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Stundentakt

Nach dem Willen von Martin Schirdewan, Parteichef der Partei Die Linke, solle es künftig auch in Europa einen Stundentakt im Bahnverkehr geben – zwischen allen europäischen Großstädten bis 2035. Bahnverkehr müsse billiger werden, Subventionen für den Flugverkehr gestoppt und eine einheitliche europäische Bahngesellschaft gegründet werden. Zusätzlich müssten Privatisierungen umgekehrt werden, grundsätzlich solle Bus- und Bahnverkehr durch die öffentliche Hand betrieben werden.

Wer angesichts eines solchen Ansinnens erst einmal auf einen Aprilscherz tippt, liegt falsch, denn die Forderungen sind im aktuellen Programm der Partei nachzulesen. Um so mehr sei aber die Frage gestattet, welche Chancen solch umfassende Forderungen auf eine Realisierung haben? Für Inlands- oder Kommunalverkehre in begrenzten geografischen Räumen lässt sich ein Taktverkehr im Güter- und Personenverkehr sicherlich organisieren. Den dazu notwendigen Aufwand erfahren Bahnkunden heute täglich.

Dem gegenüber erscheint der Aufwand, der betrieben werden müsste, um einzigtausend Schienenkilometer umfassendes EU-Netz auf Stundenpünktlichkeit zu trimmen, geradezu utopisch. Das Ansinnen ignoriert auch einige Erkenntnisse aus der aktuellen und früheren Bahngeschichte. Die wichtigste: Territoriale politische Einschätzungen oder Ansprüche verhindern bis heute ein technisch einheitliches Bahnsystem in Europa, das die Grundlage für eine Takt-Infrastruktur bilden müsste.

Eine andere ist, dass die Privatisierung der Bundesbahn 1994 auch vollzogen wurde, um mehr Wettbewerb zu schaffen und den Bahnbetrieb günstiger zu gestalten. Jahrzehnte der Staatsbahn-Organisationen hatten gezeigt, dass das in öffentlicher Hand nicht funktionierte und zudem Kundenorientierung nicht zu den Prioritäten zählte. Zwar haben sich die Erwartungen oder Hoffnungen an den Verkehrsträger Bahn mittlerweile verändert, aber dass eine Kommune andere Erwartungen an Güterverkehre hat, als ein internationales Logistikunternehmen, und diese nicht unisono durch Taktverkehre oder behördliche Steuerung gelöst werden können, liegt eigentlich auf der Hand.

Kai-Werner Fajga

Kai-Werner Fajga

Chefredakteur Allgemeine Bauzeitung

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