Braunschweig. – Der Bundesverband Kalksandsteinindustrie hat jüngst sein 125-jähriges Bestehen gefeiert. Wie der Verband betont, stehen Mitgliedsunternehmen aktuell vor großen Herausforderungen, denen mit Schulterschluss und Zuversicht begegnet werden soll.
Rund 250 geladene Gäste hatte der Bundesverband Kalksandsteinindustrie Ende Juni zum 125-jährigen Jubiläum des Verbands nach Braunschweig eingeladen. Eine große Abendgala mit zahlreichen Programmpunkten und musikalischer Begleitung bildete den Rahmen für die Feier, die im Steigenberger Parkhotel in Braunschweig stattfand.
Als Gastredner traten unter anderem Dr. Thorsten Kornblum, Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig, und Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne vor Ort auf. Kornblum sprach in seiner Grußbotschaft unter anderem über anstehende Bauprojekte in der niedersächsischen Großstadt, in Braunschweig sei aktuell der Bau von rund 5700 Wohnungen geplant. "In einer Zeit, in der Nachhaltigkeit und Innovation in der Bauindustrie Hand in Hand gehen, spielt Kalksandstein weiterhin eine unverzichtbare Rolle – so auch bei Hochbauprojekten in Braunschweig", sagte er. Er nannte die Punkte Digitalisierung und Entbürokratisierung als aktuelle Herausforderungen, denen man sich in der Metropole stellen wolle.
Ehrenredner am Jubiläumsabend war Minister Tonne, der in seiner Rede vor allem die Verbandsarbeit des Bundesverband Kalksandsteinindustrie in den letzten Jahren und Jahrzehnten lobte, insbesondere die Qualität der Verbandsarbeit und das hohe Qualitätsbewusstsein der Mitgliedsunternehmen.
"Mit ihren innovativen Produkten und rationellen Anwendungstechniken hat sich die Kalksandsteinindustrie längst einen Namen für kostengünstiges Bauen bei hoher Bauqualität geschaffen. Auf dieser Grundlage konnte sie auch Krisen überstehen und neue Produktivitätsschübe nutzen. Und auch bei der Entwicklung von modernen Bauweisen hat sich gezeigt, dass die Kalksandsteinindustrie ganz vorne steht", führte Tonne aus.
Zu den aktuell wirtschaftlich schwierigen Rahmenbedingungen sagte der Minister, dass das Jahr 2025 "ein guter Zeitslot für Veränderungen" sei, und dass er froh sei, dass das Land Niedersachsen nun durch den Bauturbo "ins Handeln kommen" könne. "Wir merken, dass ein Klima mit mehr Optimismus zurückkehrt", so der Minister.
Auch Bundesbauministerin Verena Hubertz ließ sich per Videobotschaft für den Abend zuschalten. Sie hielt eine kurze Rede über den Baustoff Kalksandstein, streifte dessen Zusammensetzung und seine Qualität als Produkt und gab einen kurzen Überblick zu den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sie hob hervor, dass mit dem Bauturbo nun der richtige Weg eingeschlagen worden sei. Es gelte nun, in kurzer Zeit viel zu bauen, der Kalksandstein spiele als Baumaterial auch im seriellen Bau eine wichtige Rolle. Wenn sie als Bundesbauministerin in die Zukunft schaue, mache sie sich keine Sorgen um die Kalksandsteinindustrie. Der Baustoff sei "fit für die Klimawende", es falle bei der Herstellung kaum CO2 an. Sie freue sich über die starke und zukunftsfeste Kalksandsteinindustrie in Deutschland.
"Heute Abend sehen und hören wir einiges über unsere Verbandsorganisation. Wir haben Zeitzeugen von damals, Macher von heute und Akteure von morgen hier. Und ich freue mich besonders, dass wir sehr viele Partner und Freunde aus Forschung und Lehre, unserer Partner- und Dachverbände, Lieferantenpartner, sowie ehemalige und aktive Mitglieder der Industrie und des Verbandes sowie ihre Begleitungen und natürlich alle Mitarbeitenden des Bundesverbandes und seiner assoziierten Organisationen begrüßen zu dürfen," hatte Jan Dietrich Radmacher, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Kalksandsteinindustrie, zuvor in seiner Rede den Abend eingeleitet, um kurze Zeit später die aktuellen "Pain Points" für die Branche und die Mitgliedsunternehmen zu skizzieren.
Er führte an, dass Bauwirtschaft und Baustoffindustrie bereits im dritten Jahr unter einer wirtschaftlichen Krise "von teils existenzbedrohender Größe" litten. "Es sieht aktuell einfach nicht gut aus", sagte er, die Mitgliedsunternehmen des Verbandes hätten aktuell die teilweise größten Herausforderungen seit Jahrzehnten zu bewältigen. Seit dem Jahr 2022 hätten sich Umsätze halbiert, Kapazitäten lägen teilweise brach, so Radmacher, der als Geschäftsführer selbst ein Kalksandsteinwerk leitet.
Wie Radmacher betonte, reagiert man als Branche auf derartige Herausforderungen am besten mit "Schulterschluss, gemeinsamer Forschung und klarer Kommunikation". Aktuell mehrten sich die Anzeichen einer leichten konjunkturellen Erholung im Wohnungsbau und obwohl für eine Trendwende erhebliche politische Impulse notwendig seien, sähen sich Unternehmen der Kalksandsteinindustrie in ihrem Kurs gestärkt. In die heimische Baustoffindustrie kehre die Hoffnung langsam zurück, auch wenn die aktuellen Absatzzahlen dies noch nicht widerspiegelten.
Laut Radmacher steigen die Genehmigungszahlen im Wohnungsbau seit Jahresbeginn auf sehr niedrigem Niveau, aber kontinuierlich an, ebenso das Finanzierungsvolumen. "Auch wenn wir in Sachen Inflation, Zinsniveau und Kreditnachfrage erste vorsichtige Anzeichen für die dringend nötige Marktbelebung sehen, politisch bleibt riesiger Handlungsbedarf, um Wohnungsuchende, Bauwirtschaft und Baustoffindustrie vor dem Kollaps zu bewahren. Wir brauchen Entbürokratisierung, Steuererleichterungen und vor allem neues Vertrauen in die dringend notwendige und überarbeitete Förderpolitik", sagte Radmacher.
"Keine Frage, es wird Zeit brauchen, diese einzigartige Krise zu überwinden. Und wir werden auch damit leben müssen, dass die Fertigstellungszahlen in den kommenden beiden Jahren nochmals zurückgehen werden", erklärte der Vorstandsvorsitzende des Verbands und führte aus: "Doch wir sind zuversichtlich, dass der Bodensatz erreicht ist und die geplanten politischen Maßnahmen im Lauf des Jahres ihre Wirkung entfalten. Der Koalitionsvertrag enthält etwa mit dem Bau-Turbo, der EH55-Förderung zur Aktivierung des Bauüberhangs und der Stärkung des sozialen Wohnungsbaus gute Ansätze. Angesichts der dramatischen Lage am Wohnungsmarkt sowie bei Bauwirtschaft und Baustoffindustrie kommt es jetzt darauf an, dass Tempo gemacht wird", so Radmacher. Er blickte mit Stolz auf die Geschichte und Tradition des Verbandes zurück und führte dann in das mit vielen Highlights gespickte Abendprogramm ein.
Neben den Vorträgen von Gastrednern wurden unter anderem "Zeitreisen" genannte Rückblicke mit ehemaligen Vorständen und Verantwortlichen des Verbandes unternommen, eine Moderatorin befragte die Interviewpartner etwa nach frühen Berufserfahrungen und Prägungen für das Berufsleben. Philosophien, die Begeisterung für die tägliche Arbeit und auch die für viele wichtige und erfüllende Verbandsarbeit stand im Vordergrund der Gespräche.
Auch eine Talkrunde mit der jüngeren Generation von Nachwuchskräften der Mitgliedsunternehmen konnte die Anwesenden begeistern, hier war vor allem der Blick in die Zukunft der jungen Verantwortlichen gefragt, bevor zu später Stunde die "Party" eröffnet wurde.
Zur Mitgliederversammlung am Folgetag wurde unter anderem ein Wechsel im Vorstand beschlossen: "Wir freuen uns, dass Karsten Mechau, Geschäftsführer der Rodgauer Baustoffwerke GmbH & Co. KG und der Unika Kalksandsteinwerke Südbayern GmbH & Co. KG, dem Ruf in den Vorstand des Bundesverbands gefolgt ist. Mit ihm gewinnen wir einen ausgewiesenen Experten der Mauerwerksindustrie. Seine große Erfahrung wird dabei helfen, unsere ambitionierten Ziele zu verwirklichen", so Radmacher bei seinem persönlichen Glückwunsch nach der Wahl. Der studierte Bauingenieur Mechau folgt auf Christian Bertmaring, Geschäftsführer der Vestische Hartsteinwerke GmbH & Co. KG, der sein Amt auf Grund neuer beruflicher Verpflichtungen zur Mitgliederversammlung niederlegt hatte.
Der Geschäftsführer des Verbands, Roland Meißner, freute sich darüber, dass im Rahmen der Mitgliederversammlung die 18 Gütesiegel an Kalksandsteinwerke in ganz Deutschland überreicht werden konnten. Um die Erfolge der treibhausgasarmen Produktion zu dokumentieren, hatte der Verband ein neues Nachhaltigkeitsgütesiegel entwickelt und im Frühjahr 2025 am Markt eingeführt. "Aktuell haben bereits 20 Werke durch eine Ökobilanz nachgewiesen, dass sie die strengen Anforderungen des Gütesiegels erfüllen. Zahlreiche weitere Anträge sind in Prüfung. Das zeigt, wie wichtig Nachhaltigkeit für unsere Mitglieder ist", zeigte sich Meißner erfreut.
Architekten, Planer und Verarbeiter könnten sich darauf verlassen, dass die Anforderungen des Qualitätssiegels Nachhaltiges Gebäude (QNG) und der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) berücksichtigt werden würden. Meißner führte aus: "Bauherren und Projektentwickler können aufgrund der nachgewiesenen Nachhaltigkeitsqualitäten von staatlichen Fördermitteln profitieren."
Die gemeinsame vorwettbewerbliche Forschung sei seit Jahrzehnten eine Stärke der Kalksandsteinindustrie. Ob Produktoptimierung oder Herstellungsprozesse – alle Forschungsprojekte dienten dem Ziel einer klimaneutralen Kalksandsteinindustrie, wie in der "Roadmap für eine treibhausgasneutrale Kalksandsteinindustrie in Deutschland" des Verbands von 2021 beschrieben sei. Eine Aktualisierung der Roadmap steht für die nächsten Monate auf der Agenda.
"Unter dem Motto "Gemeinsam ist besser als allein" ist unsere Industrie seit 1900 durch jede Baukrise gekommen. Und das schaffen wir auch dieses Mal, weil unsere Produkte für nachhaltiges und bezahlbares Wohnen unverzichtbar sind!", ist sich Jan Dietrich Radmacher sicher.