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Kommentar

Tarifpolitik?

Robert Bachmann

Es sind schwerwiegende Anschuldigungen, welche die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) da kürzlich gegenüber der Baubranche erhob. Auf deutschen Baustellen lasse die "Corona-Disziplin" mehr und mehr nach, so der Vorwurf. Jüngste Kontrollen hätten ergeben, dass die derzeit geltenden Hygienevorschriften und Verhaltensregeln kaum eingehalten würden. Masken würden kaum getragen, Abstände nicht eingehalten und Arbeiterkolonnen wieder vielfach im Sammeltaxi zur Baustelle fahren. In einem besonders brisanten Fall hätte ein Unternehmen seinen Beschäftigten gar untersagt, einen Mund-Nasen-Schutz bei der Arbeit zu tragen.

Das sind brisante Anschuldigungen, die, sollten sie zutreffen, unbedingt ernst zu nehmen sind. Schließlich möchte niemand eine zweite Causa Tönnies in Deutschland. Erst recht nicht in einer der wenigen Industriezweige des Landes, die als eine von wenigen Stützen der Gesamtwirtschaft aktuell noch stehen. Nicht nur wegen der Vehemenz, mit der eine schockierte Arbeitgeberschaft auf die Vorwürfe reagiert hat, sind jedoch ernsthafte Zweifel angezeigt. Zum einen, weil die IG Bau kaum bis gar nicht konkretisiert, in welchem Umfang die besagten Kontrollen stattgefunden haben und in welchem Ausmaß dabei Verstöße festgestellt wurden.

Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft, die genau hierfür zuständig ist, zeichnet indes ein anderes Bild. Ihr zufolge würden auf 90 Prozent der Baustellen die geltenden Vorschriften im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie eingehalten. Von mehrheitlich groben Verstößen könnte vor diesem Hintergrund nicht die Rede sein, kritisiert der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes. Dieser liefert sogleich auch eine Erklärung für die plötzlichen Anschuldigungen. Demnach wolle die IG Bau damit lediglich ihre Position in den laufenden Tarifverhandlungen stärken.

Reine Politik also? In jedem Fall bringen die Umstände ein nicht von der Hand zu weisendes Geschmäckle mit sich. Natürlich ist anzunehmen, dass auch am Bau nicht immer zu 100 Prozent vorschriftsgemäß gearbeitet wird. Die im Vergleich mit anderen Branchen enorm geringen Fälle von Corona-bedingten Arbeitsstättenschließungen zeigen jedoch, dass der überwiegende Teil der Baustellen in dieser Hinsicht "sauber" ist. Alles andere wäre auch kaum verständlich: Warum sollte eine Branche, die bislang nur geringfügig von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen war, ihr Privileg derart leichtfertig verspielen. Natürlich muss weiterhin genau hingeschaut werden, um vor allem Nachlässigkeiten vorzubeugen. Jedoch dürfen Einzelfälle nicht dafür instrumentalisiert werden, eine ganze Branche in Misskredit zu bringen.

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