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Die Chemie stimmt

Mauer erhält ursprünglichen Charme zurück

Von Sabine Anton-Katzenbach

Das Metallic-Spray wurde mit einem alkalischen Reinigungsmittel behandelt, das die Aluminiumpigmente innerhalb von 15 Minuten zerstört.

Im Mai 2020 wurde in Dresden ein weiteres Teilstück des Elbe-Radwegs eröffnet. Lange Zeit vor dessen offizieller Eröffnung hatten sich Graffiti-Sprayer auf der parallellaufenden Sandstein-Mauer unterhalb des Sächsischen Landtags verewigt. Die zuständigen Behörden haben nun zwei Dresdner Spezialisten mit der chemischen Beseitigung der sich auf einer Länge von etwa 150 Meter erstreckenden Sprühereien beauftragt.

Dresden. – Nach Ausführung der Arbeiten waren jedoch die zu einem früheren Zeitpunkt auf der Mauer aufgesprühten Graffitis zurückgeblieben. Auch sie wurden nun von den Fachleuten von Graffitti-ex entfernt. Auf einer Länge von 1100 Kilometern erstreckt sich der Elbe-Radweg. Auf seinem Weg von seiner Quelle im Riesengebirge bis zur Mündung des Flusses in die Nordsee führt er auch durch Dresden, wo er über einer Strecke von 30 Kilometern zahlreiche Baudenkmäler passiert. Dort wurde der "Touristenpfad" seit dem Jahr 1990 wiederhergestellt und heute werden immer noch Umbauten durchgeführt.

Die jüngste Umgestaltung fand in diesem Frühjahr statt: Aufgrund von Infrastrukturmaßnahmen musste ein Teilstück des innerstädtischen Radwegs auf Flussniveau verlegt werden. Es wurde am 20. Mai 2020 offiziell seiner Nutzung übergeben. Der feierliche Anlass wurde jedoch von einer unangenehmen Randerscheinung getrübt: Kurz vor Fertigstellung des Bauabschnitts hatten sich Graffiti-Sprayer mit einer politischen Botschaft auf der parallel zum Elbe-Radweg verlaufenden, ehemaligen Befestigungsmauer der Stadt verewigt.

Die Position des sich auf die aktuelle Flüchtlingspolitik beziehende Spruch "Leave no one behind" war strategisch clever gewählt: Er war in riesigen Lettern direkt unterhalb des Sächsischen Landtags auf einer Länge von 50 Metern aufgebracht worden. Die Botschaft, die in einer darauffolgenden Nacht-und-(Sprüh-)Nebel-Aktion noch um weitere Graffitis ergänzt worden waren, hatte jedoch nur kurzen Bestand: Die zuständigen Behörden ließen die Sprayer-Spuren ohne Umschweife von den beiden Dresdner Unternehmen Graffitti-ex und Thoralf Hase Fassadenreinigung beseitigen.

Beide Unternehmen sind auf die Entfernung von Graffitis spezialisiert und genießen aufgrund ihrer Kompetenz und mehr als zwanzig jährigen Erfahrung in der Reinigung historischer Baumaterialien einen guten Ruf, der weit über Sachsens Landesgrenzen hinausgeht. Innerhalb von drei Arbeitstagen hatten sie die Graffitis entfernt und der im 18. Jahrhundert errichteten Mauer auf 220 Quadratmetern Fläche ihren ursprünglichen Charme zurückgegeben.

Sanfte Methode

Das Team von Graffitti-ex hatte die Aufgabe, Metallic-, Farblack- und Bitumensprays von der Sandsteinmauer unterhalb des Sächsischen Landtags zu entfernen.

Die Freude über die saubere Leistung der beiden Experten-Teams wurde jedoch durch ältere Schmierereien unterhalb des Sächsischen Landtags getrübt; sie waren bei der Auftragsvergabe nicht bedacht worden. Die für das Management vieler landeseigener Objekte zuständige Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB, Dresden) hat inzwischen auch deren Beseitigung beauftragt. Die Arbeiten wurden in der ersten Juli-Woche durch die Fachleute von Graffitti-ex durchgeführt. Wie schon zuvor entschieden sie sich für eine chemische Entfernung der Lacke.

"Die ehemalige Befestigungsmauer wurde aus dem hiesigen Sächsischen Sandstein gebaut, der relativ weich ist. Der Baustoff ist dementsprechend empfindlich gegenüber mechanischen Reinigungsmethoden. Sie schädigen das Material und zerstören die historische Patina", erläutert Torsten Höhne, Geschäftsführer von Graffiti-ex. "Wir arbeiten daher überwiegend mit einem chemischen Verfahren, um Sprays jeder Art zu entfernen. Es erhält das ursprüngliche Aussehen der Oberfläche, ist zuverlässig, umweltfreundlich, schnell, geräuscharm und platzsparend, was sich in dem Projekt "Sächsischer Landtag" als weiterer Vorteil erwies: Weil die Arbeiten auf dem Radweg bei Publikumsverkehr durchgeführt werden, müssen wir auf relativ engem Raum agieren."

Umweltschutz

Nachdem der Freistaat Sachsen dem Team von Graffitti-ex eine kurzfristige Ausnahmegenehmigung für das Befahren des Elbe-Radwegs erteilt hatte, konnten die Arbeiten am 3. und 4. Juli 2020 durchgeführt werden. Sie verliefen in vier Phasen. Im ersten Schritt wurde die Baustelle gesichert, um auf dem begrenzten Platz Kollisionen zwischen Radfahren und Unternehmensmitarbeitern zu verhindern und Kontaktrisiken mit den eingesetzten Substanzen zu minimieren. Anschließend bauten die Mitarbeiter aus Holz und einer flüssigkeitsdichten, chemikalienresistenten Folie Wannen vor die zu behandelnden Abschnitte. In diesen, für jedes Objekt individuell angepassten Becken werden die entstehenden Abwässer aufgefangen, anschließend mit einem Spezialfahrzeug abgepumpt und gemäß den Vorgaben der Stadtentwässerung Dresden fachgerecht entsorgt.

Nach der Errichtung der Auffangbecken begannen die eigentlichen Arbeiten. Zuerst wurde das Mauerwerk stückweise mit einem Druckstrahler und Heißwasser (70°C) vorgereinigt. "Durch das warme Wasser wird angelagerter Schmutz abgetragen und der Stein kann gleichzeitig Feuchtigkeit aufnehmen. Dadurch wird ein zu tiefes Eindringen der in der zweiten Phase aufgebrachten, flüssigen beziehungsweise pastösen Reinigungschemikalie in das Baumaterial vermieden und der Einsatz bleibt auf das notwendige Maß begrenzt", berichtet Torsten Höhne.

Wasser und Spezialchemikalien

Nach zweitägigem Einsatz sah die alte Befestigungsmauer unterhalb des Sächsischen Landtags wieder wie neu aus.

Nach einer kurzen Einwirkzeit folgte der Auftrag der Reinigungschemikalien. Diese haben die Aufgabe, die Diffusion der Farbpigmente und Lacke in den Baustoff wieder rückgängig zu machen. Bei der Bestimmung der Lack-Löser sind der Untergrund, die Pigmente und die Auftragsdicke zu berücksichtigen.

Außerdem spielt das in dem Spray eingesetzte Lösungsmittel eine wesentliche Rolle: Es entscheidet maßgeblich über die Eindringtiefe, die Aushärtungsgeschwindigkeit des Lacks und damit auch über die Alterung eines Graffitis. Während Lacke mit schnell verdunstenden Lösungsmitteln in der Regel nur oberflächliche anhaften, können langsam verdunstende Lösungsmittel bis zu 15 Millimeter in einen Baustoff eindringen. Um sie zu entfernen rechnet der Torsten Höhne mit bis zu vier Arbeitsgängen. Vor einer darüberhinausgehenden Zahl rät er in der Regel ab, damit sich Preis und Ergebnis in einem vertretbaren Umfang bewegen.

Die Wahl der geeigneten Reinigungssubstanzen ist das Know-how vom Graffitti-ex. "Unsere Aufgabe ist es, mit passenden Chemikalien die Farbpigmente und Lacke aus dem Baustoff wieder an die Oberfläche zu holen. Der Prozess ist mit einer Ausgrabung zu vergleichen: Die in den Stein migrierten Substanzen müssen Schicht für Schicht durch die von uns aufgebrachten Chemikalien wieder aus dem Baustoff herausgeholt werden. Ein Patentrezept und Standardmittel gibt es dafür nicht. Im Gegenteil. Graffiti-Sprayer lassen sich stets etwas Neues einfallen", berichtet Torsten Höhne. Derzeit bekommt es sein Unternehmen beispielsweise mit Feuerlöscher-Graffitis zu tun: Die selbsternannten "Künstler" ersetzen den Schaum aus Feuerlöschern durch die flüssigen Farben und sprühen die Mischung mit hohem Druck bis zu einer Höhe von etwa sieben Metern an Fassaden und Hauswände. Dieser Einfallsreichtum der "Community" erklärt das chemische Arsenal von Graffitti-ex.

Es umfasst mehr als 50 verschiedene Reinigungsmittel, die auf die Besonderheiten der zahlreichen Spray-Arten abgestimmt sind.

Für die Arbeiten unterhalb des Landtags setzte das Unternehmen eine farbaffine, alkalische Paste (KR 681, DMG Chemie, Leipzig) zur Beseitigung von Bitumensprays und der farbigen Lacke ein. Das Metallic-Sprays wurde wiederum mit einem alkalischen Abbeizer (Abbeizer K+, DMG Chemie) behandelt; es zerstört die silberfarbigen Aluminiumpigmente innerhalb weniger Minuten und gibt den darunterliegenden Baustoff wieder umgehend frei. Die beiden Reinigungsmittel wurden im Anschluss an die erste Vorreinigung mit breiten Pinseln auf die Graffitis aufgetragen. Nach einer Einwirkzeit von etwa 15 Minuten wurde der Chemikalien-Farbstoff-Mix mit Druck und heißem Wasser abgespült, wobei die Schmutzflotte in den zuvor gebauten Becken aufgefangen wurde.

Anschließend wiederholte sich die Prozedur: Insgesamt wurden die mit den Bitumensprays beschmierten Flächen vier Mal behandelt, die farbigen Lackspray erforderten bis zu drei Durchgänge und das Metallic-Spray war nach einem Chemikalienauftrag endgültig verschwunden. Abschließend wurde der pH-Wert an dem feuchten Sandstein gemessen, denn er muss neutral sein und zwischen pH 6 und 7 liegen. Um diesen zu erreichen, wurde der gereinigte Bereich zur Neutralisierung etwaiger zurückgebliebener Alkalien mit leicht sauer eingestelltem Wasser (pH 5,5) abgespült. Innerhalb von nur zwei Tagen hatten die Experten ihren Auftrag erledigt. Nun hat der Sächsische Sandstein seine Diffusionsfähigkeit zurück – und die alte Befestigungsmauer sieht auf einer Länge von 200 Metern wieder wie neu aus.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 29/2020.

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