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VDRK-Geschäftsführer Ralph Sluke

Berufsbild hat sich durch technische Entwicklung grundlegend gewandelt

Verbände

Ralph Sluke, Geschäftsführer im Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen (VDRK): "In der öffentlichen Wahrnehmung handwerklicher Berufe stehen wir ganz unten – quasi mit zwei Beinen in der Kanalisation und den Abfallprodukten, die dort durchlaufen."

Seit beinahe drei Jahrzehnten kümmert sich der Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen (VDRK) um die Belange von Dienstleistungsunternehmen, die sich auf die Reinigung und Sanierung von Rohrleitungen und Kanalsystemen spezialisiert haben. Im Gespräch mit ABZ-Chefredakteur Robert Bachmann erklärte Geschäftsführer Ralph Sluke, wo die Branche heute steht und welche Herausforderungen die Mitgliedsunternehmen aktuell beschäftigen.

ABZ: Herr Sluke, innerhalb der Kanal- und Rohrleitungsbranche vertritt der VDRK einen sehr speziellen Fachbereich. Wie sieht dieser aus und mit welcher Intention wurde der Verband seinerzeit gegründet?

Sluke: Der VDRK vertritt Unternehmen, die ausschließlich in der Reinigung, Inspektion und/oder Sanierung bestehender Rohrleitungen in geschlossener Bauweise tätig sind. Diese Branche entstand, als findige Tüftler in den 80er-Jahren damit begannen, neue Maschinen und Gerätschaften zu entwickeln, mit denen die Inspektion und Reinigung der Substanz Abwasserleitung immer effizienter wurde. Infolge dieser technologischen Weiterentwicklung spezialisierte sich ein Teil des damaligen Sanitärhandwerks und koppelte sich aus diesem aus. Dieser technologische Sprung erforderte gleichsam wieder ein sehr spezielles Know-how. Daraufhin kamen 1989 im Raum Stuttgart neun Firmen zusammen mit dem Ziel, Bildung in diese noch sehr jungfräuliche Branche zu bringen.

ABZ: Wie hat sich die Branche seitdem entwickelt?

Sluke: Die Qualifikationsanforderungen an die Mitarbeiter sind heute wesentlich höher. Vor allem die technischen Anforderungen an die Tätigkeiten sind durch enorme Investitionen stark gestiegen. Wo man sich früher mit recht einfachen Mitteln behelfen konnte, liegen die Anfangsinvestitionen, um überhaupt die grundlegenden Arbeiten durchführen zu können, heute im sechsstelligen Bereich. Und diese Entwicklung macht nach wie vor nicht Halt.

ABZ: Wie hat sich der Verband an diese Entwicklung angepasst?

Sluke: Bis Mitte der 90er-Jahre kochte das Ganze auf kleiner Flamme vor sich hin. Das änderte sich, als der Verband mit Wolfgang Wutschig als Vereinspräsidenten und Geschäftsführer in Doppelfunktion erstmals eine konkrete Führung bekam. Danach ging die Mitgliederzahl stark nach oben. Anfang des Jahres 2005 gab es dann einen großen Knall, woraufhin fast die komplette Führungsspitze des Verbandes mit einem Schlag ausgetauscht wurde. Im neuen Vorstand wurde dann entschieden, sich nach einem zentralen Standort für den Verband umzusehen. Kassel war damals durch das Messegelände in den Fokus gerückt. Mehr als zwölf Jahre haben wir dann schließlich im sogenannten Technologiezentrum der Stadt Kassel in der Ludwig-Erhard-Straße verbracht.

Zwischenzeitlich sind wir doch stark gewachsen. Vor allem in Hinsicht auf unsere Außendarstellung war es Zeit für etwas Neues. Zufällig bot sich dann kürzlich die Möglichkeit, hier in diese modernen Räumlichkeiten direkt am ICE Bahnhof von Kassel zu ziehen, so dass wir direkt nach der letzten RO-KA-TECH kurzen Prozess gemacht haben und umgezogen sind. Statt vorher 120 m² haben wir hier jetzt etwa 330 m² zur Verfügung, sind also auch für künftiges Wachstum bestens gerüstet. Hinzu kommt ein großer Sitzungsraum, in dem wir Seminare und sonstige Veranstaltungen abhalten können.

Verbände

Der Beruf des Rohr- und Kanalsanierers ist technisch sehr anspruchsvoll und bietet spannende Aufgaben.

ABZ: Wie viele Mitglieder hat der VDRK mittlerweile und wie sieht die Mitgliederstruktur aus?

Sluke: Wir haben mittlerweile knapp 500 Mitgliedsunternehmen. Da es keine getrennten Statistiken zu den einzelnen Fachbereichen des Sanitärhandwerks gibt, haben wir einmal selbst ausgewertet, wie viele Firmen in Deutschland speziell in Rohrreinigung bzw. Rohrsanierung tätig sind. Mit einigem Aufwand sind wir schließlich auf etwa 900 bis 1000 Unternehmen innerhalb der Branche gekommen, die dieser Nische zuzuordnen sind. Der VDRK deckt damit rd. 50 % der für ihn relevanten Betriebe ab. Mir ist weder auf nationaler, noch auf europäischer Ebene ein Verband bekannt, in dem sich fast die Hälfte der in Frage kommenden Unternehmen auf freiwilliger Basis organisieren.

Unsere Struktur hat sich über die Jahre insofern verändert, dass wir seit einiger Zeit auch die Herstellerindustrie sowie branchennahe Dienstleister, etwa aus dem Versicherungsbereich, als Fördermitglieder bzw. außerordentliche Mitglieder in den Verband integriert haben.

Man kann die schrittweise Erweiterung der Mitgliederstruktur ganz gut am Verbandstitel nachvollziehen. Ursprünglich als "Verband Deutscher Rohr- und Kanalreiniger" gegründet, wurde daraus später "Verband Deutscher Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen". Seit 2007 heißen wir schlichtweg "Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen" – nicht aus Gründen der political correctness, sondern, um uns auch in Richtung der Unternehmen aus dem europäischen Umland offen zu zeigen.

ABZ: Der rbv sprach kürzlich von der Notwendigkeit, die Verbändelandschaft in Deutschland enger zusammenzubringen, um gegenüber Brüssel und Berlin mit geeinter Stimme zu sprechen. Wie sehen Sie das?

Sluke: Die Verbändelandschaft rund um das Thema Rohrleitung ist in Deutschland in der Tat sehr divers. Vom Bau über das Thema Güteschutz bis zur Reinigung und Sanierung gibt es zahlreiche Verbände, weshalb viele Unternehmen auch Mehrfachmitgliedschaften pflegen.

Das Thema "gemeinsame Stimme gegenüber der Politik" kommt in diesem Zusammenhang immer wieder einmal auf. Das ist vom Grundgedanken her auch richtig und wichtig. Um seitens der Politik Gehör zu finden, braucht man schlichtweg Masse. Speziell der rbv möchte jedoch in seinem Konzept einer solchen Zusammenarbeit die Verwaltung derselben im eigenen Hause bündeln. Nach nunmehr 28 Jahren sind wir als Verband, der weder finanziell noch von der Mitgliederstruktur her irgendwelche Probleme hat, nicht dazu bereit, auch nur ein Stück unserer Eigenständigkeit aufzugeben. Auf der anderen Seite sind wir natürlich stets dazu bereit, sachthemenbezogen an jeder Problematik mitzuarbeiten.

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Auch junge Frauen erlernen diesen Beruf.

ABZ: Welches Sachthema bewegt den VDRK momentan am meisten?

Sluke: Ein Thema, das uns aktuell ganz besonders bewegt, ist der Fachkräftemangel. Wen treibt das nicht um? Wir ganz speziell kämpfen an dieser Stelle mit mehreren Problemen. Zum Einen treten wir hier in Konkurrenz zum klassischen Handwerk, welches im Augenblick ebenfalls händeringend nach Auszubildenden und Fachkräften sucht. Zum Anderen kämpfen wir mit einem Image-Problem. In der öffentlichen Wahrnehmung handwerklicher Berufe stehen wir ganz unten – quasi mit zwei Beinen in der Kanalisation und den Abfallprodukten, die dort durchlaufen. So zumindest die verbreitete Vorstellung. Dabei hat sich das Berufsbild, insbesondere durch die technische Entwicklung, grundlegend gewandelt. Die überwiegende Zahl der Rohr- und Kanalsanierer verbringt den Großteil ihrer Arbeitszeit heute in Fahrzeugen, die mit hochmoderner Technik vollgestopft ist und kommt am Ende des Tages völlig sauber nach Hause. Das nach Außen zu transportieren, ist jedoch enorm schwierig.

ABZ: Wie würden Sie den Berufsstand bei jungen Menschen bewerben?

Sluke: Zum Einen damit, dass es sich dabei um eine technisch sehr anspruchsvolle und spannende Aufgabe handelt. Zum Anderen damit, dass es sich eine sehr krisensichere Branche handelt: Die Kanalisation ist Deutschlands größtes Investitionsgut. Wir sprechen hier von rd. 580 000 km öffentliche Kanalisation sowie noch einmal 1,5 Mio. km privater Entwässerung. Etwa 50 % davon ist sanierungsbedürftig. Es gab einmal eine Hochrechnung, der zufolge etwa 5 Mrd. Euro jährlich in das Netz investiert werden müssten, um alleine den derzeitigen Stand aufrecht zu erhalten. Schon daran lässt sich erkennen, dass es sich hier um eine Aufgabe handelt, die nicht irgendwann abgearbeitet ist, sondern uns immer beschäftigen wird. Nicht zuletzt bietet die Tätigkeit jungen Menschen heute auch alle Perspektiven. Wir haben über lange Jahre dafür gekämpft, dass die Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice ein anerkannter Ausbildungsberuf wird. Seit 2005 gibt es zudem auch die Möglichkeit, hier die Meisterqualifikation zu erwerben.

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Die überwiegende Zahl der Rohr- und Kanalsanierer verbringt den Großteil ihrer Arbeitszeit heute in Fahrzeugen, die mit hochmoderner Technik vollgestopft ist.

ABZ: Was tut der VDRK aktuell, um junge Menschen gezielt anzusprechen?

Sluke: Vor allem versuchen wir stets, die junge Generation in ihrer Sprache anzusprechen. Den Entwurf unserer aktuellen Info-Broschüre zum Thema Ausbildung haben wir bspw. einer 10. Klasse vorgelegt, mit der Bitte, diese nach ihrer Auffassung zu korrigieren. Darüber hinaus stehen wir in einem sehr engen Austausch mit Berufsschulen, Wirtschaftsvertretern etc., um uns zu beraten, wie wir die Bekanntheit und das Ansehen unseres Berufsstandes verbessern können. Eine ganz entscheidende Frage ist dabei nicht nur wie, sondern v. a. auf welchen Kanälen wir Jugendliche erreichen können - Stichwort Soziale Medien. Hier befinden wir uns aktuell mitten in einer Ideenfindungsphase, bei der wir uns auch umfassend mit anderen Branchen austauschen, da wir dieses Problem, wie gesagt, nicht alleine haben.

ABZ: Wie bedrohlich ist die Situation für Ihre Mitgliedsbetriebe?

Sluke: Wirtschaftlich gesehen klagt aktuell niemand. Die Betriebe sind vollauf beschäftigt, haben ihr Auskommen und auch die Möglichkeit, zu investieren. Das Potenzial für Investitionen steht und fällt jedoch auch mit dem Thema Personal. Wenn wir in Deutschland heute von Vollbeschäftigung sprechen, dann ist da schlichtweg kein Potenzial mehr.

ABZ: Wo sehen Sie weitere Potenziale, diesem Problem zu begegnen?

Sluke: Zum Einen können wir bestehende Mitarbeiter massiv qualifizieren, damit diese mehr machen können als bisher. Zum Anderen besteht die Möglichkeit, den osteuropäischen Arbeitsmarkt abzuklopfen. Hier stoßen wir jedoch immer wieder auf das Problem der Sprachbarriere.

In der industriellen Fertigung lässt sich diese einfacher kompensieren als in unserer Branche, wo es noch stark auf den zwischenmenschlichen Austausch während der Arbeit ankommt. In anderen Fällen gibt es Betriebe, die sehr positive Erfahrungen mit fremdländischen Ar-beitskräften gemacht haben. Ich denke für unsere Branche stellen auch Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, sprich Flüchtlinge, ein großes Potenzial dar. Hier ist aber erstmal die Politik gefordert, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 51/2017.

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