Kommentar

Riskante Harmonie

Robert Bachmann

Deutschland und seine Normen . . . Aus der Perspektive von Außenstehenden scheint uns hierzulande kaum etwas so gut zu charakterisieren wie der Bedarf nach Regulierung und genormter Ordnung. Mal wird dies als steif und unlässig belächelt, mal als tugendhaft bewundert, weil für Präzision und Zuverlässigkeit stehend – insbesondere, wenn es um unsere viel gerühmten Industrie- und Ingenieursleistungen geht. Gerade dort hatte unser Bestreben, immer etwas genauer zu sein als anderswo, zuletzt jedoch für Verärgerung gesorgt. Die Rede ist von den in Deutschland geltenden Bauproduktnormen, wegen denen bereits 2012vor dem Europäischen Gerichtshof Klage gegen Deutschland eingereicht wurde. Seit Oktober 2016 gelten damit auch hierzulande 84 harmonisierte europäische Bauproduktnormen, über die hinaus bei Androhung horrender Strafzahlungen keine zusätzlichen Genehmigungen und Kennzeichnungen erfolgen dürfen. Wenngleich das Ansinnen dahinter, den Wettbewerb auf dem europäischen Binnenmarkt fair zu gestalten, durchaus löblich ist, birgt dieser Umstand nach Ansicht von Experten erhebliche Risiken für die Umwelt, den Gesundheitsschutz und den Gebäudeschutz. 

Das Problem: Die europäischen Normen sind aus deutscher Perspektive schlichtweg mangelhaft. Wie u. a. MichaelKnipper, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, bereits zu Beginn des Jahres hinwies, bleibt bspw. nunmehr ungeprüft, ob Dämmstoffe für Gebäudefassaden gegen Glimmen geschützt sind. Nach EU-Norm dürften aktuell auch Sportböden aus recycelten Autoreifen hergestellt werden, ohne dass geprüft würde, ob dabei gesundheitsgefährdende Stoffe an die Raumluft abgegeben werden. Dr. Hans Hartwig Löwenstein, Präsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, warnte zudem kürzlich vor einer Kostenexplosion am Bau. Betroffen sind vor allem die Planer, auf die neben erhöhten Haftungs- und Abnahmerisiken vor allem zusätzliche Aufgaben bezüglich Planung, Auswahl und Dokumentation von Bauprodukten zukommen. Kurz vor Ablauf der Frist hat Deutschland nun doch Klage gegen die EU-Kommission eingereicht. Der einzig richtige Schritt: Denn so richtig und wichtig die ohnehin schon angeknackste Europäische Idee ist sowie ein fairer Wettbewerb sind, und so unsexy ggf. auch der Deutsche in seinem Normierungsdrang – Umwelt, Sicherheit und Gesundheit müssen vorgehen.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 19/2017.

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