Kommentar

Dumm gelaufen

von: Kai-Werner Fajga

Manchmal muss man sich bei aktuellen Pressemeldungen tatsächlich die Augen reiben und fragen, ob das Gedruckte wirklich Ernst gemeint ist. "Deutsche Post und DHL auf dem Weg zu null Emissionen" titelte der größte Brief- und paketbeförderer Deutschlands Ende April und gab an, dass man, um dieses Ziel zu erreichen, "20 Prozent der Pakete per Bahn" befördern wolle. Immerhin könne ein Güterzug mit rund 100.000 Paketen 35 Lastwagen ersetzen, schätzte ein Experte. Das hört sich super an, weshalb ein kurzer Rückblick erlaubt ist: Die Deutsche Post AG stellte zum 31.Mai 1997 die Briefpostbeförderung mit der Bahn in Deutschland nach 148 Jahren ein, man hatte Mitte der 90er-Jahre Brief- und Frachtpostzentren an Autobahnen gebaut. Nur wenige Paket-Güterzüge verblieben danach auf der Schiene. Die Bahn war zu langsam, zu unflexibel, zu teuer und sei nicht in der Lage gewesen "regelmäßige Fahrplantrassen" anzubieten. Für alle nach 1997 Geborenen: Die Post hatte seinerzeit in jeder Großstadt nicht nur Postämter, sondern auch eigene Post-Bahnhöfe, die nun aufgegeben wurden. Sprich: es wurde verkauft und abgerissen. Auch die Deutsche Bahn AG sprang auf diesen Infrastruktur-Vernichtungszug auf, indem sie 2001 ihr "marktorientiertes Angebot" (MORA C) für den Güterverkehr verkündete. Es bedeutete die Aufgabe des Güterverkehrs in der Fläche, die Kündigung hunderter Gleisanschlüsse und die Stilllegung riesiger Rangierbahnhöfe in der ganzen Republik. Auch hier waren Verkauf und Abbruch die Folge, die Verkehrspolitik interessierte sich nicht für die (Flächen)-Ressourcen oder eine nachhaltige Steuerung der Verkehrsströme, und die Bahn wollte im Güterverkehr am liebsten nur Großkunden mit Ganzzügen befördern. Heute will die Post also "langfristig" 20 Prozent ihrer Pakete per Bahn befördern – aktuell sind es 2 Prozent. Und Verkehrsminister Scheuer frohlockt: "Die Schiene ist Transportmittel, Klimaschützer, Wirtschaftsmotor und Innovationstreiber in einem." Wird also jetzt alles gut mit Post und Bahn? Und für den Güterverkehr auf der Schiene überhaupt? Fakt ist: seit dem MORA-C-Damoklesschwert hat die DB AG rund 3600 Kilometer Schienenstrecken stillgelegt. Zwar wurden 800 Kilometer mittlerweile reaktiviert, doch Neubau-Strecken lassen sich an einer Hand abzählen, Ausbauten für Entlastungsstrecken ebenso. Reichen die Rekord-Investitionen der Bahn aus, um Unterbliebenes der letzten 30 Jahre zu kompensieren, gar neue Kapazitäten zu schaffen? Der Güterverkehr in Deutschland hat nach Angaben des Bundesumweltministeriums allein von 2000 bis 2016 um 87 Prozent zugenommen. In diesem Zeitraum "gelang" es auch den Verwaltern der Bundesimmobilien, nahezu alle Großstadt-nahen Flächen ehemaliger Post-, Güter- oder Rangierbahnhöfe an Meistbietende zu verkaufen und zu überbauen. Verkehrsplanung und -steuerung? "Langfristig" findet sich da bestimmt eine Lösung.

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