Längste Personenumlaufbahn Deutschlands

Seilbahnstation aus Glas und Holz bietet Fahrgästen freien Blick in die Berge

Oberstdorf (ABZ). – Über 90 Jahre lang fuhr die Nebelhornbahn in Oberstdorf zahlreiche Gäste zu zwei Stationen in den Bergen. Zuletzt war sie jedoch dem steigenden Zustrom an Fahrgästen nicht mehr gewachsen und musste durch eine neue ersetzt werden. In diesem Zusammenhang wurde auch die Talstation neu gestaltet. Beim wichtigsten Anlaufpunkt – dem Bahnhof – legten die Planer großen Wert auf Transparenz. Sie entschieden sich für gebogenes Verbundsicherheitsglas von Glas Marte.

Die Nebelhornbahn in Oberstdorf war jahrelang die längste Personenschwebebahn Deutschlands. 2020 wurde sie abgerissen und durch eine moderne 2-Seil-Umlaufbahn ersetzt, die dank wesentlich kleinerer Kabinen jedem Fahrgast einen ungetrübten Ausblick ermöglicht. Jetzt befindet sich in Oberstdorf die längste Personenumlaufbahn Deutschlands! Die Baumaßnahmen waren erforderlich geworden, weil die alte Bahn dem hohen Fahrgastaufkommen nicht mehr gewachsen war. Die Passagiere mussten regelmäßig bis zu einer Stunde und mehr anstehen, um auf ihre Beförderung zu warten. Dies hat jetzt ein Ende. Denn die Zahl der Gäste, die mit der Bahn fahren können, hat sich von 600 auf 1200 pro Stunde verdoppelt.

Mit der Planung der neuen Bahn wurde das Büro HK Architekten (Hermann Kaufmann + Partner ZT GmbH) beauftragt. Es hatte einige Jahre zuvor bereits das Gipfelrestaurant der Nebelhornbahn realisiert. Bei ihrem Konzept legten die Planer nicht nur Wert auf eine gelungene Architektur, sondern auch darauf, dass sich die neue Bahn städtebaulich in die Gemeinde Oberstdorf einfügt. Aus diesem Grund entschieden sie sich gegen einen einzigen großen Baukörper, sondern brachten die Funktionen – Shop, Verwaltung und Seilbahnbahnhof – in drei verschiedenen Objekten unter.

Dies brachte gleich zwei Vorteile mit sich: Erstens wurde durch die gekonnte Gebäudeanordnung ein Platz geschaffen, auf dem sich Einheimische und Touristen aufhalten können. Und zweitens trat durch die kleinteiligen Baukörper ein historisches Haus wieder ins Blickfeld, das bisher hinter der alten Seilbahnstation versteckt war. Diese musste abgerissen werden, da die neue Bahn genau dem gleichen Streckenverlauf zu folgen hatte wie die alte. Hier gilt ein Überfahrungsrecht.

Der Bahnhof hat eine Grundfläche von 10 x 48 m und wird von 78 parabelförmig geformten Holzbindern mit einer Höhe von 12 m umschlossen. Stefan Hiebeler, der verantwortliche Architekt des Projektes, sagt hierzu: "Ursprünglich wollten wir diese Konstruktion mit einer Membran überdachen. Doch bald stellte sich heraus, dass dies aufgrund des Schallschutzes nicht möglich war." Die Seilbahn ist beim An- und Abfahren relativ laut. Dieser Geräuschpegel muss vom Gebäude mindestens in gewissem Maß abgefangen werden. Die Membran ist dazu nicht in der Lage. Aus diesem Grund gingen die Planer dazu über, die Verkleidung aus Glas zu fertigen, und setzten sich mit einem deutschen Hersteller in Verbindung. Dessen Angebot sprengte jedoch preislich den Rahmen, woraufhin die Architekten mit Glas Marte in Kontakt traten. Die Spezialisten des Bregenzer Unternehmens berieten die Architekten ausführlich.

Denn die besondere Schwierigkeit des Projektes lag darin, dass das Glas die Parabelform der Stützen aufnehmen und dementsprechend gebogen sein muss. Dies löste Glas Marte mit zwei verschiedenen Formgebungsverfahren. Je nachdem, welche Krümmung erforderlich war, wurde das Glas kalt oder warm gebogen.

Da das Unternehmen in der Lage ist, das Kaltform- oder Laminationsbiegeverfahren selbst durchzuführen, kann es diese Elemente kostengünstig anbieten und je nach gewünschtem Zeitpunkt liefern. Hierbei werden die einzelnen Glasscheiben des Verbundsicherheitsglases zu einem Scheibenstapel zusammengelegt und mithilfe einer speziellen Biegevorrichtung in Form gezwängt. Anschließend wird der Scheibenstapel durch Druck in einem gasdicht verschließbaren Behälter dauerhaft miteinander verbunden.

Allerdings war zum Einsatz dieses Glases bei der Oberstdorfer Bahnstation der Nachweis im Einzelfall erforderlich. Er wurde über die Zulassungsstelle in München erteilt. Hierfür und damit sich alle Baubeteiligten ein reales Bild vom Ergebnis machen können, fertigte Glas Marte ein 1:1-Modell von zwei Stützenfeldern. Dieses überzeugte die Verantwortlichen, woraufhin das Unternehmen den Auftrag bekam, die Elemente zu liefern und am Gebäude anzubringen.

Doch auch bei der Montage erwies sich die Parabelform als tückisch, denn durch sie konnte die Befestigung der Elemente nur teilweise von einem Laufgerüst aus stattfinden. Einige Flächen waren von da aus einfach nicht zugänglich, weshalb besondere Arbeitsbühnen erforderlich waren. Und auch mit deren Hilfe erwiesen sich einige Stellen als unerreichbar. Deshalb mussten speziell im Klettern ausgebildete Monteure die Befestigung der Glaselemente durchführen, die teilweise 2,4 x 5,5 m groß waren und ein Gewicht von bis zu 500 kg hatten. Dabei galt ein straffer Zeitplan, aufgrund dessen die Glas-Marte-Mitarbeiter sowohl im eisigen Schnee als auch unter sengender Sonne arbeiten mussten. Doch auch bei der Planung des Gebäudes selbst spielten die Themen Hitze und Schnee eine große Rolle.

Da die Bahnhofstation vollständig aus Glas besteht und keinerlei Verschattung vorgesehen ist, befürchteten die Planer, dass es im Sommer zum Hitzestau kommt. Zwar zieht ein Großteil der Wärme in dem 12 m hohen Innenraum nach oben ab, dennoch entschieden sich die Verantwortlichen dafür, im oberen Bereich Lüftungselemente zu installieren. Durch sie gelangt die Wärme ins Freie.

Zudem wurde eine Scheibe des Verbundsicherheitsglases grün durchgefärbt, was die Sonneneinstrahlung bereits von vorneherein reduzieren soll und das ungewöhnliche Erscheinungsbild des Gebäudes zusätzlich unterstreicht. Da in Oberstdorf auch mit erhöhter Schneelast zu rechnen ist, entschieden sich die Planer, alle Gläser in einer Stärke von 10 mm auszuführen.

Die Bauarbeiten zu der Seilbahnstation begannen im April 2020. Für die gesamte Bauzeit war vorgesehen den Bahnbetrieb einzustellen. Die Planer hatten dabei allerdings nicht mit Corona gerechnet, aufgrund dessen die Bahn ohnehin nicht in Betrieb genommen werden konnte. Im März 2021 war sie fertiggestellt und durfte im April erstmalig genutzt werden – pünktlich zu dem Zeitpunkt, an dem die Pandemie-Schutzmaßnahmen gelockert wurden.

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