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Deutsche Ziegelindustrie

"Es darf keine politische Bevormundung geben"

Fordern einen technologieoffenen Wettbewerb: BVZI-Präsident Stefan Jungk (r.) und Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Frederichs.

In der Debatte um das Erreichen der Klimaschutzziele spricht sich die Politik zunehmend für das Bauen mit Holz aus. Der Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie (BVZI) sieht in der einseitigen Förderung eine unlautere Einflussnahme auf den Wettbewerb. Im Interview mit ABZ-Chefredakteur Robert Bachmann erklären BVZI-Präsident Stefan Jungk und Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Frederichs, warum die Diskussion um nachhaltiges Bauen in Deutschland einer Versachlichung bedarf.

ABZ: Herr Jungk, Herr Frederichs, mit dem Trend zum Flachdach und ganz aktuell zur Holzbauweise steht der Ziegel zunehmend in Konkurrenz mit anderen Baustoffen. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Geschäftsentwicklung in der Ziegelindustrie?

Frederichs: Insgesamt zeigt sich unsere Industrie zufrieden. Auf Basis des anhaltenden Baubooms in Deutschland hat sich der Markt im vergangenen Jahr über alle Segmente hinweg positiv entwickelt, so dass wir bei leichten Produktionsrückgängen ein Umsatzwachstum von 2,3 % gegenüber dem Vorjahr verzeichnen konnten. Besonders freut uns dabei, dass sich nicht nur der Vormauer- und der Hintermauerbereich weiterhin positiv entwickeln, sondern auch die Talsohle im Dachziegelbereich weitestgehend durchschritten ist.

Jungk: Was den Wettbewerb mit anderen Industrien betrifft, sind pauschale Aussagen immer etwas schwierig, da es hier teils erhebliche regionale Unterschiede gibt. Aus aktuellen Zahlen des statistischen Bundesamtes geht jedoch hervor, dass die Massivbauweise mit keramischen Ziegelprodukten im Wohnungsbau mit etwa 30 % nach wie vor marktführend ist. Wenn man sich die v. a. sehr kontinuierliche Entwicklung in den vergangenen Jahren anschaut, denke ich, befinden wir uns hier in sehr gutem Fahrwasser.

ABZ: Worauf führen Sie die Verbesserung im Dachziegel-Segment zurück? Hat sich die Entwicklung zugunsten des Flachdachs mittlerweile relativiert?

Jungk: Der Trend zum Flachdach ist nach wie vor sehr präsent. Wenn Sie heute durch ein Neubaugebiet fahren, sehen Sie viele Flachdächer. Auch das Thema Sanierung ist bisher noch nicht in dem Maße auf den Weg gebracht worden, dass wir hier einen sichtbaren Effekt verzeichnen könnten. Die derzeit positive Entwicklung im Dachziegelsegment geht v. a. auf den allgemeinen Bauboom zurück. Darüber hinaus ist die Dachziegelindustrie im Marketing stark engagiert. Hier sind zuletzt einige Aktionen gestartet worden, die das Thema Steildach wieder verstärkt ins Bewusstsein der Architekten rücken.

Frederichs: Hervorzuheben ist hier die branchenübergreifende Unternehmensinitiative "Dachkult", die jetzt seit ca. einem Jahr läuft und sehr gute Resonanz in der Architekten- und Bauplanerszene entfalten konnte. Hier sehen wir auf jeden Fall positive Effekte, wenngleich sich auf diesem Wege allein sicherlich keine völlige Trendumkehr erreichen lässt. Wichtig für den Dachziegel ist v. a. das Thema Sanierung. Bundesbauminister Horst Seehofer hat sich klar für eine steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung ausgesprochen. Das ist ein Ansatz, der aus unserer Sicht richtig und wichtig ist, um die Klimaziele im Gebäudebestand zu erreichen.

ABZ: Herr Jungk, Sie wurden kürzlich im Amt des BVZI-Präsidenten bestätigt. Welche Aufgaben stehen auf Ihrer persönlichen Agenda für die kommenden Jahre?

Jungk: Neben dem Umzug nach Berlin haben wir in den vergangenen Jahren intensiv daran gearbeitet, den Verband sowohl personell als auch finanziell auf eine gesunde Basis für die Zukunft zu stellen. Was ich gerne weiter fortführen möchte, ist, dass wir uns in Zukunft mehr noch als zuvor als Berater der Politik zur Verfügung stellen. Gerade im Baubereich bin ich in meiner bisherigen Laufbahn auf unheimlich viel Halbwissen bei politischen Entscheidungsträgern gestoßen. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Lösung für die Herausforderungen unserer Zeit haben, viele Entscheidungsträger das jedoch nicht ausreichend wissen. Hier müssen wir künftig noch mehr aufklären und informieren, um zu verhindern, dass falsche Entscheidungen getroffen werden. Dazu gehört für mich auch, nicht überall mitzulaufen. Unsere Mitglieder wissen, dass ich nicht müde werde, meine Stimme auch kritisch zu erheben. Bei vielen Themen, so mein Eindruck, traut sich heute kaum noch jemand, offen zu opponieren.

Ziegel in der Nachverdichtung: Massive Mehrfamilienhäuser erweitern die Wohnfläche in München-Ramersdorf.

ABZ: Sie spielen auf die Klimadebatte an?

Jungk: Ich spiele auf eine Vielzahl von Entwicklungen an, die aus meiner Sicht nicht nur der Ziegelindustrie, sondern dem Industriestandort Deutschland insgesamt schaden können. Vieles davon steht natürlich in unmittelbarem Zusammenhang mit der aktuell sehr prominenten Klimadebatte. In erster Linie geht es mir um Maßnahmen, mit denen politische Entscheidungsträger aktuell meinen, gegen den Klimawandel vorgehen zu können. Diese Diskussion wird extrem emotional geführt und bedarf dringend einer Versachlichung. Denn diese Emotionalität verschleiert in vielen Fällen den Blick darauf, was die jeweiligen Maßnahmen eigentlich bringen und was sie tatsächlich kosten.

Frederichs: Wir wollen hier keineswegs jemanden bevormunden. Wir wollen allerdings auch nicht, dass jemand anderes das tut, ohne sich dabei über die tatsächlichen Konsequenzen der getroffenen Maßnahmen im Klaren zu sein.

ABZ: Maßnahmen wie die in Baden-Württemberg geplante Holzbauoffensive …

Frederichs: Das Thema Holzbauoffensive ist ein sehr aktuelles Beispiel für eine solche Bevormundung durch die Politik, wie wir sie kritisieren. Hier wird die am Markt eigentlich übliche Technologieoffenheit in Frage gestellt. Es ist aus unserer Sicht nicht Aufgabe des Staates oder der Länder, vorzugeben, wie und mit welchem Baustoff gebaut werden soll.

Jungk: Es gibt aus unserer Sicht vielmehr klare sachliche Argumente dagegen, dass der Staat einem bestimmten Baustoff den Vorzug gibt. Das ist genau so ein Punkt, wo die Politik dringend auf Beratung angewiesen ist, wie ich eingangs erwähnte.

ABZ: Was genau macht das Vorhaben der Baden-Württembergischen Landesregierung oder Vorstöße wie jüngst von Boris Palmer in Tübingen aus Ihrer Sicht verwerflich?

Jungk: Aus unserer Sicht verbietet sich eine derartige politische Einflussnahme auf den freien Markt grundsätzlich. Im vorliegenden Fall hat das Ganze noch ein besonderes G'schmäckle, da der Staat selbst der größte Forstbesitzer ist.

Was uns aber besonders ärgert, ist die undifferenzierte Art und Weise, wie hier über die ökologische Nachhaltigkeit der Holz- und der Ziegelbauweise geurteilt wird. Da wird relativ einseitig argumentiert, Holz sei ein guter CO2-Speicher und ein schnell nachwachsender Rohstoff. Kaum jemand beschäftigt sich jedoch bspw. mit der Frage, was ein Holzhaus überhaupt ist bzw. wie viel Holzanteil da wirklich drin steckt. Dieser ist in den meisten Fällen eher gering. Der Rest ist Dämmstoff, Dichtungsfolien aus Kunststoff etc. Hinzu kommt ein nicht unerheblich größerer Transportaufwand, meist über weite Distanzen oder die Frage, ob es sich überhaupt um nachhaltig zertifiziertes Holz handelt.

Damit Sie das nicht falsch verstehen: Jedes Fertighaus hat seine Berechtigung im ganz normalen Wettbewerb – so wie jede andere Bauweise eben auch. Was wir jedoch im höchsten Maße bedenklich finden, ist, dass die politische Einflussnahme dieser Tage dazu führt, dass der Respekt, den die Marktteilnehmer einander bislang entgegengebracht haben, mehr und mehr schwindet. Wir werden regelrecht zu Feinden gemacht.

Frederichs: Uns geht es gar nicht darum, zu sagen, welche Bauweise in welchen Punkten besser ist. Das soll jeder Bauherr für sich selbst entscheiden. Uns ist aber wichtig, dass der Wettbewerb technologieoffen bleibt. Wenn Vertreter des Staates, wie in Baden-Württemberg oder im Falle der Stadt Tübingen Boris Palmer, zu einer verpflichtenden Holzbauweise aufrufen, dann ist das aus unserer Sicht grundlegend falsch. Darüber hinaus gibt es im Bauwesen noch ganz andere Herausforderungen als die Baustofffrage – und damit meine ich nicht nur das bezahlbare Bauen. Dies gilt es rasch zu lösen und dafür brauchen wir ein konstruktives Miteinander, keinen erbitterten Wettbewerb.

Ökologisches Bauen mit Ziegeln: Alle Häuser des Wohnparks "Karlschwaige" in Landshut wurden mit einem Wohn- und Geschossbauziegel errichtet. Durch seine mineralische Dämmstoff-Füllung erreichen die Gebäude die KfW-Effizienzhausstandards 70 und 55.

ABZ: Was kann die Ziegelindustrie zur Erreichung der Klimaziele beitragen?

Frederichs: Ein großes Potenzial sehen wir hier im Bereich der energetischen Sanierung. In einer viel beachteten Studie haben wir vor Kurzem das Forschungsinstitut für Wärmeschutz München den Bestand analysieren lassen und festgestellt, dass über 10 Mio. Dächer in Deutschland in einem relativ schlechten energetischen Zustand sind – z. T. noch vor der ersten Wärmeschutzverordnung gebaut wurden. Hier schlummern mehr als 90 Mio. t CO2-Äquivalente, die man relativ einfach und schnell bis 2050 einsparen könnte. Es hilft aus unserer Sicht nicht weiter, den ohnehin schon anspruchsvollen energetischen Standard von Neubauten noch weiter zu regulieren. Hier entstehen z. T. bürokratische Monster, mit denen sich am Ende nur verschwindend geringe Emissionsminderungen zu deutlich höheren Kosten realisieren lassen. Daher auch unsere Forderung: Wenn man die Klimaziele wirklich erreichen will, dann muss der Bereich der energetischen Bestandssanierung dringend angegangen werden.

Jungk: Mit dem Ziegel stehen wir für die monolithische oder zweischalige Wand ohne Wärmedämmverbundsystem. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass sich die Ziegelindustrie bereits seit Jahrzehnten für eine nachhaltige, energieeffiziente Produktion engagiert. Seit 1990 sind in der Ziegelproduktion bereits rd. 40 % der CO2-Emissionen eingespart worden. Weiterhin nimmt die Ziegelindustrie am EU-Emissionshandel teil und ist damit auf Zielerreichungskurs der europäischen Klimaziele. Außerdem stellen wir einen sehr langlebigen Baustoff her, der leicht zu recyceln ist, also im Kreislauf bleibt. Wir kümmern uns intensiv um die Renaturierung unserer Abbaustellen und schaffen ganz neue Biotope als Beitrag zur Artenvielfalt.

ABZ: In den kommenden Jahren gilt es nicht nur ambitionierte Klimaziele zu erreichen, sondern auch die Zahl der Fertigstellungen im Wohnungsbau deutlich zu steigern. Wie stellt sich die Ziegelindustrie auf diese Herausforderung ein, etwa im Bereich des modularen bzw. seriellen Bauens?

Jungk: Das bezahlbare modulare Bauen ist ein Thema, das aktuell politisch stark forciert wird. Die Ziegelindustrie kann hier die Lösungen liefern. Ich denke an den Planziegel, der im Grunde schon eine Art Fertigteil ist, gleichzeitig aber auch ein hohes Maß an Flexibilität mitbringt. Auch ganze Modulbauten, wie sie bspw. für den Bau von Flüchtlingsunterkünften gefragt waren, haben wir entwickelt und realisiert. Mit den heutigen Möglichkeiten, wie der Vorfertigung von Ziegelwänden, sind wir grundlegend in der Lage, mit der Massivbauweise ebenso schnell zu sein wie mit der konventionellen Fertigteilbauweise.

Frederichs: Dieses Thema ist zudem eng verknüpft mit dem Fachkräftemangel und der Frage, wie man mit der Vorfertigung Entlastung schaffen kann. Diese Entwicklung wird das Thema modulares Bauen mit Ziegeln auf längere Sicht sicherlich noch viel stärker antreiben als der Kosten- oder der Zeitaspekt.

ABZ-Stellenmarkt

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 27/2019.

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