"Wir drehen den Spieß um" – Unternehmen bewerben sich um Fachkräfte

"Eine Win-win-Situation für alle am Bau Beteiligten"

Mit dem Leitsatz "Gewinne den Mitarbeiter" ist die Protonaut GmbH mit Molteo im Jahr 2018 gestartet. Anfangs ging es in erster Linie darum, die Mitarbeitenden der Baubranche miteinander zu vernetzen und ein einfach verständliches und intuitives Software-Tool zur Zeiterfassung, Ressourcenplanung, Kommunikation und Datenbereitstellung anzubieten. Im Interview sprach ABZ-Redakteurin Julia Gräßler mit dem Protonaut-Geschäftsführer und -Inhaber Jonas Stamm über die Entwicklung der Firma, den Fachkräftemangel innerhalb der Baubranche – und darüber, was es mit der neuen Molteo-Plattform Crafthunt auf sich hat.
Digitalisierung
Jonas Stamm ist Geschäftsführer und Inhaber der Protonaut GmbH und digitalisiert mit den Molteo-Unternehmenslösungen seit 2018 die Baubranche. Foto: Protonaut/Molteo

ABZ: Herr Stamm, wie hat sich Molteo seit seiner Gründung im Jahr 2018 weiterentwickelt?

Stamm: Auf technischer Seite hat sich bei uns vieles weiterentwickelt. Kollaborationen und weitere Schnittstellen sind hinzugekommen und wir haben viele Dinge rund um Molteo nochmals vereinfacht. Dabei sind mir zweierlei Dinge besonders aufgefallen. Erstens: Dass viele Vorteile, welche die Digitalisierung bietet, nach wie vor sehr büro-seitig angelegt sind. Diese Vorteile spielen häufig dem Eigentümer, Bauleiter oder dem Projektverantwortlichen in die Karten – aber der Mitarbeiter draußen auf der Baustelle wird oft noch außen vor gelassen. Das heißt auch, dass die Anforderungen und Tätigkeiten für den Handwerker, der auf der Baustelle tätig ist, recht einfach gehalten sind, frei nach dem Motto 'Es muss funktionieren und einfach sein'. Das tut der Mitarbeiter aber in der Regel, um seine Aufgabe zu erfüllen, nicht um sich selbst weiteres Know-how in seinem Metier anzueignen – an diesem Punkt wollten wir bei der weiteren Arbeit anknüpfen. Der zweite Punkt bezieht sich darauf, dass wir mit Molteo nun auch Kunden gewonnen haben, die zuvor mit Software-Lösungen anderer Hersteller gearbeitet haben – um die dort eingepflegten Daten nicht zu verlieren oder gänzlich neu anlegen zu müssen, haben wir an einer Plattform gearbeitet, die für diese und weitere Punkte eine entsprechende Lösung bieten soll. Der Gedanke war, eine Win-win-Situation für alle am Bau Beteiligten zu schaffen, gerade mit Fokus auf den Handwerker auf der Baustelle.

ABZ: Nun ist nicht nur die Digitalisierung nach wie vor ein wichtiges Branchen-Thema. Unternehmen sehen sich schon seit Längerem – und mittlerweile sehr deutlich – mit dem Fachkräftemangel konfrontiert. Wie will Molteo dieses Problem lösen?

Stamm: Aktuell bleiben rund 62 Prozent der ausgeschriebenen Stellen innerhalb der Branche unbesetzt. An dieser Stelle gibt es ein dreiteiliges Problem: einmal von Arbeitnehmer- beziehungsweise Handwerker-Seite aus aber auch von Personen, die gar keine Berührungspunkte mit dem Bau haben. Letztere verbinden mit der Branche, dass die Strukturen 'alt eingesessen', wenig modern geschweige denn dynamisch sind; ebenso, dass Geschäftsführende starr in ihrer Unternehmensführung unterwegs sind und sehr hierarchische Strukturen implementieren, die nicht mehr zeitgemäß sind. Das wiederum hat häufig zur Folge, dass junge Leute – selbst wenn sie richtige Branchen-Talente und auf Jobsuche sind – sich 'wenig abgeholt fühlen' und wissen, dass es früher oder später zur Kollision zwischen älteren Mitarbeitenden und einer jüngeren Generation kommen kann. Um dem entgegenzuwirken und eine moderne und zielführende Lösung zu präsentieren, haben wir Crafthunt entwickelt.

ABZ: Was genau hat es mit Crafthunt auf sich?

Stamm: Mit Handwerkern, Unternehmen und anderen Akteuren der Branche haben wir mit Crafthunt eine Plattform erstellt, auf der sich sowohl Fachkräfte als auch Unternehmen präsentieren können. Dabei geht es vor allem darum, dass alle Beteiligten schauen, ob sie als Arbeitnehmer und -geber zueinander passen.

ABZ: Kann man die neue Plattform als eine Stellen-/Ausschreibungs-/Job-Börse für alle am Bau Beteiligten verstehen?

Stamm: Ja, Crafthunt versteht sich als Job-Börse gepaart mit einem sozialen Netzwerk. Allerdings geht es dabei nicht um den 'klassischen Weg', also darum, dass sich Fachkräfte bei den verschiedenen Unternehmen bewerben. Wir drehen den Spieß um – und das läuft so, dass sich die Firmen aktiv bei den Kandidaten bewerben. Wichtig war uns, dass wir eine digitale Lösung erschaffen, die der Handwerker auf der Baustelle gern haben möchte. Jede Seite stellt Daten bereit. Auf Firmenseite wäre das etwa, mit welchen Maschinen gearbeitet wird, wie groß die Teams sind oder wie weit durchschnittlich zu den Baustellen gependelt wird. Fachkräfte können vorerst anonymisiert angeben, wo sie bisher wie lange beschäftigt waren, welche Führerscheine sie besitzen und welche Tätigkeiten sie zuvor ausgeführt haben. Ebenso gibt es eine Übersetzungsfunktion, welche nicht-deutschsprachige Personen bei der Nutzung unterstützt. Hinzu kommt, dass Crafthunt mit anderen gängigen digitalen Plattform-Lösungen kompatibel ist, sodass relevante Informationen, zum eigenen Vorteil, aus anderen Programmen übernommen werden können.

ABZ: Welche Aspekte waren Ihnen bei der Entwicklung der neuen Plattform besonders wichtig?

Stamm: Vor allem die Berücksichtigung ausländischer Fachkräfte hat eine große Rolle gespielt. So ist es beispielsweise für polnische oder rumänische Fachkräfte die nach Deutschland kommen oft so, dass sie nicht wissen, welchen Arbeitgeber sie da vor sich haben – anders herum weiß die einstellende Firma auch nicht sofort, mit welchen Qualitäten potenzielle neue Mitarbeitende aus dem Ausland aufwarten. Denn auch ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter ohne, sagen wir ein IHK-Zertifikat, liefern qualitativ hochwertige Ergebnisse ab und können bestens für eine Stelle geeignet sein. Sie sollten auch die Möglichkeit haben, dies ungeachtet von Zertifikaten, zu zeigen. Genau aus diesem Grund war es uns sehr wichtig, quantitative – also Zeit, Aufgaben oder Geräte – und qualitative – etwa Bilder und kollegiale Verbindungen – Informationen zu kombinieren.

ABZ: Wie läuft der Anmeldeprozess ab?

Stamm: Möchten Handwerker oder Bauarbeiter Crafthunt nutzen, können sie sich ein Profil anlegen und ihre Daten, vorerst anonym, einpflegen. Wir nehmen Fachkräfte und Unternehmen chargenweise auf. Das heißt, wer interessiert ist, meldet sich bei uns, dann nehmen wir die Person in unsere Charge auf. Um die Qualität von Handwerkern und Unternehmen auf hohem Niveau zu halten, schauen wir uns die Unternehmen und Handwerker genau an. Ebenso verhält es sich mit Firmen, die sich auf unserer Plattform vorstellen möchten. Kommt dann ein 'Match' zustande, können sich die Kandidaten dazu entscheiden, ihre Daten mit den Firmen zu teilen. Sie sind aber nicht von Vornherein zugänglich beziehungsweise einsehbar.

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Mit Molteo und Crafthunt hat Jonas Stamm (l.) eine "Win-win-Situation für alle am Bau Beteiligten" geschaffen, die den Fokus auf den Handwerker auf der Baustelle legt. Foto: Protonaut/Molteo

ABZ: Was sollten Firmen bedenken, wenn sie Nachwuchs- und Fachkräfte suchen?

Stamm: Die Realität ist, dass Unternehmen heutzutage schlichtweg mit einer großen Menge an Transparenz leben müssen. Es ist so, dass Arbeitnehmer sich im Vorfeld über die Firma informieren, Bewertungen lesen, Erfahrungen einholen und darauf basierend entscheiden, ob die Firma als Arbeitgeber infrage kommt. Allerdings beobachte ich auch, dass viele Unternehmen oft 'viel zu sehr versuchen', sich gut darzustellen – dabei wollen Bewerber ein ehrliches Bild des Unternehmens kennenlernen und keinen geschönten Marketing-Flyer. Dazu gehören unter anderem die harten Fakten, wie lange die Anfahrt zur Baustelle dauert, welche Projekte die Firma abwickelt und ob Mitarbeitende die Möglichkeit haben, auch über den Tellerrand ihrer eigenen Tätigkeit hinaus zu schauen und ihr Know-how zu erweitern. Die Unternehmen bekommen ebenfalls ein reales Bild des Kandidaten, aus dem ersichtlich wird, welche Kolonnengrößen er bevorzugt, wie weit derjenige gewillt ist zu fahren und ob er die Firma häufig gewechselt hat. Deshalb sind wir uns sicher, dass wir Anstellungsverhältnisse schaffen, bei denen Kandidaten und Unternehmen für lange Zeit zusammenfinden.

ABZ: Worauf sollten Fachkräfte achten?

Stamm: Da verhält es sich im Grunde genauso wie auch auf der Arbeitgeber-Seite. Authentizität ist ein wichtiges Stichwort. Der Bewerber sollte sich darüber klar sein, wie er arbeiten möchte und welche Unternehmensphilosophie ihm wichtig ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Firmen sich wiederum darauf konzentrieren, was ein Bewerber kann – in welchen Firmen er war, kann erst einmal zweitrangig sein, solange er seine Arbeitsaufträge entsprechend seiner Qualifikation und Erfahrung zufriedenstellend erledigt. Referenzprojekte, ausgeführte Arbeit und Zuverlässigkeit stehen an erster Stelle.

ABZ: Welche Kosten kommen auf Interessierte zu, wenn sie Crafthunt nutzen möchten?

Stamm: Die Crafthunt-Plattform ist für alle Nutzer kostenfrei und ab dem 25. März 2022 verfügbar.

ABZ: Mit Molteo und Crafthunt haben Sie in verhältnismäßig kurzer Zeit schon ziemlich viel erreicht und vorangebracht. Wie müsste sich die Baubranche entwickeln, damit Sie zu dem Schluss kommen: 'Das ist alles, was ich je erreichen wollte – jetzt habe ich ausgesorgt und kann mich beruhigt anderen Dingen zuwenden?'

Stamm: Da gibt es verschiedene Faktoren, die abgedeckt sein müssten. Dazu zählt zu allererst, dass die Handwerker die Anerkennung wiederbekommen, die sie einmal genossen haben – schließlich war es vor Jahren ein hoch angesehenes Metier und es wäre schön, wenn diese Wertschätzung wieder Einzug findet. Ebenso liegt es mir am Herzen, dass für ausländische Fachkräfte mehr Chancengleichheit entsteht. Generell sollte meiner Meinung nach häufiger gelten, dass es erst einmal zweitrangig ist, welchen (Aus)-Bildungsweg eine Fachkraft eingeschlagen hat – wenn sie ihre Arbeit qualitativ hochwertig abliefert und das entsprechend belegen kann, sollte sie ebenso hoch angesehen sein, wie eine Person, die beispielsweise einen Meisterbrief einer IHK oder Master-Abschluss an einer Universität erworben hat. Darüber hinaus wäre es schön, wenn Firmen, die den Schritt wagen, sich moderner aufzustellen, auch dafür belohnt werden – sprich dass sie gute Fachkräfte finden und sich der Wandel für sie gelohnt hat.

ABZ: Welche Ziele stehen in Zukunft auf Ihrer Agenda?

Stamm: Wir wollen in Zukunft das Thema 'Baukompetenz-Management' angehen. Dabei geht es darum, dass Handwerker die Summe ihrer Qualifikation sind, und genauso die Unternehmen die Summe der Kompetenz ihres Teams. In diesen Bereichen gibt es verschiedene Anknüpfungspunkte, die wir derzeit ins Visier nehmen. Dazu gehört beispielsweise, wie wir Firmen dabei unterstützen können, für ihre Leistungen auch einen höheren Preis zu verlangen – besonders dann, wenn sie ihren Kunden damit das Projekt vereinfachen oder ihnen ein 'Rundum-Sorglos-Paket' anbieten. Und das eben, weil sie an die Dinge denken, an die nicht einmal der Kunde gedacht hat. Diese Services sind es dann aber, die den ganzen Projektablauf für alle Beteiligten erleichtern – und das darf dann auch mal 10 Prozent mehr kosten als bei einem Wettbewerber. Für das Jahr 2022 planen wir erst einmal den Besuch auf der digitalBAU vom 31. Mai bis 2. Juni. Dort wird Molteo in Halle/Stand H4-2.520/6 vertreten sein.

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