Bauaussichten 2023

Baustoffindustrie vor großen Herausforderungen

Von Roland Meißner, Geschäftsführer Bundesverband Kalksandsteinindustrie
Bundesverband Kalksandsteinindustrie Bauaussichten
Foto: Bundesverband Kalksandsteinindustrie

Die letzten Monate haben uns ebenfalls gezeigt, dass die Energiewende schleunigst vorangetrieben werden muss – das erreichen wir nur mit mutigen eigenen Entscheidungen und politischen Rahmenbedingungen, die nun pragmatisch und zukunftsorientiert geschaffen werden müssen. Dabei werden neue Studien rund um die Recarbonatisierung von zement- und kalkgebundenen Mauersteinen die Erkenntnis voranbringen, dass Gebäude aus Mauerwerk sehr wohl das Potenzial haben, einen eigenen Beitrag zum klimaneutralen Bauen zu leisten.

Realistisch betrachtet, befindet sich die Baubranche im Krisenmodus. Die aktuelle Situation wird von einem Mix der Extreme bestimmt: Steigerungen auf der einen und Knappheit auf der anderen Seite. Dramatisch explodierende Energiekosten ziehen Preissteigerungen bei Roh- und Baustoffen nach sich und treffen auf den fortschreitenden Fachkräftemangel, Lieferengpässe und Materialknappheit. Dreht sich dieses Rad weiter, drohen Insolvenzen in vielen Wirtschaftszweigen. Der Mittelstand, die Stütze der deutschen Wirtschaft, könnte ins Wanken geraten. Die aktuellen Entwicklungen sollten alle dazu bewegen, mit kritischem Blick und mutigen Entscheidungen Neuerungen in Angriff zu nehmen, um gemeinsam diese Krise zu bewältigen.

Hierfür braucht es ein deutliches Bekenntnis und schnelle Entscheidungen der Politik, damit der eingeschlagene Weg nicht in einer Sackgasse endet. Der Gaspreisbremse muss im nächsten Schritt eine Strompreisbremse folgen, um die energieintensiven Industrien zu entlasten. Ebenso müssen Investitionsförderungen auf den Weg gebracht werden, damit die Produktion auf emissionsfreie Prozesse umgestellt werden kann. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wie grüner Wasserstoff ist dringend zu beschleunigen. Nur so sind die notwendigen Transformationen der Baubranche zur Klimaneutralität zu erreichen und ist gleichzeitig der Mittelstand zu sichern.

Einen wesentlichen, von der Öffentlichkeit allerdings noch wenig beachteten Beitrag zu klimaneutralen Gebäuden leistet die Kalksandsteinindustrie schon heute durch den Prozess der Recarbonatisierung. Diese natürliche chemische Reaktion, die Fähigkeit aller zement- und kalkgebundenen Baustoffe, CO2 aus der Umgebungsluft aufzunehmen und dauerhaft zu speichern, ist bewiesen und seit Jahren bekannt.

Allerdings hat dieser Prozess in der Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden bisher keine Berücksichtigung gefunden. Laut einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik IBP und der TU München weist ein typisches Mehrfamilienhaus aus Mauerwerk über einen Lebenszyklus von 80 Jahren eine leicht bessere Ökobilanz auf als ein mit Wandkonstruktionen aus Holz errichtetes Gebäude.

Das CO2-Speicherpotenzial von mineralischen Baustoffen in der Lebenszyklusbewertung muss somit gleichwertig zu anderen Baustoffen betrachtet werden und zu einer technologie- und produktoffenen Bewertung von Baustoffen führen. Wenn die CO2-Speicherung von Kalksandstein angemessen in der Ökobilanzierung von Bauwerken berücksichtigt wird und der Einsatz erneuerbarer Energien gelingt, wird es möglich sein, bis 2045 aus unserem Baustoff treibhausgasneutrale Gebäude zu errichten und somit das erklärte Ziel der Bundessregierung zu erreichen.

Eine besondere Herausforderung stellt der Wohnungsneubau dar. Mit Blick auf die steigende Migration aufgrund des Ukrainekriegs spitzt sich die Situation zusätzlich zu. Schon Mitte des Jahres haben die Zahlen der Zuwanderung das doppelte Niveau des Werts aus dem Jahr der Flüchtlingskrise 2015 erreicht. Wie sollen in Anbetracht der gesamtpolitischen Lage die ambitionierten und nach wie vor geltenden Wohnbauziele der Bundesregierung, jährlich 400.000 bezahlbare und klimaneutrale Wohnungen zu errichten, erreicht werden? Sicher ist, dass die Kalksandsteinindustrie dabei eine bedeutende Rolle spielen wird. Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts zu Baufertigstellungen nach verwendeten Baumaterialien zeigen, dass im Jahr 2021 von 14 483 fertiggestellten Wohngebäuden mit drei oder mehr Wohneinheiten rund 34 Prozent aus Kalksandstein hergestellt wurden. Unsere Produkte liegen damit deutlich vor Stahlbeton, Ziegel oder Holz.

Mit dem Bündnis bezahlbarer Wohnraum hat die Bundesregierung einen Maßnahmenkatalog vorgelegt, der den Prozess durch Investitionen und Innovationen beschleunigen soll. Vor dem Hintergrund, dass aktuell fast 50 Prozent aller geplanten Bauprojekte im Ein- und Zweifamilienhausbau storniert wurden, ist das eindeutig zu wenig, um den Wohnungsbau dynamisch und effizient voranzubringen. Es müssen dringend Maßnahmen umgesetzt werden, um die rückläufige Bautätigkeit abzufedern und energetische Modernisierungen voranzutreiben.

Es bedarf deutlich attraktiverer Fördersätze, um gleichermaßen das nachhaltige Bauen und den Neubau voranzubringen. Der steigende Bedarf an bezahlbaren Mietwohnungen, besonders in Großstädten mit angespannten Wohnungsmärkten, verlangt nach weiteren Instrumenten – beispielsweise zusätzliche steuerliche Anreize für den Mietwohnungsbau in Form einer Sonderabschreibung. Zusätzlich ist es notwendig, bei Komplettsanierungen auch den erstrebenswerten Effizienzhausstandard (EH) 100 wieder förderfähig zu machen und die Fördersätze für EH 85 bis EH 40 wieder auf das ursprüngliche Niveau anzuheben.

Um den massiven Konjunktureinbruch einer gesamten Branche zu vermeiden und Fachkräfte zu halten, muss dem dramatischen Rückgang der Neubautätigkeit dringend entgegengesteuert werden. Ein Neustart der Neubauförderung erst im März 2023 ist daher nicht akzeptabel und würde das Desaster aus dem laufenden Jahr nur fortsetzen. Ungeachtet des aktuellen politischen Unvermögens, sichere und planbare Konditionen für die nächsten Jahre zu definieren, möchte die Kalksandsteinindustrie auch in den folgenden Jahren verlässlich ihre Marktposition behaupten: nachhaltig im ökologischen und ökonomischen Sinne. Mit Kalksandstein ist schon heute energieeffizientes und ressourcenschonendes Bauen möglich: regional verfügbar, werden lange Transportwege und Abhängigkeiten von nicht kalkulierbaren Lieferketten vermieden. Das spart Kosten und stärkt die deutsche Wirtschaft. Zudem bietet sich Kalksandstein als Material für serielles Bauen dank digitaler Konfektionierung und automatisierter Prozesse an.

Automatisierung und Digitalisierung sind wichtige Aspekte für eine zukunftsfähige und produktive Bauweise und bleiben auch in Zukunft die Forschungsfelder, mit denen die Kalksandsteinindustrie zur Transformation der Baubranche beitragen wird. Die Bauautomatisierung bietet enorme Potenziale, die wir dringend nutzen müssen. Als aktuell erfolgreiches Vorhaben gilt die Seilrobotertechnologie für den Mauerwerksbau. Sie steht exemplarisch für eine technische Entwicklung, die einen nachweislichen Nutzen für den Mittelstand im Bauwesen liefert und dem voranschreitenden Fachkräftemangel im Bauhandwerk entgegenwirken kann. Sie sichert zudem eine schnellere und sichere Verarbeitung auf den Baustellen und stärkt damit die Wettbewerbsfähigkeit mittelständischer Unternehmen.

Aktuell sieht sich die Kalksandsteinindustrie, wie die gesamte Baubranche, einem scheinbar unüberwindbaren Paradox gegenüber: Der Bedarf an Wohnraum ist größer denn je, aber die Baugenehmigungen sind – aus den bekannten und vielfältigen Gründen wie steigende und schwer kalkulierbare Materialkosten, zunehmender Fachkräftemangel sowie weiter kletternde Bauzinsen und Energiekosten – stark rückläufig.

Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen erwartet die Kalksandsteinindustrie daher im Baujahr 2023 einen deutlichen Rückgang der Absatzmenge bis hin zu einem zweistelligen Bereich – bei teils erheblichen regionalen Unterschieden. Dies wird einhergehen mit einem entsprechenden Rückgang der Produktionsmenge. Der Ausblick in das neue Jahr scheint also noch ungewisser als je zuvor; aber wir bleiben dank des unermüdlichen Einsatzes aller Beteiligten, die notwendigen Prozesse gemeinsam voranzutreiben, zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind, die Kalksandsteinindustrie weiter zukunftsfähig zu machen.

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Ausblick – Baujahr 2023

Nachdem das Jahr 2021 die Branche mit der Pandemie und Lieferkettenproblemen bereits vor Herausforderungen gestellt hatte, bedeutete der Beginne des Ukraine- Kriegs im Februar 2022 eine Zäsur, die bis heute fortwirkt. Energieknappheit, Preisexplosionen, Klimaschutzvorgeben und ein Rückgang der Nachfrage im Wohnungsbau stellten neue Aufgaben und verunsicherten Unternehmen und Manager.

Der erfolgreiche Verlauf und der bauma 2022 zum Jahresabschluss konnte dagegen den positiven Akzent setzen, auf den viele gehofft hatten und der sich zuvor angedeutet hatte – Baumaschinenhersteller berichteten durch die Bank von übervollen Auftragsbüchern. In den nun folgenden Bauaussichten 2023 spiegelt sich die Ambivalenz der aktuellen Entwicklungen wider: Verbände und Experten sind sich einig, dass die Entwicklung der Bauwirtschaft in diesem Jahr eine Delle verzeichnen wird, Hersteller sehen die Herausforderungen des Marktes und nehmen sie tatkräftig an. Trotz aller Widrigkeiten, zu denen auch der permanente Fachkräftemangel zählt, überwiegt eine positive Grundhaltung und die Gewissheit, dass die Baubranche die vor ihr liegenden Aufgaben als wichtigste Stütze der Wirtschaft schon stemmen wird.

Das Signal, das alle Teilnehmenden der Bauaussichten 2023 in den Markt senden, wird dominiert von Stärke und Kontinuität. Dieser gemeinsame Nenner wirkt wie ein Schulterschluss, der die Branche auszeichnet und der anderen als Vorbild dienen kann.

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