Umdenken im Denkmalschutz

Kunst am Bau aus der DDR ist in vielen Städten wieder gefragt

von: Birgit Zimmermann
Leipzig – Ob Kindergärten, Schulen, Betriebskantinen oder Prestigebauten: Ein fester Anteil der Baukosten in der DDR war für die Kunst am Bau reserviert, erst 2 Prozent und später 0,5 Prozent. Nach dem Mauerfall verschwand eine Reihe dieser oft monumentalen Werke. Doch unterdessen schauen Denkmalschützer mit wachsamen Augen darauf.

Ein Beispiel: die Berufsfachschule des Klinikums St. Georg in Leipzig. Azubis und Lehrkräfte wuseln durch die Gänge. Die wenigsten von ihnen wissen vermutlich, dass sie im Erdgeschoss des langgestreckten Plattenbaus tagtäglich an zwei Wandmosaiken eines bekannten Malers vorbeilaufen. "Die Kunstwerke waren wirklich nur Insidern bekannt", sagt Klinik-Sprecherin Manuela Powollik. Die farbenfrohen Bilder stammen ebenso wie ein Mosaik an der Außenwand vom Leipziger Maler Arno Rink (1940–2017), fertiggestellt im Jahr 1990. Sie zählen zur Kunst am Bau der DDR. Die Pflegefachschule des St. Georg steht seit 2023 unter Denkmalschutz – nicht nur, aber auch wegen der Kunstwerke.

"Es gibt inzwischen wieder eine größere Aufmerksamkeit für die baugebundene Kunst der DDR", sagt Klaus Jestaedt, Abteilungsleiter des Denkmalamtes der Stadt Leipzig. Vor allem in den 90er-Jahren seien viele der Kunstwerke verschwunden. Das heißt: Sie wurden abgerissen oder abgebaut. "Ein Drittel der Dinge ist weg", sagt Jestaedt. Inzwischen habe es jedoch ein Umdenken im Denkmalschutz gegeben. "Es ist eine andere Zeit, eine andere Generation, die eine andere Sicht auf die Dinge hat."

Dabei sind nicht nur prominente Bauten in den Fokus der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger gerückt. Die Stadt Leipzig hat seit 2019 systematisch ihre Schul- und Kitabauten unter die Lupe genommen und geschaut, wo welche Künstler an der Gestaltung beteiligt waren. Die Stadt übermittelte dem Landesamt für Denkmalpflege eine Liste von 50 Bauten aus den 70er- und 80er-Jahren. Das Amt entscheidet, was davon unter Denkmalschutz gestellt wird. Nicht nur in Sachsen ist die sogenannte Ostmoderne wieder zum Thema geworden. "Es gibt in vielen Städten Aktivitäten", sagt Axel Drieschner, Kurator des Museums für Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt. "Seit ungefähr fünf Jahren ist das in den Denkmalämtern angekommen." Zuvor seien es eher engagierte Einzelpersonen gewesen, die die Kunst am Bau aus der DDR aufgespürt und fotografisch dokumentiert haben.

Abstrakte Werke

Es ist eine bisher ungezählte Menge an Kunstwerken, die die Bürgerinnen und Bürger durch ihren Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat begleitet hat. Davon entstanden Arbeiten bekannter und teilweise auch sehr staatsnaher Künstler wie Walter Womacka, aber auch viele Werke, die Kunsthistoriker als kaum oder gar nicht propagandistisch einstufen. Neben Prestigebauten wie das Haus des Lehrers oder das Staatsratsgebäude in Berlin wurden auch viele andere Gebäude in der DDR innen wie außen mit baugebundener Kunst verziert. "Es ging darum, das sozialistische Weltbild zu vermitteln, aber auch ein optimistisches Lebensgefühl", sagt Drieschner. Daher fänden sich als Motive häufig spielende Kinder, glückliche Paare oder ältere Menschen, die miteinander plaudern. Aber auch abstrakte Werke prangen bis heute an Fassaden.

Das Museum für Utopie und Alltag hat im vorigen Jahr zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Brandenburg eine Ausstellung im Landtag in Potsdam zusammengestellt. Ebenfalls voriges Jahr gründeten die Denkmalfachämter der Bundesländer Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin das "Denkmal-Forum Ostmoderne". Neben der Erfassung des Bestands nach gemeinsamen Standards geht es dort auch um den Austausch, wie die Werke bewahrt werden können.

Denn auch wenn das Interesse an der baugebundenen Kunst wieder gewachsen ist, heißt das nicht unbedingt, dass der Erhalt einfacher geworden ist. "Es ist schwierig, die Dinge zu bergen – und muss auch nicht immer sinnvoll sein", sagt Kunsthistoriker Drieschner. Eine verzierte Giebelwand als Bestandteil eines Gebäudes werde schwerlich den Weg in ein Museum finden können. Denkmalpfleger Jestaedt hält es für günstig, die Werke an Ort und Stelle zu bewahren. "Nicht nur die baugebundene Kunst ist erhaltenswert, sondern auch der Kontext. Sonst ist die Geschichte nur halb erzählt."

Wandbild "Produktivkraft Mensch"

Bei nicht denkmalgeschützten Werken wurde in der Vergangenheit auch immer wieder der Weg gewählt, dass sie abgebaut, eingelagert und später an einem anderen Ort wieder angebracht wurden. So erhielt zum Beispiel in Leipzig das 18 Meter hohe Wandbild "Produktivkraft Mensch" von Hans-Hendrik Grimmling ein zweites Leben. Einst entworfen für den Chemieanlagenbau Leipzig, hängt das restaurierte Mosaik nun an einem Neubau in der Stadt. Ein Erhalt an Ort und Stelle hängt auch davon ab, ob der Besitzer eines Gebäudes Geld in eine Restaurierung stecken kann und will.

Wie es mit der Berufsfachschule in Leipzig mit den Arno-Rink-Werken langfristig weitergeht, ist auch noch offen. Der Plattenbau des "Leipziger Gangbautyps" aus den 80er Jahren ist äußerlich noch unverändert, neben dem gelblich-mintgrünen Mosaik fällt vor allem die graue Waschbeton-Fassade ins Auge. Das Klinikum St. Georg will seine Berufsfachschule voraussichtlich 2026 in ein anderes Gebäude auf dem Gelände verlegen, wie Sprecherin Powollik sagt. Dann muss eine neue Nutzung für den Bau her. Wegen des Denkmalstatus steht nun immerhin fest, dass Arno Rink nicht angetastet werden darf.

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