Die Gesellschaft verändert sich – der Bau ist dabei

von: Peter Hübner, Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie
Die Tinte unter dem Koalitionsvertrag ist noch nicht trocken, die Bundesministerien richten sich ein. Eines lässt sich aber jetzt schon ganz selbstbewusst sagen: Die neue Bundesregierung kommt am Bau nicht vorbei. Die Zeiten, in denen die Branche als lästiges "Anhängsel" eines anderen Ministeriums galt, sind vorbei.
HDB Hauptverband der Deutschen Bauindustrie

Viele Kernforderungen haben SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP umgesetzt – 2022 wird also ein Schlüsseljahr. Das neue, eigenständige Bundesbauministerium unterstreicht die Bedeutung, die wir bau-, aber auch gesellschaftspolitisch haben. Denn: Der Bau war und ist die Stütze der deutschen Volkswirtschaft. Wir sind die Konjunktur-Lokomotive: Unsere 900.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben unter erschwerten Bedingungen im Jahr 2020 einen Umsatz von 143 Milliarden Euro erwirtschaftet.

So sieht es auch für 2021 aus: Das vergangene Jahr war durch eine konjunkturelle Sondersituation geprägt. Während die Aufträge im Bauhauptgewerbe deutlich zulegten, wurde die Produktion durch Mangel und starke Preissteigerung bei Baumaterial gebremst. So meldete zum Jahresende immer noch jedes dritte Bauunternehmen eine Behinderung seiner Produktion aufgrund von Materialknappheit.

Nach dem starken Baujahr 2020 gab es daher 2021 eine Stabilisierung der Bauproduktion auf hohem Niveau. Nominal legten die baugewerblichen Umsätze im deutschen Bauhauptgewerbe minimal zu, preisbereinigt bedeutet dies allerdings einen realen Rückgang in der Größenordnung von 6 Prozent. Vor allem im öffentlichen Bau konnte das hohe Niveau des Jahres 2020 nicht gehalten werden.

Der Wirtschaftsbau hat sich – entgegen den Erwartungen – auch im vergangenen Jahr gut behauptet. Die befürchtete Investitionszurückhaltung weiter Teile der Wirtschaft aufgrund der schlechten Geschäftsergebnisse des Jahres 2020 ist glücklicherweise nicht eingetreten. Basierend auf positiven Baugenehmigungszahlen stieg der Auftragseingang im gewerblichen Bau in den ersten drei Quartalen des Vorjahres deutlich, womit die Basis für eine steigende Produktion im Laufe des Jahres gelegt ist. Zudem gehen wir für das neue Jahr von einem stärkeren Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Leistung aus. Im Vertrauen auf die damit verbundene Nachfrage dürfte die Investitionsneigung der Unternehmen auf hohem Niveau bleiben. Besonders dynamisch ist die Entwicklung im immer wichtigeren Segment der Lagergebäude. Der boomende Online-Handel benötigt dringend weitere Flächen.

Lediglich im öffentlichen Bau sind unsere Erwartungen gedämpft. Die neue Bundesregierung hat noch keinen Haushaltsentwurf vorgelegt, daher ist noch nicht absehbar, ob das hohe Investitionsniveau im Verkehrswegebau tatsächlich gehalten werden kann. Die Ampel-Koalition hatte sich zumindest dazu bekannt. Besondere Sorgen bereitet uns die Investitionstätigkeit der Gemeinden. Die kommunalen Spitzenverbände gehen für das neue Jahr von einem deutlichen Rückgang der kommunalen Bauinvestitionen aus. Es tut sich eine immer größere Kluft zwischen den "reichen" und "armen" Kommunen in Deutschland auf. Viele Gemeinden sind ohne die Hilfe des Bundes oder des Landes nicht in der Lage, die notwendigen Investitionen zu stemmen.

Der Wohnungsbau hat sich bislang von der Coronakrise vollkommen unbeeindruckt gezeigt. Die Lockdowns sowie der Trend zum Homeoffice haben die Nachfrage nach Wohnraum eher noch beschleunigt. Zudem besteht in den Ballungsgebieten und ihrem Umland nach wie vor eine deutliche Übernachfrage nach Wohnraum, die nur durch verstärkte Neubauaktivitäten behoben werden kann.

Nach einer kurzen "Verschnaufpause" im vergangenen Jahr, die vor allem durch Materialmangel hervorgerufen wurde, werden die Aktivitäten im laufenden Jahr wieder deutlicher zulegen. Nachdem 2021 etwa 310.000 Wohnungen fertiggestellt wurden, gehen wir für das neue Jahr von einer Zunahme auf 320.000 Einheiten aus.

Das Ziel der Ampel von 400.000 Wohnungen pro Jahr ist daher ambitioniert. Zwar haben wir unsere Kapazitäten aufgestockt – und werden uns darauf einrichten. Es werden aber auch neue Konzepte und Methoden sowie veränderte Rahmenbedingungen notwendig sein. Vor allem das serielle und modulare Bauen trägt dazu bei, schnell bezahlbaren Wohnraum zu realisieren. Damit serielles Bauen aber bundesweite einheitlich funktioniert, sind eine Harmonisierung der Landesbauordnungen sowie Typengenehmigungen notwendig.

Wir gehen optimistisch in das neue Baujahr 2022: In den ersten drei Quartalen des Vorjahres legte der Auftragseingang im Bauhauptgewerbe nominal um immerhin 8 Prozent zu, der Auftragsbestand erreichte Ende September mit einem Volumen von 64 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert, auch die Baugenehmigungen im Jahresverlauf zeigen keine Schwächetendenz.

Für das gesamte Bauhauptgewerbe erwarten wir 2022 ein nominales Umsatzwachstum von 5,5 Prozent. Die Preisentwicklung veranschlagen wir mit etwa 4 Prozent. Dies bedeutet dann einen guten realen Zuwachs von 1,5 Prozent. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt, wo wir einen weiteren Aufbau unserer Belegschaften um 10.000 auf dann 915.000 Beschäftigte in unsere Prognose einstellen.

Eines muss klar sein: die Herausforderungen in 2022 und in den kommenden vier Jahren erfordern ein hohes Maß an Kooperation.

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Denn wir brauchen langfristig Verstärkung in der Branche. Die Themen, die wir über 2021 hinaus vor der Brust haben, werden den Bau besonders fordern. Darauf müssen wir uns einstellen.

Die Bauwirtschaft bekennt sich zu den Klimaschutzzielen und ist bereit, ihren Teil dazu beizutragen, diese Ziele auch zu erreichen. Der Gebäudesektor ist mit einem Anteil von rund 40 Prozent an den Emissionen deutschlandweit ein Schlüsselsektor für den Klimaschutz. Der Bausektor selbst trägt hierzu allerdings lediglich 3 Prozent bei, der überwiegende Anteil wird durch Gebäudenutzung (Kälte/Wärme) verursacht. Deshalb wird es gerade bei Bestandsgebäuden notwendig sein, mit ganzheitlichen Sanierungskonzepten die Herausforderungen des Klimaschutzes im Gebäudebereich zu adressieren und zu lösen.

Für das Verständnis von Klimaschutz und Bau ist zudem eines wichtig: Wir stellen kein Produkt her, wir verkaufen eine Dienstleistung. Anders als viele andere Sektoren kommen wir ins Spiel, wenn der Auftrag schon durchgeplant ist, Stellschrauben bereits gesetzt sind. Wir bauen, was bestellt wird. Das bedeutet: Auch der Auftraggeber muss klimafreundlich denken.

Für das Gelingen der dringend notwendigen Mobilitätswende ist es richtig, die Investitionen in alle Verkehrsträger zu stärken. Dieses Bekenntnis der Koalitionäre begrüßen wir. Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Verlagerung von Verkehren auf die Schiene tragen wir mit. Eine starke Schiene darf dabei aber nicht zu Lasten der Straße gehen. Auch E-Autos benötigen Straßen. Und sie brauchen auch eine vernünftige Ladeinfrastruktur – sowohl in Form stationärer Ladesäulen als auch neue Technologien, um etwa Fahrzeuge während der Fahrt über Oberleitungen oder induktive System in der Straße zu laden.

Die gute Theorie hilft nix, wenn es keine baureifen Projekte gibt. Ein Muss für die ersten 100 Tage der Koalition sind: ein Maßnahmenpaket zur Planungsbeschleunigung und mehr Tempo bei der Digitalisierung. Nicht nur der Koalitionsvertrag hat beiden Themen ein besonderes Gewicht verliehen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich persönlich im Wahlkampf zurecht für Planungs-beschleunigung und eine Digitalisierungsoffensive gerade in der Verwaltung aus-gesprochen. Wir sind daher hoffnungsfroh und können nur begrüßen, dass an einem entsprechenden Sofortprogramm bereits gearbeitet werde.

Eines muss klar sein: die Herausforderungen in 2022 und in den kommenden vier Jahren erfordern ein hohes Maß an Kooperation. Innerhalb der Wertschöpfungskette, zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer sowie zwischen Politik und Wirtschaft. Der Bau kann dabei eine zentrale Management-Rolle einnehmen.

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