Interview mit dem Rohrleitungsbauverband

"Aktuell steht viel auf dem Spiel"

Der Rohrleitungsbauverband steht in Deutschland vor der Lösung gänzlich neuer Herausforderungen. rbv Präsident Dr. Ralph Donath, Vizepräsident Hartmut Wegener und rbv-Hauptgeschäftsführer Dieter Hesselmann sprachen mit ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga darüber, wie diese gelöst werden sollen und dass auch der Verband vor einem Wandel steht, der jetzt gestaltet werden muss.
Kommunale Wärmeplanung Fortbildungen und Seminare
"Wir brauchen mehr Flexibilisierung. Gerade das Arbeitszeitgesetz ist für einen zügigen Baufortschritt auf den großen Baustellen des Stromnetzausbaus und rund um das Wasserstoff-Kernnetz ein echter Hemmschuh", sagt rbv-Hauptgeschäftsführer Dieter Hesselmann. Foto: rbv

ABZ: Herr Donath, anlässlich der IFAT skizzierten Sie, dass der Rohrleitungsbauverband vor gänzlich neuen Herausforderungen steht, was war damit gemeint?

Donath: Um die Wärmewende voranzubringen, sollen spätestens Mitte 2028 alle neuen Heizungen mit 65 Prozent Erneuerbarer Energie betrieben werden. Bei Neubauten innerhalb Neubaugebiete dürfen schon seit dem 1. Januar 2024 nur Heizungen installiert werden, die auf 65 Prozent erneuerbaren Energien basieren. Wärmeplanungsgesetz und Kommunale Wärmeplanung nehmen nun ebenfalls neben Wasserstoff und grüne Gase Geothermie, Nah- und Fernwärmenetze sowie weitere Technologien als basale Bestandteile einer integrierten Netzplanung und für das Erreichen der Klimaschutzziele in den Fokus. In ihrer aktuellen Fassung sind das WPG und das GEG auch das Resultat eines partnerschaftlichen Engagements der gesamten Bauindustrie, aller Organisationen des Leitungsbaus sowie der für den Erhalt und Betrieb von Infrastrukturen verantwortlichen Akteure. Gemeinsam haben wir uns für eine technologieoffene Berücksichtigung aller Transformationspfade stark gemacht. Wir begrüßen es daher grundsätzlich, dass die Anstrengung unternommen wurde, eine Chancengleichheit hinsichtlich der Technologieoffenheit von Strom aus erneuerbaren Energiequellen, klimaneutraler Wärme, Wasserstoff und klimaneutraler Gase zu schaffen. Nur so können wir als Gesellschaft pragmatisch und wirtschaftlich effektiv die Energiewende vorantreiben. Die aktuelle Gleichzeitigkeit der verschiedenen Bauaufgaben stellt den Leitungsbau jedoch vor eine bis dato noch nicht gekannte Fülle von Herausforderungen. Dabei übernimmt der Leitungsbau – als Hände der Energiewende – in den Netzen für Strom, klimaneutrale Gase und Fernwärme, als Unterstützer der Klimaresilienz der Trinkwasserversorgung sowie als Digitalisierer durch den Breitbandausbau Verantwortung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.

Die Dekarbonisierung unserer Gesellschaft ist eine Conditio sine qua non eines erfolgreichen Klimaschutzes und somit eine Grundlage für die Zukunfts- und Handlungsfähigkeit kommender Generationen. Das macht die Umsetzung der Energiewende zu einem Jahrhundertprojekt historischen Ausmaßes für die Gesellschaft und gleichzeitig zu einer Mammutaufgabe für den Leitungsbau. Dieser Aufgabe stellen wir uns mehr als gerne, aber unsere Branche benötigt mehr Sicherheit für ihre Planung und klarere Ordnungsrahmen, an denen sie ihre Weichenstellungen ausloten kann.

ABZ: Wo sehen Sie konkreten Handlungsbedarf?

Hesselmann: Nehmen wir den Bereich Kommunale Wärmeplanung. Kommunen müssen abhängig von ihrer Einwohnerzahl bis Juli 2026 beziehungsweise bis Juli 2028 ein regional abgestimmtes Konzept zur Wärmeplanung vorlegen. An dieser Stelle kommen tatsächlich viele Probleme auf unsere Branche zu. Die einzige von politischer Seite aktuell verbindlich kommunizierte Größe sind die beiden Jahreszahlen. Alles andere bleibt weitestgehend nebulös. Natürlich seien dazu noch spätere länderspezifische Festlegungen möglich, aber aktuell herrscht komplette Unsicherheit darüber, wie die "Planfeststellung" in den Kommunen aussehen soll. Und noch viel schlimmer ist die Tatsache, dass aus der Planung keinerlei konkrete Handlungsaufforderung erwächst. Die Kommunale Wärmeplanung wird bei keiner offiziellen Instanz, etwa bei der Bezirksregierung inhaltlich überprüft und ist damit derzeit komplett unverbindlich.

Und genauso schwierig ist es, dass es sich hierbei um eine Strategie der Kommunen, nicht aber der Versorgungsunternehmen handele. Wünschenswert wäre es, wenn Versorger bei so einem wichtigen Zukunftsprojekt von den Kommunen eingebunden werden, um ihr Know-how und ihre Erfahrung mit in die Planung einzubringen. Hier sehe ich langfristig auch unsere Mitgliedsunternehmen in der Rolle, im Planungsprozess einen entscheidenden Beitrag zu leisten, denn niemand ist so gut mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut, wie die Bauunternehmen, die hier schon lange Jahre tätig sind. Aber darüber hinaus, und das möchte ich noch einmal in aller Deutlichkeit unterstreichen, besteht ein aktuelles Worst-Case-Szenario für den Leitungsbau in der Tatsache, wenn Kommunen in ihrer Verunsicherung überhaupt nicht handeln. Und das ist leider vielerorts der Fall.

Donath: Wir beobachten, dass Investitionen im Gasverteilnetz nahezu ausbleiben und Baumaßnahmen gestoppt werden, das kennzeichnet das aktuelle Marktgeschehen.

Stand 2024 gibt es keine verbindlichen Aussagen darüber, welche Netze in den kommenden Jahren noch benötigt werden. Dies betrifft insbesondere die Zukunft der Gasverteilnetze. Die vielen Details auf der Agenda einer zugleich realisierbaren, aber auch bezahlbaren Energie- und Wärmeplanung sind derart komplex, dass die Situation für einzelne Akteure kaum zu durchdringen ist. "Was sind die Energieträger der Zukunft?" und "Welche Netze werden wir zukünftig noch benötigen?", sind aktuell zwei noch nicht hinlänglich beantwortete Fragestellungen, die den Leitungsbau vor große Unsicherheit stellen. Die mangelnde Klarheit und ideologische Überbetonung singulärer Technologiepfade im politischen Narrativ, trotz der gesetzlichen Technologieoffenheit, führt dazu, dass eine erfolgreiche Zukunft unserer Branche volatil ist.

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"Wir beobachten, dass Investitionen im Gasverteilnetz nahezu ausbleiben und Baumaßnahmen gestoppt werden, das kennzeichnet das aktuelle Marktgeschehen", moniert rbv-Präsident Dr. Ralph Donath. Foto: rbv

ABZ: Die Bundesregierung hatte jüngst den Ausbau des Wasserstoff-Netzes beschlossen. . . ?

Donath: Die Nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung sieht vor, bis zum Jahr 2030 10 Gigawatt Elektrolysekapazität hierzulande aufzubauen und damit einen gezielten Wasserstoffhochlauf anzukurbeln. Ein Herzstück in der Nutzung von Wasserstoff als Energieträger ist ein rund 9700 Kilometer langes Wasserstoff-Kernnetz, um über die Transportnetzebene die Dekarbonisierung der Industrie entscheidend voranzubringen. Das geplante Investitionsvolumen liegt bis zum Jahr 2037 bei 19,8 Milliarden Euro. Nun wurde mit der 3. EnWG-Novelle ein verlässlicher Rahmen für die Finanzierung des Wasserstoff-Kernnetzes und die weitere Netzentwicklungsplanung geschaffen. Von der Bundesnetzagentur soll erstmals im Jahr 2026 ein Netzentwicklungsplan für Gas und Wasserstoff genehmigt werden. Zudem enthält das EnWG mit der jüngsten Novelle nun die erforderlichen Regelungen zur Finanzierung des Wasserstoff-Kernnetzes, die noch unter dem Vorbehalt einer beihilferechtlichen Genehmigung der Europäischen Kommission stehen.

Hesselmann: Im Gegensatz zu dem ursprünglich geplanten Zeithorizont bis zum Jahr 2032 sieht das Gesetz nun für einzelne Kernnetz-Projekte eine zeitliche Flexibilisierung für eine Inbetriebnahme bis 2037 vor. Wir begrüßen sehr, dass der Gesetzgeber mit dem Finanzierungsrahmen und den Fristen mehr Planungssicherheit gibt. Eine Forderung, die von vielen Akteuren an den Gesetzgeber gestellt worden ist. Ob der nun formulierte Finanzierungsrahmen allerdings angesichts der verbrieften Restrisiken für Investoren attraktiv ist, muss die Zukunft zeigen.

ABZ: Wie will der Verband den Aufgabenstellungen begegnen?

Donath: Selbstverständlich benötigt die Branche klare Vorgaben, damit sie zukunftssicher agieren und langfristig planen kann. Diese dürfen uns aber nicht wie ein Korsett einschnüren, sodass keine Gestaltungsspielräume verbleiben – weder beim Leitungsbau noch bei den Kommunen und Netzbetreibern, die alsbald vor der Aufgabe stehen, ihre Kommunale Wärmeplanung mit Leben zu füllen. Hier stehen wir im regen Austausch mit den partnerschaftlich verbundenen Verbänden wie HDB und DVGW, um den politischen Gremien beratend zur Seite zu stehen.

Wegener: Während der Gassektor aktuell aufgrund eines politischen Zauderns stagniert, entstehen an anderer Stelle neue Aufgaben. Die großen Überlandstromtrassen müssen genauso gebaut werden wie Pipelines für den LNG-Transport oder das geplante Wasserstoff-Kernnetz. Zudem gilt es das Fernwärmenetz auszubauen, die Gas- und Wasserinfrastruktur zu ertüchtigen, damit sie dauerhaft funktionstüchtig bleibt und auch Fernleitungen für den Wassertransport von wasserreichen in wasserarme Regionen zu legen, um dem Klimawandel zu begegnen. Dass diese Fülle an Bauaufgaben zudem nur bewerkstelligt werden, wenn genug Menschen in der Branche tätig sind, ist eine fundamentale Realität. Daher ist einer unser derzeitigen Kernaufgaben qualifizierte Menschen im Leitungsbau zu halten, weitere dazuzugewinnen und für die Aufgaben zu qualifizieren.

ABZ: Überbordende Bürokratie ist eines der Kernthemen der Bauwirtschaft. Wie steht der rbv zu diesem Thema?

Hesselmann: Entbürokratisierung ist ebenfalls im Leitungsbau das Zauberwort und ein nun dringend erforderlicher Hebel, um die jetzt in großer Fülle anstehenden Bauaufgaben zu bewerkstelligen. Wir brauchen mehr Flexibilisierung. Gerade das Arbeitszeitgesetz ist für einen zügigen Baufortschritt auf den großen Baustellen des Stromnetzausbaus und rund um das Wasserstoff-Kernnetz ein echter Hemmschuh. Die temporäre Anpassung sollte man in die Waagschale einer Entbürokratisierung und Effizienzsteigerung werfen. Eine Übergangslösung für die Zeit der nun anstehenden großen Projekte mit der Schaffung erweiterter Arbeitszeitkonten wäre für alle Beteiligten mehr als wünschenswert.

Einen weiteren Ansatz zum Thema Flexibilisierung und Entbürokratisierung sehen wir bei den Genehmigungen von Schwer- und Sondertransporten. Für ein schnelles Andienen von Baustellen zur Erstellung von Höchstspannungsleitungen werden nicht selten Kabeltrommeln benötigt, die bis zu 100 Tonnen wiegen. Auf die Genehmigung von Schwer- und Sondertransporten durch die Autobahn GmbH des Bundes warten unsere Unternehmen aber manchmal monatelang. Das ist planerisch für die Durchführung der Baumaßnahmen eine genauso unvorstellbare wie vollständig unnötige Schwierigkeit. Ganz abgesehen davon, dass Brücken- und Straßeninfrastrukturen mancherorts so marode sind, dass sie als Transportwege gar nicht mehr geeignet sind.

ABZ: Wie viele Mitgliederunternehmen vertritt der Verband aktuell und in welchen Marktbereichen sind ihre Mitglieder aktiv?

Wegener: Der Rohrleitungsbauverband vertritt aktuell über 600 Mitgliederunternehmen aus dem gesamten Bundesgebiet. Diese Unternehmen sind in verschiedenen Marktbereichen tätig, die durch geografische und örtliche Begebenheiten sowie Unternehmensgrößen beeinflusst werden. Unsere Mitglieder stehen in ihren jeweiligen Bereichen stets vor neuen Herausforderungen, sei es durch den Einsatz neuer Technologien, Änderungen von gesetzlichen Vorschriften und natürlich durch die Notwendigkeit, wirtschaftlich und zukunftsorientiert zu arbeiten. Für den Verband ist es daher von entscheidender Bedeutung, alle Bereiche des Leitungsbaus im Blick zu haben und sicherzustellen, dass unsere Mitglieder in der Lage sind, ihre qualitativ hochwertige Arbeit auszuführen.

Hesselmann: Die vielen unterschiedlichen Aktivitäten – im Kontext der Energie- und Wärmewende, des Klimaschutzes, der Aus- und Weiterbildung sowie der Fachkräftegewinnung –, die der rbv in den vergangenen Monaten und Jahren an den Tag gelegt hat, zielen darauf ab, Strukturen und Rahmenbedingungen für unsere Mitgliedsunternehmen zu verbessern und mehr Reichweite für die Themen des Leitungsbaus zu generieren. Und das tun wir mittlerweile mit großem Erfolg.

ABZ: Was bedeuten die genannten Strukturveränderungen für ihre Mitgliedsunternehmen?

Donath: Noch niemals zuvor hat sich der Leitungsbau in einer solch massiven Phase des Umbruchs und der Veränderung befunden. Diejenigen Sicherheiten in Bezug auf die anstehenden Bauaufgaben, die der Branche über Jahrzehnte Halt und Struktur gegeben haben, existieren mit dem Komplettumbau des Energiesystems nicht mehr in der bekannten Form. So sind in den letzten zwei Jahren aufgrund der politischen Entwicklung nahezu keine neuen Gashausanschlüsse mehr gebaut worden. Aber was wir sehen, das ist das enorme Entwicklungspotenzial im Bereich Kabel. Es ist für alle dringend erforderlich, einen wachen Blick auf den Markt zu halten, unternehmerisch agil zu sein und genau hinzuschauen, wo sich auch an den Rändern neue Geschäftsmodelle auftun. Wir Leitungsbauer sind fähig, willens und bereit, die Energiewende zu bauen und uns neuen Aufgabenspektren zu widmen. In enger Abstimmung mit den Versorgungsunternehmen finden wir Lösungen.

Hesselmann: Auch als Verband und Dienstleister ist es unsere Aufgabe, unsere Mitgliedsunternehmen dafür zu sensibilisieren, Marktentwicklungen genau zu beobachten und die Unternehmensplanung auf die neuen Erfordernisse des Marktes abzustimmen. Dies ist gleichermaßen eine wichtige Aufgabe unserer Berufsbildung.

Wir werden diejenigen Weiterbildungsmodule anbieten, die die Unternehmen benötigen, um ihr Know-how in Richtung der neuen Anforderungen zu optimieren – technisch genauso wie organisatorisch. Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.

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