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Porr

"Wir haben uns nichts vorzuwerfen"

So soll die Rheinbrücke Leverkusen aussehen. Den an die Porr vergebene Auftrag zum Bau der Brücke hat der Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen jedoch Mitte April wegen gravierender Mängel an in China produzierten Stahlbauteilen gekündigt. Die Porr weist diese Vorwürfe zurück

Wien/Österreich. - Über die Hintergründe des Baustopps beim Projekt A1-Rheinbrücke Leverkusen, die Auswirkungen von Covid-19 auf die Porr in Deutschland, das Geschäftsjahr 2019 sowie Trends und Entwicklungen in der Bauindustrie sprach Porr-CEO und Eigentümer Karl-Heinz Strauss kürzlich beim traditionellen Münchner Frühjahrs-Pressegespräch. Dieses fand in diesem Jahr wegen des grassierenden Coronavirus digital statt.

Die Rheinbrücke in Leverkusen gehört zu den meistbefahrenen Autobahnbrücken Deutschlands. Täglich fahren 120 000 Fahrzeuge über die sechs Fahrstreifen der A 1, darunter auch ein großer Teil des Fernverkehrs Richtung Belgien und Frankreich. Weil die rund 50 Jahre alte Brücke damit an den Grenzen ihrer Kapazität angelangt ist, will der Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen sie abreißen, neu bauen und erweitern.

Einen entsprechenden Auftrag mit einem Volumen von rund 360 Millionen Euro erhielt 2017 die Porr Deutschland GmbH. Doch die Arbeiten sind derzeit gestoppt. Der Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen hat den Auftrag am 24. April gekündigt und gravierende Mängel an in China produzierten Stahlbauteilen als Grund genannt. Die Porr weist diese Vorwürfe zurück: "Die beanstandeten Mängel sind im voluminösen Stahlbau immer anzutreffen", so das Unternehmen. Es gehe lediglich um Fehlstellen wie Schleifspuren, Kratzer, Schweißrückstände oder einzelne Poren/Einschlüsse in Schweißnähten, heißt es in einem Statement. Verbliebene Restmängel an Elementen auf der Baustelle zu beseitigen, sei ein üblicher Standard im Stahlbau.

Streit um Mängel

Diese Baustelle war natürlich auch ein zentrales Thema bei dem traditionellen Münchner Frühjahrs-Pressegespräch der Porr, das wegen des grassierenden Coronavirus in diesem Jahr digital stattfand. "Schade, dass das so passiert ist. Wir sind sehr enttäuscht darüber", so der CEO der Porr AG und Eigentümer Karl-Heinz Strauss über die Kündigung. "Wir fühlen uns hier sehr ungerecht behandelt. Wir haben uns nichts vorzuwerfen." Der Stahl habe eine ausgezeichnete Qualität, was sogar der deutsche Stahlverband bestätigt habe. Die Mängel, die es an den Stahlbauteilen gebe, seien nicht erheblich und gingen nicht über das übliche Ausmaß hinaus. Sie könnten beim Schweißen vorkommen und auf der Baustelle beseitigt werden. Gutachten renommierter Stahlbau-Experten und der TÜV Rheinland würden das bestätigen. Die Kündigung sei daher völlig unbegründet. "Wir nehmen eine Kündigung aus wichtigem Grund nicht hin und sehen das als echte freie Kündigung", so Strauss.

Ein Auftragsvolumen von etwa 100 Millionen Euro sei bereits abgearbeitet gewesen, so Strauss. Derzeit laufen die Übergaben der Baustellen. Das Unternehmen überlege nach Aussage von Strauss stark, sich an der Neuausschreibung des Auftrags wieder zu beteiligen. Die Porr hat zudem eine Schiedsbegutachtung durch eine Prüfstelle beantragt. Die Kündigung habe das Unternehmen dem chinesischen Partner weitergeleitet. "Auch unser Partner hat ein großes Interesse daran zu beweisen, dass die Stahlteile in Ordnung sind und eingebaut hätten werden können – und das die Kündigung wegen vermeintlicher erheblicher Mängel völlig unbegründet ist", sagte Strauss bei der digitalen Pressekonferenz.

Verzögerungen für die Baureifmachung, die es gab, habe die Porr zudem nicht zu vertreten. Die Konzepte für den Abbruch seien nicht optimal gewesen. Und wegen des Sicherstellens von Sprengmitteln habe es eine Verzögerung von mehr als einem Jahr gegeben.

Weiteres Thema des Gespräches war die aktuelle Corona-Krise. Um die Ausbreitung des Virus zu verhindern und ihre Mitarbeiter zu schützen, hat die Porr strenge Hygienevorschriften erlassen und versucht zudem, so viele Mitarbeiter wie möglich testen zu lassen. Unter den Mitarbeitern habe es bisher sehr wenig Infizierte gegeben, so Strauss. Diese seien sehr schnell erkannt und sofort isoliert worden. Die Mitarbeiter würden teilweise im Homeoffice, teilweise in den Büros arbeiten. Die Zusammenarbeit habe gut funktioniert. Die Digitalisierungsoffensive des Unternehmens habe sich in der Krise bewährt, so Strauss.

Porr-CEO und Eigentümer Karl-Heinz Strauss informierte kürzlich im Rahmen des traditionellen Münchner Frühjahrs-Pressegesprächs unter anderem über das Geschäftsjahr 2019. Wegen der Corona-Pandemie fand das Gespräch in diesem Jahr digital statt.

Auf den Baustellen des Unternehmens war die Situation in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich: Während es in Österreich einen etwa zwei Wochen andauernden "Shutdown" gegeben hat, von dem rund 80 Prozent der Projekte der Porr in Österreich – und damit etwa 1000 Baustellen – betroffen waren, war es in der Schweiz nur eine Baustelle. Auch in Norwegen hat es einen "Shutdown" gegeben – nicht weil die Projekte stillstanden, sondern weil es Einreiseprobleme gab, so Strauss. In Deutschland dagegen habe es nahezu keine "Themen" gegeben. Polen, Tschechien, die Slowakei und Rumänien hätten durchgearbeitet, ebenso Katar und Dubai. Derzeit habe das Unternehmen Vollbeschäftigung, betont Strauss.

Auf das Geschäftsergebnis hat sich die Situation im ersten Quartal diesen Jahres bereits ausgewirkt. "Wir sind stabil in das neue Jahr gestartet, leider mussten wir ab März coronabedingt Leistungs- und Ergebniseinbußen hinnehmen", wird Strauss in einer Presseinformation zum Quartalsbericht zitiert. Die Porr erzielte in den ersten drei Monaten des Jahres 2020 demnach eine Produktionsleistung von 942 Millionen Euro. Das ist ein Rückgang in Höhe von 10 Prozent. Zu einem Großteil ist dieser auf dem Shutdown der Baustellen in Österreich begrün-det. Aber auch eine selektive Projekt-akquisition und das Auslaufen von Großprojekten in Katar haben laut Quartalsbericht zu diesem Rückgang im Vergleich zum Vorjahr beigetragen.

Im Geschäftsbereich Deutschland ging die Produktionsleistung der Porr im ersten Quartal 2020 dagegen nicht zurück. Dieser konnte eine Leistung von 213 Millionen Euro erzielen und damit das hohe Vorjahresniveau im ersten Quartal erneut ausbauen, heißt es im Quartalsbericht. Der Anstieg von 6,3 Prozent sei vor allem auf die positive Entwicklung bei Porr Oevermann und Grundbau Stump-Franki zurückzuführen. Der Spezialtiefbau sei durch die Fusion von Stump Spezialtiefbau und Franki Grundbau 2019 wesentlich gestärkt worden.

Rückgang ist saisonal bedingt

Das Ergebnis vor Steuern wies für alle Geschäftsbereiche ein Delta von 13,7 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahresquartal auf und belief sich auf –25,5 Millionen Euro. Dieses negative Ergebnis sei allerdings nicht nur auf die Corona-Krise zurückzuführen, sondern auch saisonal bedingt, heißt es.

Mit 7258 Millionen Euro Auftragsbestand sieht sich die Porr jedoch solide aufgestellt. "Wir haben einen gesunden Auftragsbestand auf einem Rekord-Niveau. Unsere breite Aufstellung ist – vor allem in dieser herausfordernden Zeit – ein großer Wettbewerbsvorteil," sagt dazu Karl-Heinz Strauss.

Der Auftragseingang war im ersten Quartal 2020 allerdings auf 1135 Millionen Euro zurückgegangen, was ein Rückgang um 17,2 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum ist. Dies gehe auf eine strategische selektive Auftragsakquisition zurück, erläutert das Unternehmen. Der größte eingegangene Auftrag war die Modernisierung der Bahnlinie LK351 zwischen Krzyz und Dobiegniew im Nordwesten Polens. Im Tiefbau kamen noch Aufträge zur Sanierung des Schweizer Furkatunnels und zum Bau der IC3 Kreuzung bei Ras Bufontas in Doha hinzu. Im Hochbau akquirierte die Porr mit dem Neubau des Gangloff Areals ein neues Großprojekt in der Schweiz. Daneben erhielt sie umfangreiche Aufträge im Wohn-, Geschäfts- und Bürohausbau, insbesondere in Österreich und Polen.

"2019 war Licht und Schatten", kommentiert Strauss im Frühjahrsgespräch das abgelaufene Geschäftsjahr. Die Produktionsleistung war mit 5570 Millionen Euro nur leicht zurückgegangen (um 0,4 Prozent). Das Ergebnis vor Steuern belief sich 2019 jedoch nur auf 37,4 Millionen Euro. 2018 war es mit 88,1 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch gewesen. In dieser Hinsicht hatte das Unternehmen mehr erwartet, so Strauss. Zu der negativen Abweichung hätten die Neubewertung eines Projekts in Norwegen und die Marktsituation in Polen geführt. Die negativen Abweichungen seien somit auf Einmaleffekte zurückzuführen. 2019 sei zwar als Konsolidierungsjahr angekündigt gewesen, es sei aber nun mehr dazu geworden als gewollt, berichtet der CEO.

2020 werde dagegen durch Corona ein Transformationsjahr werden. Im Zuge der Corona-Pandemie hat die Porr laut Quartalsbericht im März einen Investitions- und Ausgabenstopp eingeführt, bis die Entwicklung der Märkte besser eingeschätzt werden kann. Investitionen in Immobilien und den Ausbau von Niederlassungen werde die Porr daher um ein bis zwei Jahre nach hinten verlegen, konkretisierte Strauss im Pressegespräch. Ausgaben seien nicht völlig gestoppt. "Wir investieren in die Maschinen, die wir brauchen, aber auch deutlich weniger", so Strauss. Die Dividende lässt die Porr AG ausfallen, "da bleiben wir auch strikt", sagte er im Pressegespräch.

Strauss kündigt zudem an, dass das "Transformationsprogramm Porr 2025" beschleunigt werde. Dieses im Jahr 2019 eingeleitete Programm sieht eine Neuausrichtung des Unternehmens vor. Es will unter anderem seine Geschäftsbereiche verschlanken, die Kosten der Zentralfunktionen optimieren und Managementstrukturen vereinfachen. Zudem beinhaltet die Strategie, den Fokus auf die Kernkompetenzen und die Heimmärkte zu legen, operative Prozesse zu verbessern und die Kostendisziplin zu erhöhen.

Die Heimmärkte, auf die sich das Unternehmen nach dem Transformationsprogramm konzentrieren will, sind Österreich, die Schweiz, Deutschland, Polen, Tschechien, die Slowakei und Rumänien. In diesen sieben Märkten erzielt die Porr 94 Prozent ihrer Produktionsleistung.

Zusätzlich gibt es zwei Projektmärkte. Einer davon ist Norwegen. Dort liegt der Fokus auf Aufträgen im Verkehrswegebau, vornehmlich im Tunnel-, Bahn- und Brückenbau. Es zeichne sich bereits ab, dass das Unternehmen in Norwegen bleiben werde, kündigt der CEO im Pressegespräch an. Porr werde vier bestehende Projekte abschließen und auch weitere akquirieren. "Wir glauben, dass das ein langfristiger Markt für die Porr sein wird." Der zweite Projektmarkt ist Katar beziehungsweise die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort will die Porr das Projektvolumen verringern, um Risiken zu senken.

Abschwächung spürbar

In Deutschland sei der Bestand an Aufträgen derzeit hoch. Allerdings sei eine Abschwächung spürbar und die Intensität des Wettbewerbs verstärke sich. "Das Preisniveau wird unter Druck kommen", meint Strauss.

Der Hochbau sei dabei unterschiedlich zu betrachten. In der Industrie werde laut Strauss derzeit teilweise durchaus stark investiert, "um sich auf den Restart vorzubereiten oder darauf, Produktionen aus Asien zurückzuholen."

Im Wohnungsbau erwarte die Porr, dass im deutschen Markt nach wie vor in Wohnungen investiert werde. "Der Trend zu Betongold ist da", so Strauss.

Bei den Bürobauten würden Projekte und Ausschreibungen abgeschlossen. Auch Hotels, deren Bau bereits begonnen hat, werden weitergeführt. Neue Projekte allerdings würden sehr genau überprüft.

Projekte könnten aus Finanzierungsfragen verschoben werden. "Wir sehen, dass bei vielen unserer Kunden die Banken sehr restriktiv sind, was Projektentwickler betrifft", sagt Strauss.

Generell seien die Fonds randvoll gefüllt. "Deshalb glaube ich, dass nach einer kurzen Schockphase bis zum Ende des dritten Quartals dieses Jahres die Investionstätigkeit – vielleicht in einem verkleinerten Ausmaß – wieder da sein wird", prognostiziert er. Diese werde sich vielleicht auf Wohnungen verschieben.

"Die öffentliche Hand wird generell an Bedeutung gewinnen", meint Strauss zudem. Sie werde schon deshalb stärker investieren, um die Wirtschaft zu stimulieren. Allerdings würden viele Projekte vom Budget her in den Gesundheitssektor verschoben. Im Verkehrswegebau würden Projekte "punktuell" verschoben. "Aber wir erhalten von den Kommunen auch verstärkt Ausschreibungen", so Strauss.

Dem Quartalsbericht zufolge geht die Porr davon aus, dass in Deutschland trotz schwächerer gesamtwirtschaftlicher Prognosen der Bausektor weiterhin Wachstumsmotor bleibe – zumal der Bundesverkehrswegeplan 2030 in den kommenden Jahren Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur vorsehen.

Insgesamt, so Strauss, werde die Porr gestärkt aus der Krise hervorgehen. Für 2021 und 2022 verfolge das Unternehmen weiterhin das Ziel, auf eine EBIT-Marge von 2 bis 3 Prozent zu kommen, sagt er.

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