Interview mit Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden (bbs)

Die Talsohle ist noch nicht erreicht

Die Baustoff-Steine-Erden-Industrie durchlebt momentan eine schwere Zeit. Dr. Matthias Frederichs, Hauptgeschäftsführer des bbs, sprach mit ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga über die größten aktuellen Herausforderungen.
Verbände
Dr. Matthias Frederichs ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden (bbs). Foto: Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden

ABZ: Herr Dr. Frederichs, wie würden Sie die aktuelle Lage der Baustoffindustrie skizzieren?

Frederichs: Es droht Stillstand. Bereits letztes Jahr kam es in der Baustoffindustrie zu Produktionsrückgängen von rund 5 Prozent. Von Januar bis Mai 2023 sind es Minus 13 Prozent, wobei es mit jedem einzelnen Monat schlimmer wurde. Im Mai betrug der durchschnittliche Rückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum 18 Prozent. Einzelne Teilbranchen verzeichnen sogar Rückgänge von bis zu 40 Prozent. Bei der Umsatzentwicklung sieht es sogar noch gravierender aus, hier haben einzelne Branchen die Minus-50-Prozent-Marke im Mai überschritten. Bei den Auftragseingängen im Bauhauptgewerbe sind es ebenfalls weiterhin zweistellige Rückgänge – ein eindeutiger Indikator, dass die Talsohle noch nicht erreicht wurde.

ABZ: Wie beurteilen Sie die aktuelle Marktentwicklung?

Frederichs: Die Entwicklung war, wenn auch nicht in dieser Härte, bereits seit letztem Jahr absehbar. Eine gedrosselte Produktion ist in vielen Betrieben mittlerweile eher Regel als Ausnahme. Insolvenzen und Werksschließungen werden immer wahrscheinlicher. Nun ist die Herstellung von mineralischen Baustoffen kein Selbstzweck, sondern dient der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, der Modernisierung der Infrastruktur und, mit Blick etwa auf den Ausbau der Erneuerbaren Energien, dem Erfolg der Energiewende. Alle diese gesamtgesellschaftlichen Ziele geraten zunehmend ins Hintertreffen, wenn wir nicht gegensteuern.

ABZ: Welche Rahmenbedingungen haben aus Ihrer Sicht einen Einfluss auf diese Entwicklung?

Frederichs: Bauen ist leider in mehrfacher Hinsicht teurer geworden. Die Bauzinsen haben sich in den letzten 18 Monaten verdreifacht. Inflation und steigende Energiekosten haben zu unvermeidbaren Preissteigerungen geführt. Parallel wurden die Förderbudgets im Baubereich deutlich gekürzt, sodass zum Beispiel große Wohnungsbauunternehmen ihre geplanten Neubauprojekte auf Eis gelegt haben. Für die Modernisierung der Infrastruktur stehen zwar Rekordmittel bereit, die aber real kurzfristig von der Inflation eingeholt werden. Selbst der Sanierungsmarkt ist – auch durch die erhebliche Verunsicherung im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Gebäudeenergiegesetzes – stark rückläufig.

ABZ: Was sehen Sie als Ursachen für diese Entwicklungen an?

Frederichs: Die Bundesregierung ist mit dem Anspruch angetreten, bezahlbares und nachhaltiges Bauen gemeinsam zu denken. Das heißt, viele neue Wohnungen bauen und den Bestand sanieren. Dieser korrekte Ansatz ist in der Praxis krachend gescheitert. Zwar muss man die Budgets für den sozialen Wohnungsbau loben, aber das war es dann auch. Deutschland hatte vorher schon im europäischen Vergleich mit die höchsten Baunebenkosten, was zumindest teilweise durch gut gefüllte Fördertöpfe ausgeglichen werden konnte. Nun haben wir immer noch die hohen Nebenkosten, aber viel zu kleine Förderbudgets, mit denen zudem immer anspruchsvoller gebaut werden soll. In der Konsequenz wird weniger saniert und weniger neugebaut. In der jetzigen Situation ist weder dem gesellschaftlichen Zusammenhalt noch dem Klimaschutz geholfen. Wenn wir so weitermachen, werden 2025 übrigens die wenigsten Wohnungen seit der Baukrise 2009 fertiggestellt – und dass bei einer wachsenden Bevölkerung und vielerorts bereits bestehender Wohnungsnot.

ABZ: Was sind für Ihre Mitgliedsunternehmen aktuell die größten Herausforderungen?

Frederichs: Für die Unternehmen ist es eine Kraftanstrengung, die in den letzten Jahren mühsam gewonnen Fachkräfte halten zu können. Immerhin sprechen wir allein bei der Baustoffindustrie, also ohne nachgelagerte Branchen wie das Bauhauptgewerbe, von rund 150.000 Beschäftigten. Parallel dürfen wir als teilweise energieintensive Industrie unsere Transformation hin zur Klimaneutralität nicht vernachlässigen. Doch zur Modernisierung von Werken und Produktionsprozessen braucht es mittelfristig viel Kapital, welches mit sinkenden Umsätzen zunehmend schwieriger erwirtschaftet werden kann.

ABZ: Wie können diese Probleme nach Ansicht des bbs gelöst werden?

Frederichs: Die Politik muss Industrie und Bauherren erst einmal wieder Luft zum Atmen lassen. Es braucht daher ein Moratorium für Produktion und Anwendung. Im Zuge der Energiekrise, die übrigens bei Weitem nicht gelöst ist, hatte sich die Regierung bereits auf ein Belastungsmoratorium für die deutsche Industrie geeinigt. Knapp ein Jahr später scheint davon keine Rede mehr zu sein: Der Spitzenausgleich bei der Stromsteuer soll gestrichen werden, mit dem Energieeffizienzgesetz wartet ein riesiger bürokratischer Aufwand auf die Unternehmen und der CO2-Preis soll um 50 Prozent steigen. Anwendungsbezogen ist eine weitere Verschärfung des Neubaustandards geplant. Derartige Vorhaben sollten erst einmal zurückgestellt werden. Dann entsteht Planbarkeit für Bauherren, die Nachfrage wird angekurbelt und der Bausektor hat die Chance seiner sozialen Verantwortung, nämlich der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, wieder besser gerecht zu werden.

ABZ: Die Bunderegierung hat ihre Klimaziele bezüglich dekarbonisierter Produktionen in allen Betrieben bis 2045 gesetzt. Wie wollen die bbs-Mitgliedsbetriebe die eigene Transformation vorantreiben?

Frederichs: Den Betrieben ist ihre Verantwortung beim Klimaschutz bewusst und dementsprechend wird die Transformation mit allen Mitteln vorangetrieben. Die besonders energieintensiven Zweige unserer Branche haben bereits vor einigen Jahren Roadmaps veröffentlicht, wie eine vollständig dekarbonisierte Produktion im Einklang mit den Klimazielen erreicht werden kann. Dazu braucht es neben guten Marktbedingungen ausreichend bezahlbare grüne Energie und einen rechtskonformen Weg zur CO2-Abscheidung und Speicherung. Förderprogramme und Klimaschutzverträge könnten ebenso wie die jetzt im Bundesfinanzministerium erarbeiteten Superabschreibungen bei der Transformation behilflich sein, um Mehrkosten temporär auszugleichen.

ABZ: Können die Betriebe dieses Ziel überhaupt erreichen?

Frederichs: Selbstverständlich. Die Unternehmen strotzen nur so vor Innovationskraft, um die Energieeffizienz kontinuierlich zu steigern. Es gibt bei uns im Verband sogar ein Energieeffizienznetzwerk in dessen Rahmen sich Unternehmen zu Best Practices für mehr Umwelt- und Klimaschutz austauschen.

Am Ende hängen wir aber an den Rahmenbedingungen, die uns von politischer Seite gesetzt werden.

ABZ: Wie beurteilt der bbs die aktuelle Praxis der Planungs- und Genehmigungsverfahren in Bezug auf die Gewinnung heimischer Rohstoffe?

Frederichs: Die Entscheidungsfreude in den regionalen Genehmigungsbehörden hat über die vergangenen Jahrzehnte leider immer weiter abgenommen. Rohstoffbezogene Genehmigungsverfahren sind heute von einer mehrjährigen Unsicherheit geprägt. Der Koalitionsvertrag sieht eigentlich eine erhebliche Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren vor. Diese wird aber seit Monaten vom Umweltministerium blockiert. Es braucht dringend Stichtagsregelungen und zudem sollte geprüft werden, ob die materielle Präklusion wieder eingeführt werden kann. Das Thema Rohstoffe ist zwar seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine grundsätzlich präsenter, dabei wird die heimische Rohstoffsicherung aber weitestgehend ausgeblendet. Doch wer sich für Bauen und Wohnen entscheidet, kann dies nur mit heimischen Rohstoffen auch realisieren.

ABZ: Wie bewertet der Verband die Diskussion um qualitätsgeprüfte Sekundärbaustoffe?

Frederichs: Mehr Ressourceneffizienz ist neben Dekarbonisierung und Biodiversität eines von drei zentralen Nachhaltigkeitsthemen unserer Branche. Wir unterstützen deshalb seit Jahren, das abfallrechtliche Ende von qualitätsgeprüften Sekundärbaustoffen klar zu definieren, um damit letztlich auch die dringend benötigte Akzeptanz in der Bevölkerung zu steigern. Doch statt Sekundärbaustoffe zu stärken, zielen politische Vorhaben eher darauf ab, Primärrohstoffe mit Quoten und Abgaben zu benachteiligen. Dabei brauchen wir alleine schon aufgrund der Verfügbarkeiten ein kluges Zusammenspiel aus so vielen Primärbaustoffen wie nötig und so vielen Sekundärbaustoffen wie möglich.

ABZ: Werfen wir einen Blick in die Zukunft – wie wird sich die Baustoffindustrie in den kommenden fünf Jahren entwickeln?

Frederichs: Wir haben jüngst unser 75-jähriges Verbandsjubiläum gefeiert und den Anlass genutzt, unsere Historie genauer anzuschauen. Die Baukonjunktur ist stets eine Achterbahnfahrt und nach einem Tief kommt wieder ein Hoch. Mit der richtigen politischen Flankierung bin ich überzeugt, dass wir deutlich vor 2028 die aktuelle Krise bewältigt haben. Wenn Sie mich fragen, wie die Branche sich in den kommenden 25 Jahren entwickelt, ist die Antwort eindeutig: Bis dahin werden wir vollständig klimaneutral sein.

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