Probleme in der Schwerlast-Branche

Geforderte Begleitfahrzeuge machen Logistiker sprachlos

Die Großraum- und Schwertransport-Branche sieht sich zurzeit zahlreichen Problemen gegenüber. Helmut Schgeiner, Geschäftsführer des Bundesverbandes Schwertransporte und Kranarbeiten (BSK), sprach mit ABZ-Volontär Christoph Scholz über die deutsche Infrastruktur und die Tücken bei Genehmigungen und Auflagen.
Nutzfahrzeuge
Helmut Schgeiner. Foto: BSK

ABZ: Herr Schgeiner, können Sie mir zunächst etwas über sich und ihren Verband erzählen?

Schgeiner: Ich bin jetzt seit ziemlich genau zwei Jahren beim BSK als Geschäftsführer tätig. Dort habe ich die Nachfolge von Wolfgang Draaf angetreten, der in der Szene als Gesicht des BSK sehr bekannt war und das fast 40 Jahre lang gemacht hat. Zu meinem Werdegang: Ich habe eine ziemlich umfangreiche Verbände-Historie, das heißt, ich war viele Jahre beim Zentralverband des Deutschen Baugewerbes in Berlin tätig. Zu Beginn meiner Laufbahn war ich dort für den ganzen Bereich des Verkehrswegebaus zuständig. 2012 erfolgte aus familiären Gründen ein Wechsel in den Süden Deutschlands nach Frankfurt am Main. Beim VDMA war ich in den Bereichen Mining sowie Baumaschinen- und Baustoffanlagentechnik für Technik und verschiedene Märkte zuständig. Vor zwei Jahren kam ich dann schließlich zum BSK. Für die Schwergutlogisitik sind ja die wesentlichen auftraggebenden Branchen die Bauwirtschaft und der Maschinen- und Anlagenbau. Daher passte es perfekt, dass ich genau dieses Branchenwissen mitbringen konnte. Seither stellt sich der BSK kontinuierlich neu auf. Aus dem altbekannten Namen "Bundesfachgruppe" Schwertransporte und Kranarbeiten wurde per Beschluss der letzten Mitgliedervesammlung der zeitgemäße "Bundesverband", denn mit "Bundesfachgruppe" kann heutzutage keiner mehr etwas anfangen. Das Kürzel BSK aber ist als Marke erhalten geblieben, das war uns sehr wichtig. Seit dem Frühjahr dieses Jahres treten wir nun als Bundesverband auf, mit entsprechend neuem Logo. Inhaltlich sind wir die alten geblieben, auch wenn wir uns nun etwas zeitgemäßer aufgestellt haben. Wir vertreten auch weiterhin die Interessen der Unternehmen aus den Bereichen Großraum- und Schwertransporte, Kranarbeiten, Montage und Transportbegleitung.

ABZ: Wie viele Mitgliedsunternehmen zählt Ihr Verband zurzeit?

Schgeiner: Wir vertreten rund 500 Unternehmen. Im Vergleich zum gesamten Güterverkehr oder der Logistik decken wir durch die hohe Spezialisierung naturbedingt nur ein kleines Segment ab. Daher gibt es in dieser Branche generell nicht so viele Unternehmen. Ergänzend haben wir auch noch einige ausländische Mitglieder, so dass wir die größte nationale Fachorganisation dieser Art in Europa darstellen.

ABZ: Wo sehen Sie zurzeit die größten Probleme für deutsche Transportunternehmen?

Schgeiner: Im Wesentlichen haben wir aktuell zwei wesentliche Themen. Zum einen die Brücken-Infrastruktur. Es ist wohl niemandem entgangen, dass wir in Deutschland ein großes Problem damit haben. Wobei das Thema ja nicht wirklich neu ist, denn die aufkommende Problematik wurde schon vor 20 Jahren in der Fachwelt diskutiert. In meiner damaligen Zeit in der Bauwirtschaft hatte ich direkt damit zu tun und allen war klar, "da kommt was auf uns zu". Und nach dem Motto "Nichts kommt überraschender als Weihnachten", steht der Bund nun überrascht da und registriert, dass die Brücken in die Knie gehen. Das ist für unsere Branche ein ganz gravierendes Thema, denn es finden ja tagtäglich eine Vielzahl von Transporten im Auftrag der Industrie statt. Die Industrieunternehmen merken nun, dass aufgrund der Einschränkungen bei den Routen viele der langjährigen bewährten Transportketten nicht mehr funktionieren. Dies bedeutet anfangs, das fieberhafte Suchen und Finden neuer, aufwändigerer Transport-Kombinationen und führt am Ende in der Mehrheit zu markanten Kostensteigerungen. Aktuell haben wir das Problem, dass keiner weiß, was morgen noch an weiteren Einschränkungen der Brücken-Nutzbarkeiten kommt. Für die Transportbranche, gerade hier im Schwerlastbereich, ist das ein einziger Horror.

ABZ: Wie gehen die Transportunternehmen damit um?

Schgeiner: Logistik- und Transportunternehmen zeichnen sich ja auch immer durch ihre Flexibilität aus. Zumindest in der Vergangenheit konnten die Unternehmen für die Kunden viel Organisation bei Genehmigungsprozessen und Routenführungen übernehmen, so dass einiges im Sinne des Kunden abgepuffert werden konnte. Dies funktioniert heute leider so nicht mehr. Der Mehraufwand ist immens gestiegen und den Transportunternehmen bleibt oftmals nichts anderes übrig, als die Mehrkosten an den Kunden, also die verladende Wirtschaft, durchzureichen. Und dort hat vor Kurzem das entsetzte Erwachen begonnen, dass die Mehrkosten oftmals von der Industrie zu tragen sind.

ABZ: Sie sprachen eingangs von zwei Problemen. Welches wäre denn das zweite?

Schgeiner: Jeder Großraum- und Schwertransport muss vorab ein Genehmigungsverfahren durchlaufen, weil unser Straßen- und Verkehrswegenetz nur für Standardfahrzeuge vorgesehen ist. Das heißt, dass jede einzelne Fahrt angemeldet werden muss. Dann wird die Route im Detail, also letztendlich über jeden Meter der Fahrstrecke, von den Behörden geprüft. Dieses Genehmigungsverfahren und die Abstimmung mit allen betroffenen Straßenbehörden war schon immer eine organisatorische Herausforderung. Übrigens war das Genehmigungsverfahren schon die Triebfeder zur Gründung des BSK vor jetzt genau 60 Jahren. Man sieht, manche Dinge ändern nicht. Also, das Thema ist weiterhin aktuell wie nie. Doch zurück zu heute: der Verfahrensablauf ist ungemein träge. Verwaltung und Behörden leiden unter technischer Rückständigkeit verbunden mit Fachkräftemangel. Dies führt dazu, dass die Bearbeitungszeiten der Anträge für die Großraum- und Schwertransporte teilweise Monate dauern. Für die Projektpraxis ist dies völlig unzureichend, denn zum Beispiel bei Infrastrukturprojeken braucht man immer auch etwas Spielraum, um flexibel auf Änderungen reagieren zu können, zum Beispiel beim kurzfristigen Ersatz von kaputten Baumaschinen. Da sind wochenlange Wartezeiten für die Transportgenehmigung indiskutabel, denn Verzögerungen im Projektablauf führen immer zu Mehrkosten, die dann von Seiten der Verwaltung natürlich keiner übernehmen will.

ABZ: Sie sagten, das sei schon lange so. Was kann man jetzt noch tun, um das Ganze zu entschärfen oder im besten Fall gleich ganz umzukehren?

Schgeiner: Was die Situation der maroden Brücken angeht: Jedem, der auch nur annähernd ein bisschen Bauverständnis hat, ist klar, dass man diesen Zustand nicht von heute auf morgen ändern kann. Unser Weg ist der, dass wir an die Öffentliche Hand, die Verwaltungen und Behörden appellieren, die Auflagen nicht zu pauschal zu formulieren, sondern vorhandene Spielräume im Prüfverfahren zu nutzen und die Anträge dezidiert zu prüfen. Die Statik kann und will natürlich keiner überlisten, da gibt es nur "hält" oder "hält nicht". Die Transportunternehmen haben zudem schon aus Eigennutz nicht das geringste Interesse daran, die Brücken zu schädigen, denn der nächste Transport kommt bestimmt. Daher unser Appell an die Verwaltung und die Genehmigungsbehörden: Ihr seht überall, wie kniffelig die ganze Situation geworden ist. Nehmt euch bitte die Zeit, die Risiken individuell und dezidiert bei jeder Brücke zu betrachten, um den einen oder anderen Transport doch noch möglich zu machen. Die Deutsche Wirtschaft wird es euch danken. Darüber hinaus ist der Bedarf an Vereinfachungen beim Genehmigungsverfahren omnipräsent. Leider zeigt die Erfahrung, dass bürokratische Prozesse im Laufe der Jahre meist komplexer werden. Dennoch wünschen wir uns deutliche Vereinfachungen in den Verfahrensprozessen.

ABZ: Wie könnte so etwas aussehen?

Schgeiner: Eine zentrale Rolle spielt hier die Plattform VEMAGS, die vor 15 Jahren von der Öffentlichen Hand eingerichtet wurde, um den Antragsprozess zu vereinfachen. Die Hoffnung der deutlichen Vereinfachung der Prozeduren hat sich aber nur zum Teil erfüllt, denn mittlerweile hinkt die Plattform dem Stand der Technik weit hinterher. Im IT-Bereich sind 15 Jahre schon mehrere Zeitalter. VEMAGS müsste daher nochmals komplett neu auflegt werden. Seitens der Wirtschaft wird eine komplett neue Technik-Generation eingefordert. Was Schnittstellen und Datenaustausch angeht sind die Firmen alle digitalisiert, aber dafür ist VEMAGS nicht gewappnet. Weiterhin bedarf eines standardisierten Katalogs an Textbausteinen für die einzelnen Auflagen, damit sprachliche Vorlieben einzelner Sachbearbeiter nicht mehr ausgelebt warden können. Deutschlandweit gibt es eine kunterbunte Vielfalt an Auflagenformulierungen, hier brauchen wir keine Diversity. Ein Transport, der durch verschieden Bundesländer fährt, muss einheitlich behandelt werden. Dem Föderalismus ist es zu verdanken, dass wir hier nur sehr langsam vorankommen.

ABZ: Wie gehen Sie dagegen an?

Schgeiner: Wir haben zum Beispiel eine sehr enge Kooperation mit dem BGL, dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung, mit dem wir gemeinsam das Competence Center Schwergut CCS betreiben. Als vereintes Sprachrohr der Branche artikulieren wir hier deutlich die Bedürfnisse der Schwergutlogistik. Darüber hinaus sind wir aktives Mitglied der Verbändeinitiative Großraum- und Schwertransporte. Hier meldet sich in sehr großem Rahmen die betroffene verladende Wirtschaft zu Wort, da die Problemlagen im Transportbereich ein erträgliches Maß überschritten haben. Daher hat sich jetzt zu Beginn dieses Jahres diese Verbändeinitiative gegründet. Dabei sind der BDI, der Hauptverband der Bauindustrie, der VDMA und eine ganze Reihe weiterer Organisationen aus Wirtschaftsbereichen, die Großraum und Schwertransporte beauftragen.

ABZ: Welche Vorschriften bereiten der Branche denn im Detail Probleme?

Schgeiner: Ein schönes Beispiel ist die Verkehrssicherung bei Großraum- und Schwertransporten. Dort kommen Begleitfahrzeuge zum Einsatz, die zukünftig verstärkt die Aufgaben der Polizei übernehmen sollen. Die Polizei möchte sich bundesweit dieser Aufgabe entledigen. Die Vorbereitungen laufen bereits, die Aufgaben an Private zu übertragen. Leider entstehen dabei neue Maßstäbe, denn Aufwand und Kosten auf Seiten der Privaten spielen für die Verwaltung offenbar keine Rolle. Für die Wirtschaft und am Ende auch für die verladende Industrie wird daraus ein respektables Kostenthema. Die zunehmend in großer Anzahl geforderten Begleitfahrzeuge machen die Logistiker sprachlos. Es bedarf hier einer konstruktiven Partnerschaft zwischen Verwaltung und Wirtschaft. Deshalb ist das auch eine unserer zentralen Forderungen: den Dialogprozess verstetigen und institutionalisieren.

ABZ: Ist die Politik denn überhaupt gesprächsbereit?

Schgeiner: Grundsätzlich ja, aber der Gesprächsfluss ist zäh. Es ist meist einfacher, auf hoher Ebene das grundsätzliche Einvernehmen zu finden. Interessant wird es natürlich dann, wenn es auf Arbeitsebene in die Umsetzung geht. Das sind dann durchaus langwierige Prozesse. In der Verbandsarbeit heißt es daher, lange dran zu bleiben und einen langen Atem zu haben. Dennoch ist die Not der Wirtschaft sehr groß und nicht jedes Unternehmen im Transportsektor hat Atem ohne Ende. Die Zahl der Firmen mit ernsthaften Existenzsorgen steigt. Daher bedarf es mehr Schnelligkeit, um die nötigen Veränderungen in Gang zu bringen.

ABZ: Vielen Dank für das Gespräch.

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