo (USA) soll bis 2026 ein neues Logistikzentrum für den amerikanischen Markt gebaut werden, in Ehingen ist bereits eines in der Umsetzung, in Bulgarien wurde ein Logistikstandort gekauft und in Frankreich soll eine neue Fertigungsstätte für Fahrerkabinen entstehen.
Die Palette wächst
Den Fachjournalisten wurden danach die neusten Teleskoplader der Generation 6 und die Generation 8 der Liebherr-Raupenbagger vorgestellt und eine Werksführung vermittelte anschaulich, wie tief der Fertigungsgrad bei Liebherr ist – beide Typenreihen werden in Telfs hergestellt. Später und am Folgetag standen Präsentationen und Live-Demonstrationen zu neusten Entwicklungen aus verschiedenen Bereichen von Liebherr auf dem Programm, etwa zu autonomen Radladern, der Technologieplattform "IoMine", dem LiReCon-Fernsteuerungssystem oder dem Projekt "S1 Vision".
Bereits am Eingang des Werks thront ein Teleskoplader auf einem hochbeinigen Gestell und informiert so schon von weitem, was hier gefertigt wird. Für den Hersteller seien diese Maschinen seit langem ein "Symbol für Vielseitigkeit, Robustheit und Effizienz". Das haben offensichtlich auch andere Marktteilnehmer erkannt, die bei Liebherr ihre Maschinen fertigen lassen und als eigenen Produkte vertreiben – bevorzugt im Agrarbereich.
Die Modelle der neun Generation 6 stellen die jüngste Weiterentwicklung eines bewährten Konzepts dar: Der hydrostatische Fahrantrieb, ein charakteristisches Merkmal aller Liebherr-Teleskoplader, soll weiterhin für außergewöhnliche Wendigkeit, minimalen Verschleiß und hervorragende Kraftübertragung sorgen.
Die Tragfähigkeit von bis zu 4,2 Tonnen bei den "S"-Modellen wurde im Vergleich zu den Vorgängermodellen um bis zu 9 Prozent erhöht. Diese Verbesserung soll auch die kontinuierliche Weiterentwicklung im Werk Telfs unterstreichen.
Ein besonderes Highlight des aktuellen Programms ist das neue Modell des Typs T 48-8s. Es markiert den Einstieg in die 8-Meter-Hubhöhenklasse und stellt eine strategische Erweiterung des Angebots im Industriesegment des Herstellers dar. Basierend auf der bewährten Plattform des größeren T 55-7s kombiniert der T 48-8s eine hohe Hubkraft mit den für Liebherr-Teleskoplader typischen kompakten Abmessungen und einer hohen Wendigkeit.
In einer ganz anderen Gewichtsklasse operiert dagegen die Planierraupe PR 776 G8, die wie alle Dozer in Telfs gefertigt wird. Mit der Einführung der PR 716 bis PR 776 G8 bietet Liebherr ein komplettes Programm an Planierraupen der neuen Generation 8 an, die in breites Spektrum an Einsatzgewichten und Leistungen abdecken. Die PR 716 G8 mit einem Betriebsgewicht von 13,3 Tonnen ist eher für kompaktes, präzises Arbeiten gedacht, während die PR 776 G8 mit einem Gewicht von bis zu 73,2 Tonnen und einer Leistung von 565 Kilowatt für anspruchsvollste Schwerstarbeiten ausgelegt ist.
Alle Modelle der Generation 8 sind mit einem hydrostatischen Fahrantrieb ausgestattet, die Kabinen der Maschinen wurden so konzipiert, dass der Fahrerkomfort im Vordergrund steht. Fahrer können sich so etwa voll verstellbare, gefederte Sitze, Klimatisierung, große Fenster für optimale Sicht und intuitive Touchscreen-Displays freuen.
Darüber hinaus bieten die Planierraupen laut Liebherr eine optimierte Kraftstoffeffizienz und niedrige Emissionen und sollen so hohe Leistung mit nachhaltigem Betrieb kombinieren.
Die Planierraupe PR 776 G8 verfügt über fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme (OAS), die bisher nur bei kleineren Planierraupenmodellen verfügbar waren. Für Mining-Planierraupen sind zwei zusätzliche Pakete erhältlich: das Paket "Blade Control Assistance", das die Steuerung des Schildes ermöglicht, um die Leistung zu steigern und gleichzeitig die Ermüdung des Fahrers zu verringern, und das Paket "Ripper Control Assistance", das sich wiederholende Ripper-Aufgaben automatisiert, um ebenfalls die Ermüdung des Fahrers zu verringern. Für den PR 776 kann OAS als Erstausstattung konfiguriert werden oder nachträglich in bereits in Betrieb befindliche Maschinen eingebaut werden. Liebherr-Assistenzsysteme für alle Mining-Maschinen sind im "IoMine"-Technologieportfolio von Liebherr Mining verfügbar. Um die Produktion der Generation 8 zu unterstützen, hat Liebherr nach eigenen Angaben erhebliche Investitionen in das Werk Telfs getätigt.
Diese Modernisierungen umfassen die Erweiterung der Fertigungskapazitäten, die Verkürzung der Lieferzeiten, moderne Montagelinien und die Einführung energieeffizienter Produktionstechnologien. Insbesondere wurden ein neues Logistikzentrum mit einem Kostenaufwand von rund 35 Millionen Euro, ein neues Verwaltungsgebäude mit einem neuen Kundenbereich und erhebliche Investitionen in die Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Betrieb genommen.
Vollautonom im Einsatz
Auf der diesjährigen bauma hatte etwa der autonome Radlader von Liebherr bereits seine Weltpremiere – in Telfs demonstrierte Dr. Manuel Bös, Abteilungsleiter für Aufstrebende Technologien bei der Liebherr-Werk Bischofshofen, das bereits fortgeschrittene Entwicklungsstadium der Maschine "live" in Telfs: Per Online-Zugriff konnte ein Radlader gesteuert werden, der sich in einem 200 Kilometer entfernten Steinbruch befand und verschiedene Aufgaben erledigen musste – alles per Mausklick. Der Radlader wird aktuell bei mehreren Testkunden unter realen Bedingungen erprobt, sagte Bös und ergänzt: "Wir haben auf der bauma mehr als eine technologische Vision gezeigt, nämlich ein System, das unseren Kunden im Arbeitsalltag einen klaren Mehrwert bieten wird. In diese Richtung entwickeln wir gezielt weiter – gemeinsam mit unseren Testkunden."
"IoMine"
Bereits zur MINExpo 2024 hatte Liebherr seine Plattform "IoMine" vorgestellt, unter dem Begriff werden die drei Produktfamilien Operate, Automate und Maintain entwickelt, um den Bergbaubetrieb zu optimieren. Das erweiterte "IoMine"-Portfolio biete nun neue Steuerungs- und Kontrollfunktionen, Datenintegration und Fernwartungsdienste, die es Kunden ermöglichen sollen, den integrierten Betriebsansatz zu ihrem Vorteil zu nutzen. Jedes Produkt innerhalb der drei unterschiedlichen Produktfamilien wurde entwickelt, um die Sicherheit, Effizienz und Rentabilität der Bergbaubetriebe der Kunden zu verbessern. Zu den wichtigsten Produkten der Operate-Familie gehören Flottenmanagement- und Machine Guidance-Systeme sowie Assistenzsysteme für die Baggerflotte von Liebherr.
Die Automate-Produktfamilie soll Kunden sowohl voll- als auch halbautonome Lösungen für ihre Flotten bieten und eine Reihe digitaler Tools innerhalb der "IoMine"-Produktfamilie Maintain soll den Prozess der Fehlerbehebung für das Personal vor Ort optimieren.
LiReCon
Bereits zur bauma demonstrierte Liebherr das Liebherr Remote Control System (LiReCon), .das die epräzise Fernsteuerung von Baumaschinen aus sicherer Entfernung erlauben soll. LiReCon besteht aus einem Teleoperationsstand, der laut Liebherr mit modernster Steuerungstechnologie ausgestattet ist. Mehrere Kameras liefern Echtzeitbilder von der Baumaschine aus verschiedenen Perspektiven, während Mikrofone die Maschinengeräusche übertragen. Diese umfassende Sensorik soll den Maschinenführern eine präzise Kontrolle über die Baumaschinen aus sicherer Entfernung erlauben. Ein besonderer Vorteil der Lösung ist, das mit der Fernsteuerung auch Bereiche etwa in Steinbrüchen erschlossen werden können, die für eine direkte Bedienung vor Ort zu gefährlich wären. Das erhöht auch die Sicherheit der Bediener in risikoreichen Umgebungen.
Auch seit der diesjährigen bauma bekannt ist das neue Liebherr-Projekt der Bezeichnung "S1 Vision", das mit der klaren Vision entstanden sei, das klassischen Muldenkipper-Transportkonzept neu zu denken und sich dabei nur auf die Kernkomponenten, die für den reinen Materialtransport notwendig sind, zu konzentrieren. Im Wesentlichen besteht das Produkt nur aus einer Achse und zwei Reifen. Der Einachser-Truck ist laut Liebherr skalierbar und kann eine Nutzlast von 220 Kilogramm bis zu 131 Tonnen tragen. Aufgrund dieser Nutzlastflexibilität könne der "S1 Vision" für verschiedene Anwendungen wie klassischer Bau inklusive Erdbewegung, Landwirtschaft und Bergbau eingesetzt werden.
Damit der Truck effektiv mit nur einer Achse betrieben werden kann, verfügt der "S1 Vision" über ein selbstnivellierendes System, das maximale Stabilität und Sicherheit auch auf holprigem oder unebenem Gelände gewährleistet. Diese Technologie soll das Risiko des Umkippens erheblich reduzieren und für einen reibungslosen und sicheren Betrieb in verschiedenen Umgebungen sorgen, erläutert Liebherr. Auch der "S1 Vision" wurde in Telfs präsentiert, aus Sicherheitsgründen allerdings noch nicht in Betrieb.