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Unternehmensverbund stellt auf komplette Digitalisierung um

"Die Umstellung glich anfangs einer Operation am offenen Herzen"

Im Fahrerhaus wurde ein Fleetboard angebracht.

Kirchheim (ABZ). – Der Unternehmensverbund der Naumann GmbH & Co. KG stellte kürzlich von einer firmeneigenen EDV auf die WDV 2020 um. Die Arbeit der Mitarbeiter in verschiedenen Bereichen sei dadurch einfacher geworden, so das Unternehmen. Neun Transportbetonwerke in Hessen und sechs in Thüringen, die von sieben Kieswerken im Freistaat Thüringen versorgt werden, gehören zu dem Unternehmensverbund der Naumann GmbH & Co. KG. Der Unternehmensverbund aus dem hessischen Kirchheim, zu welchem auch die K+B Kies und Beton GmbH aus Erfurt gehört, hat 350 Mitarbeiter.

Seinen Ursprung hat das Unternehmen in der Naumann KG, als kleine hessische Baufirma 1929 in Kirchheim gegründet. Dort wurde 1971 auch das erste Transportbetonwerk in Betrieb genommen. Nach der Grenzöffnung wurde die K+B GmbH als Tochtergesellschaft gegründet. Umsatz erwirtschaftet der Unternehmensverbund hauptsächlich mit Beton in verschiedensten Formen, Mörtel, aber auch Kiesen, Splitten und Sanden. Der Verkauf erfolgt über die Naumann GmbH und die K+B GmbH. 2012 kam zu ihr die BVFW Baustoff Vertrieb Fulda Werra GmbH dazu, welche ebenfalls zur Naumann-Gruppe gehört. Auf den Baustellen verarbeitet die ebenfalls zugehörige BHT Betonpumpen Hessen-Thüringen GmbH mit Sitz in Kirchheim den Beton. 150 eigene Fahrzeuge liefern die Produkte an. Ergänzt wird der Komplex seit 2007 durch die AoBoTec GmbH, ein werks-eigenes Labor.

Seit einigen Jahrzehnten werden im Unternehmensverbund Prozesse digitalisiert. "Die dazu installierte firmeneigene EDV war für unsere damaligen Bedürfnisse eigentlich maßgeschneidert und wurde von uns auch selbst betreut", erläutert der Prokurist Ralf Zschäbitz. Da neue Anforderungen sich mit der EDV nicht mehr umsetzen ließen, wollte der Verbund umstellen. Die Entscheidung fiel auf die "WDV 2020" von der Praxis EDV-Betriebswirtschaft- und Software-Entwicklung AG. Dahinter steht eine hochintegrierte Branchen-ERP, welche aus einer ehemals reinen Wägedatenverarbeitung entwickelt wurde. Weitere Bereiche wie die Fakturation, Rezepturen und Stammdaten, der Rohstoffeinkauf, das Labor, die Kalkulation, die Disposition, der elektronische Lieferschein und die digitale Archivierung sind integriert worden. "Da hier die für uns relevante Asphalt-, Schüttgut- und Betonbranche sowie die Baustofflogistik hervorragend abgebildet ist, haben wir entschieden, am 1. Januar 2019 mit der Einführung zu beginnen", erklärt Zschäbitz. Seit Oktober 2018 wurden dafür etwa 100 Mitarbeiter wie beispielsweise das Waagenpersonal und die Mischmeister sowie aus den Bereichen Fakturierung, Buchhaltung, Vertrieb und Disposition in fachspezifischen Gruppen in die WDV 2020 eingearbeitet und geschult.

Die Umstellung sei am Anfang wie eine "Operation am offenen Herzen" gewesen, da man grundlegend in die zentralen Systeme eingegriffen habe. Nach relativ kurzer Zeit seien jedoch die meisten Daten übernommen gewesen und die Abläufe hätten sich eingespielt. "Die WDV 2020 war am Anfang für mich eine gewaltige Umstellung", sagt Frank Kunath, Vertriebsmitarbeiter der Kies + Beton GmbH für den Großraum Erfurt. Nach einer Eingewöhnungszeit sei es jedoch von Tag zu Tag besser geworden. Ein großer Vorteil des Programmes sei, dass er bei seinen Kunden wichtige Daten wie beispielsweise die Baustellen und Umsätze sofort sehe. Im alten Programm hätte er diese Daten aus verschiedenen Bereichen zusammentragen müssen.

Die Werke in Erfurt/Schwerborn, in Kirchheim, die Betonpumpen der BHT und der Baustoffvertrieb BVFW sind über die WDV als eine echte "Industrie 4.0"–Lösung digital vernetzt. Die Daten werden über eine hoch abgesicherte Cloud ausgetauscht. "So sind jetzt beispielsweise alle Mischstationen und Baustellen geocodiert und können problemlos eingebunden werden. Das sind Kleinigkeiten, die früher gefehlt haben, um Vorgänge schneller abzuschließen", so Ralf Zschäbitz. Erleichterungen gebe es auch in der Disposition in Erfurt. "Wir können jetzt Aufträge an unsere Fahrzeuge, beispielsweise von unserem Kieswerk an unser Betonwerk digital abarbeiten, was früher telefonisch gemacht werden musste", sagte Holger Pabst, Disponent für Schüttgüter.

Das bestätigt auch sein Kollege Peter Mainz, welcher für Zement und auch Kies zuständig ist: "Zusätzlich zu der digitalen Auftragsvermittlung können wir überprüfen, wo die Fahrzeuge sind und ob sie sich im zeitlich richtigen Rahmen bewegen, Termine einhalten und die richtige Routen zu den Mischwerken oder Kunden nutzen." Diese zeitnahe Abfrage am PC sei eine große Hilfe. Zuvor hätte alles aufwändig telefonisch erledigt werden müssen. Bei der Betonherstellung sind die Schüttgut-Lkw und die Transportbetonmischer schon über ein in den Fahrzeugen angebrachtes "Fleetboard" direkt an die WDV angeschlossen und bekommen ihre Aufträge von der Disposition direkt ins Führerhaus übermittelt. Bei den Mischfahrzeugen werden die Aufträge allerdings noch über den Mischmeister koordiniert, welcher dann die Fahrzeuge einteilt. Hier bestätigt der Fahrer auf dem Fleetboard nur das Ende eines Auftrages und kann mit diesen Rückmeldungen dann weiter disponiert werden.

Die Fakturierung von geliefertem Kies und Beton kann zeitnah erfolgen, da die entsprechenden Daten sofort zur Verfügung stehen. Damit wurde das alte und aufwändige System der "Frachtgutschriftenerstellung" abgelöst, welches vorher bei externen Spediteuren und Kunden eingesetzt wurde.

Die Radlader werden schrittweise umgestellt. Derzeit sei dort noch ein älteres System in Einsatz, welches aber die Lieferscheine schon digital an die WDV 2020 übermitteln könne, so Zschäbitz. "Wir haben für ein Fahrzeug bei der Praxis EDV eine Radladerkonsole zum Testen gekauft." Dort habe der Fahrer jetzt sofort Zugriff auf sämtliche WDV-Daten wie beispielsweise Kunden, Baustellen und Produkte, sagte Zschäbitz. Auch die Daten des Radladers stünden innerhalb von Sekunden allen Beteiligten zur Verfügung und könnten sofort fakturiert werden. Das spare Zeit und die Erstellung der Lieferscheine sei deutlich zuverlässiger, so der Prokurist.

"Ich kann jetzt auf meinem Display in Echtzeit sehen, wo sich alle im Einsatz befindlichen Lieferfahrzeuge befinden und so auch erkennen, wann meine Fahrzeuge hier wieder ankommen und beladen werden wollen", erläutert Mischmeister Ronald Holle vom Werk Berka/Werra. Das erleichtere die Arbeit, denn früher hätte das aufwändig per Telefon geklärt werden müssen. Die Fahrzeiten vom Werk zur Baustelle könnten wesentlich besser koordiniert werden. Gesetzlich vorgeschriebene Lenkzeiten würden eingebunden. "Kunden, Baustellen, Rezepturen, Betonpumpen, Liefermengen – alles ist sauber hinterlegt." Die Übertragung der Daten von der werksinternen Steuerungstechnik der Mischanlage an die WDV 2020 funktioniere gut. Durch die digitale Übertragung der Lieferscheine könnten sofort die Rechnungen erstellt werden. Das habe vorher oft länger gedauert, erklärt Prokurist Ralf Zschäbitz.

Diese digitalen Lieferscheine sollen perspektivisch auch für die externen Kunden von Naumann/Kies + Beton eingeführt werden. Dafür wird zusätzlich das Lieferscheinportal "Bau-ELSE" installiert. "Mit dieser weiteren Umstellung können wir viel Papier einsparen und das derzeit noch notwendige Lieferscheinarchiv zur Aufbewahrung entfällt dann." Auch die Revisionssicherheit sei gewährleistet, da die Praxis-EDV die gesetzlichen Vorgaben kenne und die entsprechenden Anforderungen digital erfüllen könne, so Zschäbitz. Damit alle Kunden und Überwacher über die Bau-ELSE auf Lieferscheine und technische Unterlagen schnell zugreifen können, würde parallel dazu eine Unternehmenscloud eingerichtet.

https://jobs-in-gruen-und-bau.de/index.php?id=123&tx_patzerboerse_paboeplugin[unterthemen]=624++327&no_cache=1

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 47/2019.

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