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Cradle to Cradle

"Wir können Gebäude wie Bäume machen!"

Die neue Stadtverwaltung in Venlo verkörpert die Ambition der Gemeinde Venlo, Stadt und Region nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft "Cradle to Cradle" (C2C) zu gestalten.

Über den von ihm mitentwickelten Cradle-to-Cradle-Ansatz sprach der Chemiker und Verfahrenstechniker Prof. Dr. Michael Braungart kürzlich auf der Fachkonferenz zur Zukunft der Bau- und Immobilienwirtschaft REAL PropTech. Das Prinzip, bei dem es um mehr geht, als darum, Abfall zu vermeiden, indem Materialien wiederverwertet werden, erläuterte er ABZ-Redakteurin Sonja Weiße anlässlich der Veranstaltung im Interview.

ABZ: Was bedeutet der Cradle-to-Cradle-Ansatz, den Sie mit dem amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt haben?

Braungart: Cradle to Cradle zeigt, wie Produkte tatsächlich wiederverwertet oder kompostiert werden können. Das heißt, die Dinge so zurückzudenken und zu gestalten, dass sie nützlich sind – entweder für die Biosphäre oder für die Technosphäre – und nicht weniger schädlich. Nicht klimaneutral sein, sondern klimapositiv!

ABZ: Was heißt das übertragen auf den Baubereich?

Braungart: Es geht nicht darum, das Gebäude gasdicht zu machen, um Energie zu sparen, sondern so, dass es reinigend ist. Wir können Gebäude bauen, die nützlich sind, in denen die Luft besser ist als draußen, die die Luft und das Wasser reinigen. Wir können Gebäude wie Bäume machen! Die Intelligenz muss am Anfang liegen, in der Gestaltung! Nicht am Schluss, in der Abfallbeseitigung. Dieses Prinzip, von der Wiege zur Wiege zu denken, ist für den Baubereich übrigens von besonderer Bedeutung. Denn mehr als die Hälfte aller Abfälle stehen mit Gebäuden in Verbindung.

ABZ: Das klingt futuristisch.

Braungart: Solche Häuser gibt es bereits, zum Beispiel die Stadtverwaltung in Venlo in den Niederlanden. Die Südfassade besteht aus Aluminium, das ohne Qualitätsverlust recycelt werden kann, die Nordfassade besteht innen aus Holz und außen aus einer Fassadenbegrünung, die die Luft reinigt. Die Luftqualität ist drinnen besser als draußen. Der Krankenstand ist dadurch um mehr als 20 Prozent verringert. Es lohnt sich einfach! Wir haben zudem ein ganzes Quartier in der Nähe von Amsterdam erschaffen, den Park 2020. Auch das neue Verwaltungsgebäude der RAG-Stiftung und der RAG-Aktiengesellschaft auf dem Welterbe Zollverein in Essen wurde nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip realisiert. In Düsseldorf wird derzeit mit "The Cradle" ein Holzhybrid-Bürogebäude nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip gebaut.

ABZ: Sie fordern, Gebäude aus den 1960er und 1970er Jahren wegzureißen. Warum?

Braungart: Weil sie Menschen krank machen. In diesen Gebäuden sind zum Beispiel oftmals viele Holzschutzmittel wie Lindan und Pentachlorphenol enthalten. Außerdem haben wir ein massives Asbestproblem in diesen Gebäuden. Es gibt im Baubereich allgemein ein massives Qualitätsproblem. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat man angefangen, gutes Handwerk durch schlechte Chemie zu ersetzen. Und das ist leider heute noch so.

Ich habe kürzlich 16 Kindergärten in einer mittelgroßen Stadt untersucht. Wenn deren Innenräume draußen wären, müssten sie alle stillgelegt werden, weil sie die Feinstaubgrenzwerte drastisch überschreiten. Die Luft drinnen ist drei- bis achtmal schlechter als die Außenluft.

Und die Chemikalien reichern sich in Lebewesen an. Von den 2800 Chemikalien, die ich in Muttermilch finde, ist etwa ein Drittel aus dem Baubereich. Mir geht es darum, viel bessere Gebäude zu machen. Ein Gebäude zu gestalten, das für Muttermilch geeignet ist, das wäre doch mal ein völlig neues Qualitätskriterium!

ABZ: Sie sagen, es geht nicht darum, einfach das Gebäude gasdicht zu machen, um Energie zu sparen. Halten Sie also nichts von Dämmstoffen?

Braungart: Die Energieseite ist im Verhältnis zur Materialseite überbewertet. Als erstes müsste ich fragen: Hat das Gebäude gesunde Luft? Und nicht: Wie kann ich Energie sparen? Die Vorschriften zur Dämmung sind nur eine Auswirkung von Lobbyinteressen; für die Sache, für die Umwelt, bringen sie eigentlich nichts.

ABZ: Was spricht denn dagegen, Energie durch Dämmung zu sparen?

Braungart: Ich habe in Wärmedämmverbundsystemen 27 Komponenten gezählt – das sind Bankrotterklärungen an gutes Bauen! Es gibt Wärmedämmung mit Fasern, die nicht gesund sein kann. Wenn aber Dämmung eine Dienstleistung wäre, dann könnte man viel bessere Materialien einsetzen. Es gibt eine ganze Reihe von mineralischen Dämmmaterialien, zum Beispiel geschäumtes Glas, was sich wirklich wunderbar eignet, was aber sonst zu teuer ist. Man muss die Nutzung des Glases verkaufen.

ABZ: Wie meinen Sie das genau?

Braungart: Im Moment wird immer das Kostengünstigste verwendet, anstatt das Beste einzusetzen. Wir müssen stattdessen das Wertgebende in den Dingen erhalten. Das Gebäude kann man als Materialbank betrachten. Wenn man die wertgebenden Gegenstände wie die Fassaden als Dienstleistung anbietet, dann werden die Immobilien deutlich kostengünstiger, weil die Leute sozusagen nur die Nutzung der Fassade kaufen. Ich kann Material über ein Finanzierungsmodell an jemand Dritten abgeben und zum Beispiel das Kupfer an eine Bank geben, die das Kupfer hält. Die Materialien, die nur genutzt werden, werden als Dienstleistung zur Verfügung gestellt. Eine Bank wird dadurch zur Rohmaterialbank. So könnte ich beispielsweise meinem Kind eine Tonne Rohzink, verbaut am World Trade Center, schenken.

ABZ: Aber es gibt doch nicht wirklich einen Markt für Dinge, die in einem Gebäude verbaut sind. Das kostet doch viel zu viel Arbeit, das wieder auseinanderzubauen!

Braungart: Ich muss das Gebäude eben so konzipieren, dass die Verbindungen reversibel sind.

ABZ: Wie kam es dazu, dass Sie dieses Konzept entwickelt haben?

Braungart: Zunächst bin ich bei Greenpeace aktiv gewesen und habe demonstriert und demonstriert. Irgendwann habe ich mir gesagt, ich habe jetzt genug protestiert, es ist an der Zeit, Lösungen zu entwickeln.

ABZ: Wie wichtig ist die Produktion bei Ihrem Ansatz? Zum Beispiel kann man Stahl gut recyceln, aber es benötigt viel Energie, ihn herzustellen.

Braungart: Es wird aus meiner Sicht derzeit kein Stahl recycelt, es wird nur downgecycelt. Denn der Stahl ist ja mit allen möglichen Buntmetallen kontaminiert. Das Energieproblem aber ist weniger wichtig, das können wir lösen. Wir haben genug Sonneneinstrahlung auf dem Planeten, über 20 000-mal mehr als wir jemals benötigen. Wir müssen nur lernen, die Sonne zu ernten! Das Materialproblem ist aber viel kritischer als das Energieproblem. Als ich ein Kind war, enthielt Kupfererz noch etwa 40 Kilogramm Kupfer pro Tonne Gestein. Heute sind es nur noch 1 bis 2 Kilogramm Kupfererz pro Tonne. Es gibt nicht genügend Meteoriteneinschläge, um das zu kompensieren.

Chemiker und Verfahrenstechniker Prof. Dr. Michael Braungart.

Beeindruckender Lebenslauf

Michael Braungart studierte Chemie und Verfahrenstechnik. In den 1980er Jahren engagierte er sich bei der Umweltorganisation Greenpeace und half mit, dort den Bereich Chemie aufzubauen, den er ab 1985 leitete. Michael Braungart hält eine Professur Cradle to Cradle & Öko-Effektivität an der Leuphana Universität Lüneburg und unterrichtet zudem als Gastprofessor an der Erasmus-Universität in Rotterdam in den Niederlanden. Er ist Mitbegründer und wissenschaftlicher Leiter von McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC) in Charlottesville, Virginia (USA), Mitbegründer und wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts e. V. (HUI) und Leiter von Braungart EPEA in Hamburg. Professor Dr. Michael Braungart hat zudem EPEA gegründet, ein internationales Umweltforschungs- und Beratungsinstitut mit Hauptsitz in Hamburg. Kürzlich hat sich EPEA mit Dress & Sommer zusammengeschlossen. Drees & Sommer erhofft sich davon auch neue Geschäftsmodelle: Bauelemente nicht zu verkaufen, sondern ihren Nutzwert über eine feste Laufzeit zu vermieten, biete große Entwicklungsmöglichkeiten für Plattform-Geschäftsmodelle, sagt Norman Meyer, Leiter Digitale Geschäftsmodelle bei Drees & Sommer. Drees & Sommer gehe davon aus, dass der Marktanteil von Cradle-to-Cradle-inspirierten Gebäuden 2030 mehr als 50 Prozent betragen wird.

ABZ: Sieht es bei Beton besser aus?

Braungart: Nein, weil die Materialien nie für Kreisläufe entwickelt worden sind. Wir haben in Beton etwa 300 Additive, wie Kornbildner, Abbindeverzögerer, Schalhilfsmittel und Emulgatoren. Von denen sind 200 für die Umwelt und die menschliche Gesundheit absolut schädlich. Wenn ich irgendwo Beton abgelagert finde, ist das Auslaufverhalten ziemlich nah an dem, wie es auch eine Sondermüllkippe aufweist. Das heißt aber nicht, dass Beton an sich ein schlechter Baustoff ist. Man könnte die Gebäude genauso gut mit den restlichen 100 Additiven bauen. Beton ließe sich zudem, indem man ihn mit Kohlendioxid abbinden lässt, in der CO2-Emmission völlig anders gestalten.

ABZ: Empfehlen Sie dann das Bauen mit Holz?

Braungart: Es kommt darauf an, wie das Holz behandelt wird. Ich war bei einem Hersteller für Holzfarben in Österreich und habe die Eigentümerin gefragt: Kann ich das Holz dann noch verbrennen? Kann ich es noch kompostieren? Die hatten damals keine einzige Farbe, die dafür geeignet war! Jetzt haben sie drei Dutzend davon.

ABZ: Was wäre denn dann ein guter Baustoff?

Braungart: Es geht mir nicht um einzelne Baustoffe, die per se besser sind als andere. Alle Baustoffe können eingesetzt werden, wenn sie wiederverwendet werden können. Es gibt sogar ideale Werkzeuge, auch unter Cradle-to-Cradle-Gesichtspunkten, die bislang aber nicht so eingebaut werden, wie sie es sollten. Gips zum Beispiel kann immer wieder neu mit immer derselben Qualität eingesetzt werden. Gips muss ich nur zerkleinern, in Wasser vermischen und auf 136 Grad Celsius wieder erhitzen, es hat für immer die identische Qualität und kann endlos identisch eingesetzt werden. Solche Materialien sind ideale Cradle-to-Cradle-Materialien. Aber sie müssen auch so verwendet werden. Stattdessen gibt es nicht einmal eine Qualitätssicherung. Im Gegenteil, zum Teil gibt es Gips mit extremen Rückständen aus der Rauchgasreinigung, in denen Flugasche enthalten ist. Mit dem Wegfall der Entschwefelungsanlagen, wenn die Kohlekraftwerke geschlossen werden, wird Gips zudem sehr knapp werden. Außerdem muss er entsprechend eingesetzt werden und nicht in Altpapiergipsgkartonplatten, bei denen allein das Altpapier den ganzen Baustoff kontaminiert, weil es nie für Recycling entwickelt worden ist.

ABZ: Wie ist die Nachfrage nach Ihrem Konzept?

Braungart: Die Nachfrage kommt. Im Moment renne ich offene Türen ein. Wenn man das schmecken, fühlen, anfassen kann, dann laufen die Leute in Scharen dazu über. Architekten zum Beispiel schätzen das Cradle-to-Cradle-Prinzip sehr, da sie dadurch, gegenüber bisherigen standardisierten Prozessen, wichtiger werden. Ihre Kreativität spielt damit eine größere Rolle. Es gibt auch eine ganze Reihe von Städten, die das Konzept umsetzen, wie Mönchengladbach oder Bielefeld, wo es Ratsbeschlüsse dazu gibt. Und es gibt darüber hinaus große Immobilienentwickler, die Rat suchen. Die sagen: "Ich möchte das Gebäude ja auch in zehn Jahren noch sicher vermieten können." Außerdem habe ich den Eindruck, dass die jetzige Generation stolz auf ihre Arbeit sein will. Die jungen Leute, die Unternehmensnachfolger, sagen: "Warum soll ich den Umsatz verdoppeln, wenn die Welt untergeht?" Daher bin ich ganz optimistisch.

ABZ: Diese hohen Qualitätsansprüche machen das Bauen aber noch teurer . . .

Braungart: Nein, das stimmt nicht. 20 Prozent der Kosten können Sie bei Cradle to Cradle einsparen. Es gibt sogar Fertighäuser nach Cradle to Cradle. Außerdem sind Umwelt und Gesundheit die einzigen echten Wettbewerbsvorteile, die wir Europäer weltweit haben. Alles andere können die anderen besser und kostengünstiger. Sollten wir das nicht begreifen, werden wir bald ein Museum für Indien und China. Wenn wir aber Umwelt und Gesundheit mit Digitalisierung verbinden, dann sind wir weltweit unschlagbar.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 41/2020.

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